Neue Studie zu Digitalität in der Kirche entsteht

Kommunikationswissenschaftler: Die Zukunft der Kirche wird hybrid sein

Veröffentlicht am 25.02.2026 um 00:01 Uhr – Von Felix Neumann – Lesedauer: 

Köln ‐ Wie nutzen Gläubige das Internet? Anders, als Klischees vermuten lassen, weiß Professor Holger Sievert. Seine Studie zur Digitalisierung in den Kirchen soll noch weitere überraschende Erkenntnisse zu Tage fördern.

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Als der Kommunikationswissenschaftler Holger Sievert 2023 das erste Mal Tausende von Christinnen und Christen dazu befragt hat, wie sie das Internet und digitale Möglichkeiten nutzen, kam die Kirche gerade aus der Pandemie: Corona hatte wie überall in der Gesellschaft zu einem großen Digitalisierungsschub geführt. Schon damals hat er interessante Dinge über den Stand der Digitalisierung in Kirchen herausgefunden, die vielen Klischees widersprechen. Nun geht die Studie in die zweite Runde. Was der Professor für Kommunikationsmanagement an der Hochschule Macromedia beim ersten Mal gelernt hat und was er jetzt herausfinden will, verrät er im katholisch.de-Interview. Schon jetzt hat er gute Tipps für Gemeinden, die digitaler werden wollen.

Frage: Professor Sievert, nutzen Christinnen und Christen das Internet anders als andere Menschen?

Sievert: Christinnen und Christen nutzen zumindest in Deutschland das Internet intensiver als andere Menschen. Es gibt die Vorstellung, dass klassische Gemeinden vor allem analog sind. Wenn man sich aber die Daten anschaut, ist es so, dass Mitglieder christlicher Kirchen in Deutschland beim Thema Internetnutzung ungefähr zwei bis drei Jahre der Gesamtbevölkerung voraus sind, was den Grad der Digitalisierung angeht.

Frage: Das überrascht, wenn man typische Gottesdienstgemeinden im Blick hat – und durch Kirchenaustritte und sinkende religiöse Sozialisierung sind Kirchenmitglieder im Schnitt auch älter als die Gesamtbevölkerung.

Sievert: Die Feststellung gilt auch nur für die Kirchenmitglieder insgesamt, nicht für die Kerngemeinden – da ist es eher umgekehrt. Mittlerweile ist es aber so, dass die ältere Generation in immer höherem Maße digitale Tools nutzt. Nach der letzten SIM-Studie nutzen fast 90 Prozent der Personen ab 60 Jahren das Internet zumindest selten, gegenüber früheren Erhebungen zeigten sich die stärksten Zuwächse in der Altersgruppe ab 80 Jahren. Auch Seniorinnen und Senioren haben zumindest ein Handy, mit dem sie etwa auf WhatsApp beispielsweise Bilder der Enkel schauen. Der eigentliche Grund ist aber ein anderer: Menschen, die in der Kirche bleiben, haben im Schnitt einen relativ hohen Bildungsstandard und gehören einem vergleichbar gehobenen sozialen Milieu an – das ist dann, was die höhere Digitalaffinität vor allem erklärt, nicht primär die Kirchenzugehörigkeit.

Porträtfoto von Holger Sievert
Bild: ©privat (Archivbild)

Holger Sievert wurde ökumenisch als evangelischer Christ im Münsterland groß. Er hat Publizistik und Theologie in Münster und Aix-en-Provence studiert. Nach Stationen in der Unternehmensberatung und in Agenturen ist er heute Professor für Kommunikationsmanagement und leitet als Studiendekan akademisch den Campus Köln der Hochschule Macromedia.

Frage: Was heißt das für kirchliche Kommunikationsstrategien?

Sievert: Kirchliche Kommunikation sollte sich von dem Bild lösen, dass sie Leute über Print, über Fernsehen, über Radio besonders gut erreicht. Der Hauptkommunikationskanal ist digital, und den muss man redaktionell gut aufbereiten und bespielen. Da gibt es leider immer noch viel zu häufig Defizite. Immer noch hört man das Missverständnis, dass man digitale Kommunikation machen muss, um die jungen Leute zu erreichen. Ja, die erreicht man in der Tat auch vor allem so und das sollte man auch versuchen. Die ältere Hauptzielgruppe der kirchlichen Publizistik und Öffentlichkeitsarbeit ist längst viel digitaler, als das Klischee es suggeriert. Die "Silver Surferin" ist eine viel realistischere Zielgruppe kirchlicher Kommunikation als ein Siebzehnjähriger.

Frage: Da sind die Leute also – aber wollen sie auch mit christlichen Inhalten erreicht werden? Die Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung hat ermittelt, dass weniger als ein Drittel der Kirchenmitglieder digitale Medien zumindest manchmal für religionsbezogene Zwecke nutzen. Ist es realistisch, die anderen zwei Drittel erreichen zu wollen?

Sievert: Ja, und oft gelingt das schon. Wenn man detailliert abfragt, welche Kanäle genutzt und wahrgenommen werden, kommen jetzt schon deutlich höhere Werte zustande. Bei unserer letzten DiRK-Studie vor inzwischen drei Jahren hatten zum Beispiel knapp 50 Prozent angegeben, sie nutzen zumindest die Internetseite der eigenen Gemeinde häufig oder sehr häufig.

Frage: Die DIRK-Studie ist eine Onlineerhebung, für die Teilnehmende stark im kirchlichen, auch im hauptberuflichen Bereich, rekrutiert werden. Wie stark lassen sich da Ihre Ergebnisse verallgemeinern?

Sievert: Komplett repräsentativ sind sie nicht, so ist die Studie auch nicht angelegt. Wenn man jedoch aus unseren Daten die teilweise überrepräsentierten Kirchenmitarbeitenden herausnimmt und den Rest der Daten anhand demografischer Merkmale der Kirchenmitglieder nachgewichtet, zeigt sich, dass wir sehr nah daran sind. Die Ergebnisse sind also nicht systematisch verzerrt und lassen allgemeine Schlüsse zu. Vor allem erlauben sie, sehr genau in einzelne Untergruppen reinzuschauen.

Digitaler Opferstock im Erfurter Dom
Bild: ©KNA/Harald Oppitz (Archivbild)

Digitalisierung in der Kirche ist mehr als Streaming und Influencer: Im Erfurter Dom gibt es einen digitalen Opferstock.

Frage: Schauen wir trotzdem auf die Hauptberuflichen. Was fällt dort auf?

Sievert: Ein Beispiel sind die hauptberuflichen Seelsorger. Die digital affinsten unter den Pfarrerinnen und Pfarrern sowie anderen Seelsorgern sind zwischen 50 und 60 Jahre alt. Je jünger diese Gruppe in unserer Befragung ist, desto undigitaler werden sie im Durchschnitt. Es scheint so zu sein, dass jüngere Vertreter dieser Gruppen sich u. a. für ihren Beruf entscheiden, um sich vom Mainstream der Gesellschaft unterscheiden zu wollen. Aber natürlich gibt es singulär z. B. ganz tolle junge Influencer auch in Pastoralberufen.

Frage: Für eine gelingende Digitalpastoral müsste die Kirche also andere Menschen gewinnen als die, die es momentan in die kirchlichen Berufe zieht?

Sievert: Ja, wenn man das einfach laufen ließe, würde die Kirche in der Tendenz konservativer und undigitaler werden – das gilt für die evangelische wie die katholische Kirche. Aber es gibt ja eine Reihe entsprechende Initiativen.

Frage: Gleichzeitig sehen wir aber im Ausland eine sehr starke, bildgewaltige und meinungsstarke, medienkompetente konservative christliche Klientel.

Sievert: Das ist etwas, was wir in der neuen Studie erstmalig erheben werden: Wir schauen uns nicht nur an, wer christlichen Influencern folgt, sondern auch aus welchen Ländern und Kontexten diese Influencer kommen und mit welchen religiösen Überzeugungen der Befragten sie im Zusammenhang stehen. Eine Vermutung könnte sein, dass von den zuletzt knapp 20 Prozent der Studienteilnehmenden, die regelmäßig Influencer wahrnehmen, sehr viele eher US-amerikanischen Influencern folgen – also aus einer Kultur, in der Religion einen ganz anderen Rolle in der Gesellschaft und aktuell vor allem in der Politik hat. Und das wäre jetzt mal die neutrale Beschreibung dieses Phänomens,

Frage: In Deutschland versuchen die Kirchen, eigene Influencer aufzubauen, die Szene scheint viel näher an der Institution zu sein.

Sievert: Gerade im evangelischen Bereich gibt es mit dem yeet-Netzwerk offiziell geförderte Initiativen, ja. Aber wenn man sich die Reichweiten ansieht, sind diese international bestenfalls im mittleren Bereich. Deshalb bin ich gespannt darauf, was unsere neue Befragung ergibt, welche Influencer in Deutschland wirklich wahrgenommen werden.

Bild: ©katholisch.de/cph/Canva, Montage: katholisch.de (Symbolbild)

Auch im Internet und in Sozialen Netzwerken spielt der Glaube eine Rolle.

Frage: Nicht in jeder Gemeinde gibt es Menschen, die Influencer sein können oder wollen – dennoch brauchen Gemeinden eine Digitalstrategie. Wie geht man das an?

Sievert: In erster Linie sollte es darum gehen, lokal möglichst gut vernetzt zu sein. Eine Gemeinde sollte an relevanten Orten im Netz darüber berichten, was sie tut, und sie sollte das vernetzt mit möglichst vielen anderen Akteuren vor Ort tun. Dabei denke ich an vielfältige Vereinen und Institutionen, um so die lokale digitale Community zu stärken. Man hat immer die lokalen Accounts im Blick, die überregional ausstrahlen. Das ist kein Anspruch, den man an sich selbst stellen muss. Im Idealfall tun sie das, was sie als Pfarrer oder Seelsorgerin oder Jugendreferent ohnehin in der kommunalen Gemeinschaft tun und versuchen das auch digital zu leben. Das zweite ist, auf die Nachfrage zu schauen: Während der Corona-Pandemie gab es sehr stark verbreitet Online-Andachten und -Gottesdienste, weil das in Präsenz nicht möglich war. Dass das jetzt viel weniger geworden ist, ist schade, aber es gibt immer noch viele Menschen, die sich solche Angebote wünschen. Bei der letzten DiRK-Studie gaben das über 55 Prozent an. Mit digitalen Angeboten kann man Menschen digitale Teilhabe in der eigenen Gemeinde ermöglichen, die aus welchen Gründen auch immer nicht vor Ort dabei sein können. Das können etwa gesundheitliche Gründe sein oder weil sie weggezogen sind oder weil sie als junge Familie gerade sehr eingespannt sind, Aus meiner Sicht ist das das Erfolgsrezept: Lokale Vernetzung auch auf Social Media und digitale, niedrigschwellige Präsenz für Menschen in hohen und jüngeren Altersgruppen sowie andere, die nicht so mobil sind.

Frage: Gibt es dafür die nötigen Ressourcen in den Gemeinden?

Sievert: Das ist Arbeit, ohne Frage. Aber mit einem vernünftigen Konzept ist es machbar. Der eigentliche Aufwand ist, zu Beginn eine Grundstruktur zu erarbeiten, so wie man das für jede Gemeindekonzeption auch macht. Gerade Social Media kann man dann gut auf verschiedene Schultern legen – das kann etwas sein, bei dem sich Firmlinge oder Konfirmandinnen und Konfirmanden gut einbringen können. Der Punkt ist doch, dass sich die Kirche fragen muss, was sie künftig erreichen will: Wo will Kirche noch eine Relevanz haben, wie sie die Leute mit ihrer Botschaft und ihren Themen erreichen? Mein Ansatz ist: Die Kirche muss dahin gehen, wo die Menschen sind – und das ist heute eben auch ganz stark das Digitale. Umgekehrt bedeutet dies natürlich nicht, Präsenzangebote zu stark aufzugeben – denn die Zukunft von Kirche wird vor allem hybrid sein!

Von Felix Neumann

An der DiRK-Studie teilnehmen

Die Befragung zur Studie "Digitalisierung im Raum der Kirchen" (DiRK 2026) läuft noch. Sowohl Kirchenmitglieder als auch kirchliche Mitarbeitende im Hauptberuf können daran online teilnehmen.

Die Studie wird in Kooperation zwischen der Macromedia University und dem VRK (Versicherer im Raum der Kirchen) durchgeführt. Ziel der Erhebung ist es, neue Entwicklungen und Veränderungen der Digitalisierung im Raum der Kirchen exemplarisch zu untersuchen. Dabei knüpft die Studie an die vorangegangene Untersuchung aus dem Jahr 2023 an.

Die Beantwortung der Fragen dauert etwa zwölf Minuten. Alle Daten werden anonymisiert erhoben und vertraulich behandelt.