Was hilft gegen Frust über den Reformstau in der Kirche?

Mit 16 Jahren schreibt Johanna Müller ihre Bewerbung, um als junge Synodale in die Synodalversammlung einzutreten. Der BDKJ hat damals die Aufgabe 15 Personen unter 30 Jahren auszuwählen, die junge Menschen im Synodalen Weg vertreten sollen. "In der Bewerbung musste ich meine Vision von Kirche beschreiben", erinnert sie sich. Frauenweihe, Ehe für gleichgeschlechtliche Paare und Mitbestimmung von Laien bei der Bischofswahl – all das soll laut Müller in der Kirche möglich werden.
Ihre Bewerbung überzeugt und bei der ersten Synodalversammlung 2019 ist Müller mit 17 Jahren das jüngste Mitglied. In den kommenden sechs Jahren kann sie zusammen mit knapp 200 anderen Katholikinnen und Katholiken an Veränderungen der Kirche in Deutschland mitarbeiten. All die Begegnungen und Diskussionen prägen die junge Frau enorm. Bei der letzten Synodalversammlung sagt sie aber, ihr Frust über den Reformstau in der katholischen Kirche ist über die letzten Jahre größer geworden. Wie geht man damit um?
Frust bei #OutInChurch-Mitbegründer
Frust über Reformstau kennt auch Rainer Teuber. Von Anfang an engagiert er sich bei #OutInChurch, eine Initiative von rund 500 queeren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der katholischen Kirche. Den Synodalen Weg verfolgt er über die Jahre aufmerksam. Er erinnert sich prägende Momente, als beispielsweise Mara Klein als nicht binäre Person sich vor die Versammlung stellt und sagt, dass die Bischöfe ihr ihr Sein absprechen würden. "Solche Stimmen zu hören hat mich und sicher auch viele andere nachhaltig bewegt", erzählt Teuber. Ihn freut es, dass es überhaupt eine Debatte um die Gleichstellung queerer Menschen in der katholischen Kirche gibt. "Vor 10 oder 20 Jahren wäre das nicht denkbar gewesen", sagt Teuber. Dennoch gab es für ihn in den letzten Jahren auch immer wieder Rückschläge.
Sein Tiefpunkt des Synodalen Wegs war die Ablehnung des Grundtextes zur Sexualmoral im Jahr 2022. Er versteht bis heute nicht, wie ohne einen gemeinsamen Grundlagentext anschließend noch Handlungsempfehlungen zu dem Thema beschlossen werden konnten. Die Handlungsempfehlung für Segensfeiern für liebende Paare gehen ihm nicht weit genug. Ohne eine verpflichtende Umsetzung in allen Bistümern kann er sich nicht zufrieden geben. "Mir fällt es ziemlich schwer, dieses Abrücken vom Ziel als Freiheit und Fortschritt zu verkaufen", so Teuber.
Auch Johanna Müller ist in den letzten Jahren immer wieder vom Synodalen Weg enttäuscht. Ihr ist zwar von Anfang an klar, dass über Themen wie die Weihe von Frauen zu Priesterinnen nicht allein in Deutschland entschieden werden kann. Dennoch hätte sie sich mehr Entschiedenheit bei den Handlungsempfehlungen gewünscht. "In meinen Augen wurden die Texte immer so weit geglättet, bis man sich der Zweidrittel-Mehrheit der Bischöfe sicher war", so Müller. Beim Thema Frauendiakonat würde man nur noch bitten, anstatt wirklich Veränderungen für Frauen zu ermöglichen.
Der Zusammenhalt unter den jungen Synodalen hat Johanna Müller viel Kraft gegeben.
Gerade für Müller nahm der Frust über die Jahre immer weiter zu. "Ich bin in den sechs Jahren volljährig geworden, habe einen Auslandsfreiwilligendienst gemacht und mein Theologiestudium begonnen", erzählt sie. Kirchenpolitisch und auch theologisch kenne sie sich jetzt viel besser aus. "Und dann frustriert es umso mehr, zu erkennen, dass anscheinend theologische Argumente nicht der Maßstab für Reformen sind", so die 23-Jährige.
Jetzt gerade ist Müller erst einmal erleichtert, dass sich das Kapitel Synodaler Weg für sie schließt. "Ich bin froh, dass es mit der Synodalkonferenz weiter geht", sagt sie. Müller selbst will sich aber erstmal eine kirchenpolitische Pause nehmen. "Mir fehlt gerade die Geduld über Themen zu debattieren, wo alle Argumente auf dem Tisch liegen", sagt die Studentin und verweist auf die Rolle der Frau in der Kirche.
In den letzten Jahren hat sie herausgefunden, dass ihr ein Engagement in Wellen guttut. Sie hat sich oft gefragt, ob sie anfangs zu naiv in den Synodalen Weg gestartet ist. Ihre Antwort lautet heute nein, sie steht weiterhin hinter all dem was sie in den letzten Jahren gesagt und gedacht hat. "Ich habe eben auch noch nicht so viel Frustration erlebt und hatte dadurch vielleicht einen nicht so realistischen Blick auf die Kirche", resümiert sie. Ihr Frustrationslevel ist mittlerweile bei 80 Prozent. In der nächsten Zeit will sie sich deshalb erstmal ihrem Studium widmen. Der Grund, warum sie sich diese Pause erlaubt: In den letzten Jahren habe sie so viele Menschen getroffen hat, die wie sie dringend auf Reformen hoffen. "Ich weiß, dass die weitermachen, auch wenn ich gerade nicht kann", so Müller.
Rainer Teuber arbeitet in der Domschatzkammer des Bistums Essen. Er ist einer der Initiatoren der Aktion #OutInChurch.
Für Rainer Teuber ist dagegen klar, dass er sich weiter kirchenpolitisch engagieren möchte. Auch wenn der Synodale Weg für queere Menschen eine neue Sichtbarkeit geschaffen hat, waren die Veränderungen größtenteils nur symbolisch. "Einige bei #OutInChurch wollen sich mit diesen kleinen Schritten zufriedengeben, ich aber nicht", sagt der 58-Jährige entschlossen. Ihm hilft es zwischen all dem Frust über die Kirche an den Essener Dom zu denken. "Da gab es vor vielen hundert Jahren einen Menschen, der eine Idee von einem Gebäude hatte. Er hat die ersten Grundsteine im sicheren Wissen gelegt, dass er dieses Gebäude niemals fertig sehen wird. Das hat ihn aber nicht abgehalten, die ersten Steine zu legen – in der Hoffnung, dass eben Generationen darauf aufbauen können", so Teuber. Dieses Bild passe zu der Arbeit von Out in Church, seinem persönlichen Engagement und auch dem der Synodalen. "Wie Papst Franziskus immer sagte, soll die Kirche ein Haus sein, dass für alle offen ist – und da versuche ich meinen Beitrag zu leisten", fasst Teuber zusammen.
Dieses Bild findet Müller an sich sehr schön. "Ich habe aber einen höheren Anspruch." Sie will nicht nur Teil eines Reformprozesses sein, sondern auch Ergebnisse sehen. "Vielleicht liegt das aber auch daran, dass ich jünger bin", sagte sie. Auf den Synodalen Weg schaut sie gemischten Gefühlen zurück: "Die Kirche diskriminiert weiterhin, ob Frauen oder queere Menschen, aber ich habe auch Hoffnung". Bei all den Versammlungen habe sie gesehen, wie vielen Menschen die Kirche nicht egal ist. Zu wissen, dass man nicht allein auf Reformen hofft, ist für Müller das wichtigste Mittel, um den Frust über Reformstau auszuhalten.