Kindheitsgeschichten über Jesus: Zwischen Schweigen und Legenden

Mit nur sechs (oder auch sieben) Jahren soll Jesus ein kreatives Kind gewesen sein. Das jedenfalls lässt sich aus dem Kindheitsevangelium nach Thomas herauslesen, einer sogenannten apokryphen Schrift, die Erzählungen von Wundern enthält, die Jesus zwischen seinem fünften und zwölften Lebensjahr vollbracht haben soll. Mit anderen Jungen seines Alters soll er sich in einer verlassenen Lehmgrube getroffen und Vogelfiguren aus Lehm geformt haben. Ein älterer Rabbiner beobachtete die Kinder und schimpfte mit ihnen, denn am Sabbat seien Handwerksarbeiten nicht erlaubt. Jesus jedoch ließ sich nicht einschüchtern. Dem Rabbiner stehe es nicht zu, Kinder so zu beschimpfen, soll er entgegnet haben. Als dieser daraufhin die Figuren zertreten wollte, habe Jesus in die Hände geklatscht und den Lehmvögeln zugerufen, sie sollten davonfliegen. Diese wurden daraufhin lebendig und flogen davon.
Diese Episode ist nur eine von vielen Erzählungen aus dem apokryphen Thomasevangelium. Über die Kindheit Jesu ist ansonsten wenig bekannt. Die kanonischen Evangelien nach Matthäus und Lukas berichten vor allem von der Geburt Jesu sowie von den letzten Jahren seines Wirkens. Zur Kindheit nennen sie lediglich wenige, theologisch gesetzte Stationen: die Geburt in Bethlehem, den Besuch der Weisen aus dem Morgenland, die Flucht nach Ägypten vor der Verfolgung durch Herodes und schließlich die Rückkehr nach Nazareth, wo Jesus aufwuchs. Eine Ausnahme bildet die Szene des zwölfjährigen Jesus im Tempel von Jerusalem (Lk 2,41–52). Diese deutet seinen religiösen Werdegang an, ohne jedoch ausschweifend zu sein.
Zurückhaltung kein Mangel
Gerade diese Zurückhaltung der kanonischen Evangelisten ist bemerkenswert. Sie verzichten bewusst darauf, die biografische Lücke zwischen Geburt und öffentlichem Wirken Jesu mit Wundergeschichten zu füllen. Nicht spektakuläre Kindheitswunder, sondern das Wirken Christi in Wort, Tod und Auferstehung steht im Zentrum ihrer Botschaft. Die Lücke ist daher kein Mangel, viel eher Ausdruck theologischer Konzentration .
Die apokryphen Kindheitsevangelien hingegen antworten auf ein anderes Bedürfnis. Sie sind weniger als historische Berichte zu lesen, vielmehr spiegeln sie ein frühchristliches Ringen um zentrale christologische Fragen: Wann und wie zeigt sich die göttliche Natur Jesu? Entfaltet sie sich erst im öffentlichen Wirken? Oder ist sie von Anfang an wirksam? In den apokryphen Texten wird diese Frage oft zugespitzt beantwortet: Jesus erscheint bereits als Kind mit umfassender göttlicher Vollmacht. Dabei wirkt er nicht nur wundertätig, sondern gelegentlich auch eigenwillig und unbeugsam. Er belehrt Lehrer, widerspricht religiösen Autoritäten und straft andere Kinder oder Erwachsene. Solche Erzählungen erheben keinen moralischen Anspruch, sondern sind theologische Deutungen – jedoch in einer Weise, die irritieren kann.
Im Laufe des Mittelalters wird das Jesuskind zur emotional zugänglichen Figur christlicher Frömmigkeit, etwa in Erzählungen um Heilige wie Antonius von Padua oder Christophorus.
Neben dem Thomasevangelium berichten auch andere apokryphe Schriften von der frühen Lebenszeit Jesu, darunter das arabische Kindheitsevangelium aus dem 6. Jahrhundert und das sogenannte Pseudo-Matthäus-Evangelium aus dem 8./9. Jahrhundert. Gemeinsam ist ihnen das Bestreben, die biografische Lücke erzählerisch zu füllen und die Einzigartigkeit Jesu von frühester Kindheit an zu betonen. Unterschiede zwischen den drei Texten gibt es auch: Das Thomasevangelium schildert wundertätige Geschichten ohne Geburtsrahmen, während das arabische Kindheitsevangelium diese Tradition legendenhaft mit orientalischen Motiven und Volksfrömmigkeit erweitert. Seine Erzählungen beeinflussten späteres Volksgut und islamische Traditionen über Isa (Jesus). Das Pseudo-Matthäusevangelium hingegen erzählt die Geburt und frühe Kindheit von Maria und Jesus in erweiterter Form. Im Mittelalter war das Pseudo-Matthäusevangelium weit verbreitet und stark einflussreich. Es prägte die westliche Mariologie, die Kunst und Liturgie sowie zahlreiche volkssprachliche Legenden.
Vom Geheimnis zur Frömmigkeit
Im Laufe des Mittelalters verlagert sich der Akzent erneut. Nun entstehen Legenden und Volksfrömmigkeitsformen um das Jesuskind, die weniger auf Macht und Wunder zielen, sondern eher auf Nähe, Schutz und Innigkeit. Das Jesuskind wird so zur emotional zugänglichen Figur christlicher Frömmigkeit. In Erzählungen um Heilige wie Antonius von Padua oder Christophorus erscheint es nicht als strafender Wundertäter, sondern als Zeichen göttlicher Zuwendung. Besonders deutlich wird diese Umdeutung in der Verehrung des Jesuskindes von Atocha. Der Überlieferung nach soll es Gefangenen während der Reconquista geholfen haben. Bis heute vor allem in Mexiko wird das Jesuskind als Helfer der Gefangenen und Entrechteten verehrt.
Ein anderes Beispiel ist die Figur des Prager Jesuskind es. Diese Darstellung verbindet die Gestalt des segnenden Christus mit jener des königlichen Jesuskindes: Das Kind trägt kostbare Kleidung, hält in der einen Hand die Weltkugel und hebt in der anderen Hand den segnenden Arm. Die mit Wachs überzogene Holzfigur aus dem 16. Jahrhundert, heute in der Kirche Santa Maria della Vittoria in Prag, entstand in Spanien in einer Zeit, in der die Verehrung des Königtums Christi – auch in der Gestalt des Jesuskindes – besondere Verbreitung fand. Maßgeblich gefördert wurde diese Frömmigkeit durch die Mystik und Reformbewegung um Teresa von Ávila. Über spanische Gesandte gelangte die Figur nach Böhmen und wurde den Unbeschuhten Karmelitern übergeben. Inspiriert durch diese Verehrung gründete Papst Leo XIII. 1896 eine eigene Kongregation zu Ehren des Prager Jesuskindes. Es entstanden weitere Bruderschaften und liturgische Feiern.
Theologische Deutung, weniger Biografie
In solchen Darstellungen bündelt sich, was sich in Texten und Frömmigkeitsformen über viele Jahrhunderte hinweg entwickelt hat. Die Kindheit Jesu dient deshalb weniger der biografischen Ausmalung, sondern eher der theologischen Deutung. Das Jesuskind erscheint darin zugleich nah, verletzlich und königlich.
Dennoch bleibt die Kindheit Jesu historisch weitgehend im Dunkeln. Gerade diese Leerstelle hat jedoch Fantasie, Theologie und Volksfrömmigkeit angeregt. Zwischen apokryphen Erzählungen, der Zurückhaltung der kanonischen Evangelien und volkstümlichen Verehrungsformen zeigt sich, wie jede Epoche ihre eigenen Fragen an das Jesuskind stellt. Die Kindheit Jesu ist damit weniger ein rekonstruierbares Lebenskapitel als ein theologischer Deutungsraum zum Nachdenken darüber, wie Nähe, Macht und Verletzlichkeit zusammengehören.