So entdecken junge Menschen den Glauben im Internet
Immer weniger Menschen in Deutschland sind katholisch. 2025 kehrten mehr als 300.000 Menschen der Kirche den Rücken, 2023 waren es sogar über 400.000. Auch bei jungen Leuten spielt Religion oft keine große Rolle mehr im Alltag. Haben die Menschen also aufgehört zu glauben – vor allem die jungen? Wer jungen Leuten oder Influencern in Sozialen Netzwerken zuhört, kann da durchaus auch einen anderen Eindruck bekommen.
"Lasse in einer dunklen Welt Gott dein Licht sein", sagt etwa @savednotshy auf Instagram. @erfolg_im_fokus meint: "Wenn Gott eine Tür öffnet wird niemand sie schließen können." Dazu passt @Sandys.diiary, die schreibt: "Gott bereitet dich gerade auf etwas größeres vor." Das sagen Influencer, die sich sonst nicht schwerpunktmäßig mit Glaubensthemen beschäftigen. Was aber interessiert die jungen Leute an der Religion? Hier lassen sich einige Muster erkennen.
Orientierungslosigkeit sitzt tief
Da ist zum einen das Thema Orientierung: "Das Gefühl der Orientierungslosigkeit kann so tief sitzen, dass es sich anfühlt, als würdest du durch dichten Nebel laufen", schreibt etwa die Influencerin "irynasaloga". Damit ist sie nicht allein: Eine Studie des Kölner Rheingold Instituts ergab, dass Krisenerfahrungen wie die Corona- Pandemie, der Krieg in der Ukraine sowie Inflation und Klimawandel Gründe für dieses Gefühl seien. 70 Prozent der knapp 1.300 Befragten zwischen 16 und 24 Jahren sehnten sich nach einer unkomplizierteren und übersichtlicheren Welt, erklärten die Studienautoren. Ein Weg zu dieser Übersicht im Leben kann für manche der Glaube sein.
Ein weiterer Punkt ist das Thema Einsamkeit. Auf ihrem Account teilt die Influencerin @annikawttk, dass sie sich manchmal einsam fühlt, und fragt ihre Follower, was sie in einer solchen Situation machen würden. So kommen sie in den Austausch. Es gibt einige Influencer, die von diesem Gefühl der Einsamkeit sprechen, wie beispielsweise "sophiebreuer99", die aussagt, dass Einsamkeit alle treffen könne. Zahlen stützen diesen Eindruck: Eine Umfrage des WDR unter 1165 Befragten ab 18 aus Nordrhein-Westfalen ergab, dass sich von den Befragten 18- bis 34- Jährigen 14 Prozent häufig und 32 Prozent manchmal einsam fühlen. Ein Ansprechpartner ist da für manche junge Leute Gott. @natuerlichpatrik sagt etwa: "Gott hat immer ein offenes Ohr für dich." Das kann durchaus helfen, sagt die Psychologin Eva Wlodarek zu katholisch.de: "Eine im Wortsinn 'religio', eine Verbindung nach oben zu haben, kann aus der Einsamkeit befreien."
Einsamkeit ist für viele junge Menschen ein Thema.
Diese Verbindung nach oben ist aber nicht mehr so traditionell an kirchliche Institutionen oder Glaubenssätze gebunden wie in vergangenen Zeiten. Der Influencer Jürgen Höller sagt beispielsweise, er glaube an eine Göttlichkeit, gehe aber nicht in die Kirche. Der Influencer Max Reuther unterhält sich mit zwei jungen Frauen, die regelmäßig sonntags in die Kirche gehen.
Solche jungen Laute gibt es selbstverständlich weiterhin. Dass jedoch alternative, individualisierte Glaubenspraktiken immer beliebter werden, hat auch mit Social Media zu tun. Immer mehr Influencer produzieren dort auch religiösen Content – oft mit einem sehr persönlichen Ansatz. "Aiiceostwald" hält es etwa so: "Gebet heißt nicht, stundenlang weinend auf den Knien zu sitzen, sondern einfach mal mit Gott zu reden." Viele junge Menschen gehen nicht regelmäßig in die Kirche, glauben aber trotzdem an Gott. Das zeigt auch die Bertelsmann-Jugendstudie. Demnach gibt einem Drittel der befragten 14-bis 19-Jährigen der Glaube in schwierigen Zeiten Halt. Social Media wird nicht nur für die Verbreitung des Glaubens, sondern auch für einen christlichen Austausch genutzt.
Individuelles Leben im Glauben
Ebenso individuell wie der Glaube der jungen Leute ist auch ihre Glaubenspraxis, für die sie Vorbilder im Internet finden. So erzählt die Influencerin "Aliiceostwald" davon, wie sie beim Spazierengehen mit Gott redet. Laut einer Studie der CVJM-Hochschule unter 14- bis 29-Jährigen beten religiöse Jugendliche vor allem für sich selbst - und weil es ihnen guttut. "Gott ist eine Art Butler geworden, der mir hilft, besser zu leben. Gott ist Vater, Freund, Hirte und liebevoll", sagte Theologe Tobias Faix der HNA. Die Jugendlichen läsen nicht mehr so viel in der Bibel, hörten stattdessen aber gern Lobpreis-Musik. Es geht also nicht nur um Selbststärkung, sondern auch um ein schönes sinnliches Erleben. Das wird christlich ausgelebt, aber nicht nur: Auch Meditation, Ayahuasca- Zeremonien und Ayurveda sind für junge Leute eine Option.
Das Interesse junger Menschen an Gott und dem Glauben ist also durchaus noch vorhanden. Sie integrieren ihn auf ihre Weise in den Alltag, transformiert und individualisiert, mithilfe von Social Media. Gott spendet den Menschen Orientierung, Halt und das Gefühl, nicht allein zu sein und – ist so fester Bestandteil im Leben von vielen jungen Menschen.
