Konservativer Anglikaner verteidigt Frauenordination
Der britische Journalist Peter Hitchens ist der Ansicht, dass Frauen in Weiheämtern die anglikanische Kirche gerettet hätten. "Wenn niemand in der Kirche ist, der die Gottesdienste feiert, dann hat man eigentlich keine Kirche. Was kann daran falsch sein?", sagte er am Montag im Podcast der Zeitung "Church Times", wenige Tage nach der Amtseinführung der neuen Erzbischöfin von Canterbury, Sarah Mullally (Foto oben). Ohne die Ordination von Frauen gebe es seiner Ansicht nach deutlich weniger Berufungen – auch wegen der Missbrauchsskandale.
Doch die Entscheidung, Frauen vom Priesteramt auszuschließen, sei seiner Ansicht nach nicht biblisch begründet. "Im Leben Christi wird deutlich, dass er Frauen als gleichberechtigt ansah. Und selbst wenn er sie nicht zu den zwölf Jüngern berief, beweist das meiner Meinung nach nicht, dass Frauen keine Priesterinnen sein können", so der Journalist. Außerdem betonte er, dass Frauen die ersten Zeuginnen der Auferstehung waren.
Atheistische Phase
Peter Hitchens ist der Bruder des 2011 verstorbenen Journalisten und Autors Christopher Hitchens. Dieser war bekannt für seine zahlreichen Essays und polemischen Schriften, in denen er sich für eine säkulare Weltsicht einsetzte und Religion für Missstände und Fehlentwicklungen in der Welt verantwortlich machte. Auch Peter Hitchens selbst durchlief – wie sein Bruder – eine atheistische Phase und erinnerte sich an Zeiten, in denen er mit Schulfreunden die Bibel verbrannte. Seinen eigenen Aussagen zufolge fand er jedoch 1981 zum christlichen Glauben zurück. Die anglikanische Kirche sprach ihn besonders wegen ihres Grundsatzes an, im Allgemeinen das Gute anzustreben und weniger "sinnlose Versuche zu unternehmen, absolute Wahrheiten zu finden", so Hitchens.
Die anglikanische Kirche entstand zur Zeit der Reformation in England. Heinrich VIII. brach 1533 mit dem Papst, nachdem dieser sich geweigert hatte, die Ehe des Königs zu annullieren. 1534 setzte sich Heinrich VIII. selbst als Oberhaupt einer neuen Staatskirche ein. Weltweit zählt die anglikanische Kirche zwischen 77 und 85 Millionen Mitglieder. Geistliches Oberhaupt, Primas der Kirche von England sowie Ehrenoberhaupt der anglikanischen Weltgemeinschaft ist der Erzbischof – nun die Erzbischöfin – von Canterbury.
Sarah Mullally ist die erste Frau in diesem Amt und ist nach anglikanischem Verständnis die 105. Nachfolgerin des heiligen Augustinus von Canterbury, der um 597 von Papst Gregor I. nach England gesandt wurde, um die Angelsachsen zu missionieren. Er gilt als Begründer der englischen Kirche, die seit der Reformation im 16. Jahrhundert nicht mehr katholisch ist, sondern protestantisch wurde. Seit 1994 können in der anglikanischen Kirche Frauen zu Priesterinnen geweiht werden. Die erste Bischöfin wurde erst 2015 geweiht, nachdem die Synode nach jahrelangen Debatten das Bischofsamt für Frauen geöffnet hatte. (mtr)
