Kirchenmusiker: Schlichte Musik wird dem Glauben nicht gerecht

Christliche Musik, die tausende Menschen bewegt: In den vergangenen Jahren hat die Musik als Bestandteil der Glaubensvermittlung eine Renaissance erlebt. Doch ist es jetzt nicht mehr der Gregorianische Choral, der gesungen wird, sondern poppige Worship-Songs, vorgetragen mit Bands und Lichtshows. Das sieht Hans-Jürgen Kaiser kritisch. Der Professor für Kirchenmusik und Orgelimprovisation an der Hochschule für Musik Mainz war zuvor Domorganist am Dom zu Fulda, kennt also auch die praktische Seite des kirchlichen Musiklebens. Im Interview spricht er über zu schlichte Musik – und was sich wirklich zu hören lohnt.
Frage: Herr Kaiser, Glaube vermittelt sich in den vergangenen Jahren wieder öffentlichkeitswirksamer durch Musik: Die Hillsong-Kirche verzeichnet Zulauf, zu Konzerten der O'Bros kommen Zehntausende, Worship-Abende sprießen wie Pilze aus dem Boden. Was passiert da gerade in der Szene?
Kaiser: Diese Formate mit gezielt populärer Musik gibt es schon länger. Mir erscheint das als eine Art Eventisierung von Glauben, was auch immer manche darunter verstehen wollen. Es führt vielleicht auch zu einer Vernachlässigung der Eucharistiefeier als zentralem Element christlichen Tuns. Ab und zu ein Event mit Klängen und Lightshow, das tut es wohl auch. Die Kirche hängt sich teils an modische Musik, um vermeintlich leichter an die Menschen zu kommen. Glaubensinhalte bleiben da eher auf der Strecke. Das sieht man auch schon an den Texten, die sowohl literarisch als auch inhaltlich viel zu wünschen übrig lassen. Und das sollten ja auch unmusikalische Theologen bemerken. Das wirkt sich auch auf die Mittelvergabe aus. Für solche Events werden oft erstaunliche Personalressourcen und finanzielle Mittel eingesetzt. Für Technik wird dabei viel Geld ausgegeben, Beleuchtungseffekte und Sound müssen ja gewährleistet sein.
Frage: Sie sehen diese Entwicklung also kritisch?
Kaiser: Wir müssen das ganze Bild betrachten. Klassische Musik muss man ausgiebig üben: Da sind die Kinderchöre mit oft vielen, mancherorts sogar hunderten Kindern in der Ausbildung an den Domkirchen, die dann auch regelmäßig in den Gottesdiensten singen und sich dabei mit Liturgie und Glaubensinhalten beschäftigen – die als Teil der kirchlichen Jugendarbeit aber kaum so erfasst werden. Dabei kommen diese jungen Sänger und Sängerinnen nicht nur in die Kirche, wenn es einen Event gibt, sondern sehr regelmäßig an Sonntagen, Feiertagen und Hochfesten. Niemand übt komplizierte kirchenmusikalische Werke nur, um die Töne richtig zu treffen. Das ist auch ein Zeichen von Frömmigkeit. Wer beruflich oder ehrenamtlich Kirchenmusik macht, ist Überzeugungstäter – denn "Erfolg" hat man mit ganz anderer Musik viel eher. Trotzdem wird diese Musik als Teil des echten Glaubenslebens nicht immer so recht wahrgenommen. Da fehlt es teils klar an Wertschätzung und Verständnis bei manchen Theologen. Nicht überall, aber doch häufig.
Die Orgel spielt in der traditionellen Kirchenmusik in der ersten Reihe mit.
Frage: Sind denn nicht unterschiedliche Arten von Musik je nach Anlass und Glaubenswissen gerechtfertigt?
Kaiser: Nicht ohne entsprechende Überlegungen haben wir die Ausbildung von Kirchenmusikern reformiert. Sie ist ökumenischer geworden, weil viele Kirchenmusiker auch für die jeweils andere Konfession arbeiten. Das wollen mache zwar nicht wahrhaben, ist aber Realität. Lange Zeit hatten wir in Mainz zwei Semester Pop und Jazz in der Bachelorausbildung, nun sollen es vier Semester werden. Jugendchöre, Kindermusicals, Gospelchöre und vieles andere sind heute fester Bestandteil des Musiklebens in den Gemeinden. Das Problem ist ein anderes: Worshipmusik beispielsweise ist oft so schlicht, dass sie dem Glauben und den theologischen Erfordernissen nicht wirklich gerecht wird. Textlich fehlt oft die Aussage und Tiefe.
Frage: Inwiefern?
Kaiser: Diese Musik wird gespielt, weil sie den Zeitgeschmack zu treffen scheint – die spirituelle Aussage trifft sie nicht. Jede Musik hat mehrere Ebenen. Die Ebene von Mensch zu Mensch erfüllt auch einfache Musik recht gut: Sie verbindet die Leute. Etwas platt formuliert: an Fastnacht ist Fastnacht, und das mit entsprechender "Untermalung". Aber schauen Sie sich Schlager-Konzerte an, da lässt sich das mustergültig beobachten: Die Menschen singen zusammen, stampfen zusammen mit den Füßen. Das ist toll für viele, ja. Aber um auf die Kirche zurückzukommen: Was ist mit der Dimension nach oben, einer dritten Dimension? Natürlich gibt es auch sehr schlichte Kirchenlieder. Aber wenn man dann hört, was Johann Sebastian Bach in einer Kantate daraus macht, tut sich eine völlig neue Welt auf. Eine höhere Ebene, die den Text – sagen wir spirituell – unterstützt und meist auch überhöht.
Frage: Wir haben in der Kirche also ein Problem mit unterkomplexer Musik?
Kaiser: Das hat nicht nur mit Komplexität zu tun. Ich schätze zum Beispiel den Komponisten Johann Pachelbel sehr. Den muss man nicht so viel üben wie einen Bach, aber es ist eine Musik, die über die zwischenmenschliche Ebene hinausgeht und eine Transzendenz aufbaut. Eine ehrliche, aufrechte Musik. Das macht jede gute Musik aus, auch etwa Bruckner, der ganz ohne Text fromme Musik gemacht hat – und die auch außerhalb der Kirche funktioniert. Gleiches gilt auch für das Weihnachtsoratorium von Bach, das viele Menschen vor allem als Festmusik hören. Das alles ist Musik, die eine theologische Komponente hat – und die manche aber zu sehr lediglich als Kulturprodukt wahrnehmen.
„Wir waren in der innerkirchlichen Musikszene vielleicht lange Jahre generell viel zu reproduzierend.“
Frage: Gibt es da musikalisch im Katholizismus eine Leerstelle? Denn viele Impulse kommen aus dem protestantischen Raum.
Kaiser: Die Musiklandschaft ist mittlerweile sehr ökumenisch. Katholiken spielen Bach und Buxtehude, evangelische Christen singen Psalmen im Stundengebet, spielen alle großen französischen Komponisten und natürlich Olivier Messiaen als tief katholischen Kirchenmusiker. Taizé überspringt sowieso Konfessionsbeschreibungen. Da Grenzen zu ziehen, schränkt die große Vielfalt ohne Grund, auch ohne theologischen Grund ein. Denn sonst müsste man sagen: Überhaupt Kirchenlieder zu singen, ist eine protestantische Tradition. Auf die wollen wir in der katholischen Kirche aber nicht verzichten. Wir sollten uns da keine Wege verbauen. Im protestantischen Raum muss man da sicher auch bedenken, dass der freikirchliche Bereich nochmals eine eigene Dynamik hat.
Frage: Welche Impulse an zeitgenössischer Musik braucht die Kirche?
Kaiser: In der Chormusik hat sich international viel getan: Komponisten wie John Rutter oder Ola Gjeilo, um zwei bekanntere Namen stellvertretend zu nennen, machen Musik, die nicht beliebig ist, die man aber trotzdem gern hört. Auch im Orgelbereich gibt es Initiativen, wieder nach vorn zu gehen. Wir waren in der innerkirchlichen Musikszene vielleicht lange Jahre generell viel zu reproduzierend. Da tut es gut, dass immer mehr Kirchenmusiker wieder komponieren und dabei in der Praxis stehen und die Musik auch zum Klingen bringen. Diese arbeiten dann auch gegen die elektronisch verstärkten Töne der schnell am Rechner produzierten Popmusik an. Künstliche Intelligenz wird diesen Effekt noch verstärken. Ich warte immer noch darauf, dass es in diesem kirchlichen Popmusikbereich Musik gibt, die qualitativ mit der Tradition mithalten kann. Rutter, Gjeilo auch Andrew Lloyd Webber mit seinem Requiem zeigen, dass es auch in unserer Zeit Musik gibt, die im spirituellen Raum funktioniert und das auch transportiert. Aber bei der Bandmusik habe ich solch wertige Musik selten oder gar nicht gehört. Das zeigt sich schon an der Notation: Wenn es nur die Melodie und Begleitakkorde gibt, passiert da nichts, es braucht eine weitere Stimme, eine Gegenstimme. Das sind Gitarrengriffe, das funktioniert auf der Orgel auch nicht. Es muss komplexer sein. Auch da muss diese dritte Dimension, hin zum Göttlichen, vorhanden sein. Daran arbeiten wir natürlich in der Ausbildung an den Hochschulen. Auch neue NGL, und es gibt auch da Gutes, will aufbereitet sein. Da gibt es gute kompositorische Ansätze, auch für nicht professionelle Organisten. Man kann auch hier in Richtung einer qualifizierten Bearbeitung gehen, sei es improvisatorisch oder kompositorisch und sich an den großen Choralbearbeitungen auch eines Reger oder meinetwegen Buxtehude "abarbeiten". Das klingt dann ganz anders, ist aber nicht "flach".
Frage: Hat qualitätvolle Musik in der Kirche eine Zukunft?
Kaiser: Es würde mich wundern, wenn dem nicht so wäre. Das Weihnachtsoratorium werden die Leute immer hören wollen – und ganz zu Recht. Was üben die weltlichen Oratorienchöre? Meist geistliche Musik, große Oratorien und Messen, die Missa solemnis, das Verdi-Requiem. Warum machen sie das wohl, ohne kirchlichen Auftrag, aber mit viel Aufwand und großem Kapitaleinsatz? Da muss man sich auch international umschauen. Hierzulande steht die Kirche, stehen die Kirchen, mit dem Rücken zur Wand und man sucht nach einfachen Lösungen, die aber nur bedingt etwas bringen werden. Denn wo gibt es in einem normalen Gottesdienst schon immer eine Band? Wir können nicht nur vier Mal im Jahr einen Gottesdient mit Band machen. Dann beerdigen wir auch den Sonntagsgottesdienst an sich. Anstatt auf schnelle Effekte zu setzen, sollte die Kirche mutig den Raum der Möglichkeiten auf anspruchsvollem Niveau erkunden. In diesem Sinne, wie bei Bach: S.D.G. Soli Deo gloria.