Darum lasse ich mich taufen – Ein junger Mann erzählt

Milan Magand macht in diesem Sommer sein Abitur. Der Berliner – 18 Jahre alt, schlank mit dunklem Haar – schwimmt regelmäßig, ist politisch engagiert, trifft Freunde oder chattet im Netz. Ein ganz normaler junger Mann – aber einer, dem das alles für sein Leben nicht genügt.
Deshalb will Milan sich taufen lassen – am Samstag der Osternacht in der Berliner Hedwigskathedrale, von Erzbischof Heiner Koch. Milan ist einer von 180 erwachsenen Taufbewerbern im Erzbistum, wie es heißt. Berlin führt damit die bundesweite Taufstatistik an. Aber auch andere Bistümer melden leicht steigende Zahlen. 2.075 Menschen ab 14 Jahren wurden 2024 hierzulande katholisch getauft (2023: 1.803). Kein Vergleich allerdings mit Frankreich: Hier ließen sich im vergangenen Jahr rund 17.000 Erwachsene taufen, die Hälfte von ihnen unter 25 Jahren alt.
Warum interessieren sich wieder mehr Menschen, darunter auch junge Leute, für das Christentum? Pater Andreas Leblang, der Milans Taufkurs leitet, formuliert es vorsichtig: "Es scheint eine Ansprechbarkeit zu wachsen." Richtig erklären könne er es nicht, betont er. Seiner Einschätzung nach spielen mehrere Faktoren eine Rolle: die vielen Kriege zum Beispiel. "Den Menschen gehen die Augen auf, dass nicht alles so in Butter ist wie gedacht. Dass ihre Welt nicht sehr stabil ist. Und auch, dass der Staat nicht für das Glück und Heil der Menschen zuständig ist."
Auch der Tod ist ein Thema
An diesem Frühlingsabend, einem der letzten Termine vor der Taufe, geht es im Taufkurs um den Tod. Im Forum der Jesuiten, einem schlichten Versammlungsraum neben der Pfarrkirche Sankt Canisius in Berlin-Charlottenburg, sitzen Männer und Frauen unterschiedlichen Alters in einer Runde. Eine Kerze brennt in ihrer Mitte. Draußen ist es schon dunkel.
Wie ist es, nach dem Tod vor Gott zu stehen? Gibt es einen Himmel? Und eine Hölle? Trifft man die Liebsten dort wieder? Pater Leblang versucht, diesen Fragen, die wohl alle Menschen im Leben einmal beschäftigen, auf den Grund zu gehen. "Wir schauen Gott alle nicht über die Schulter", sagt der Jesuit. "Aber wir können uns annähern."
Mehr als 300.000 Menschen sind in diesem Jahr aus der katholischen Kirche ausgetreten. Wegen der Kirchensteuer, Missbrauchsskandalen, dem Zölibat, weil Frauen keine Priesterinnen werden oder Homosexuelle nicht heiraten dürfen. Er verstehe viele Kritikpunkte, sagt Milan – schließlich sei er selbst schwul. Für seinen Glauben seien diese Dinge aber nicht entscheidend.
Milan ist einer von 180 erwachsenen Taufbewerbern im Erzbistum Berlin. Die Hauptstadtdiözese führt damit die bundesweite Taufstatistik an.
"Für mich ist das etwas sehr Persönliches, was nichts mit dieser Welt und ihren Problemen zu tun hat. Ich habe eine Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit, ganz unabhängig von der Realität. Und die finde ich hier." Hinzu komme, dass die Kirche in der digitalisierten Welt echte Gemeinschaft biete. "Gemeinsam zu glauben, das ist etwas Schönes", sagt Milan.
Die Teilnehmer des Kurses bringen aber auch Fragen mit. Etwas, das Milan lange beschäftigt hat: Ob seine Eltern, die keinen sicheren Glauben haben oder Menschen, die noch nie von Gott gehört haben, auch nach dem Tod erlöst werden, wie der christliche Glaube es sagt. Pater Leblang habe ihm diese Sorge genommen, erzählt Milan. "Er sagte zu mir mit einem Verweis auf Jesus: 'Alle Menschen, die guten Willens sind, kommen in den Himmel.'"
Milans Glaubensgeschichte fing vor fünf Jahren an, zur Coronazeit. "Damals war ich 14 und in diesem Alter fängt man an, sich nach dem Sinn des Lebens zu fragen", sagt der Schüler. Auf Tiktok sei ihm eine christliche Influencerin aufgefallen, die "voller Hingabe von Gott erzählte".
Inspiriert auf Tiktok
Das habe ihn inspiriert. "Ich habe dann meine Mutter nach der Kinderbibel aus meiner Kindheit gefragt und angefangen darin zu lesen. Ich bin nicht religiös aufgewachsen, hatte aber schon von Jesus gehört." Er fing an, sonntags in die Kirche zu gehen – und meldete sich schließlich zum Taufkurs an.
Jede und jeder Taufwillige bringe eine persönliche Geschichte mit, sagt Pater Leblang. "Manche sind religiös aufgewachsen, aber aus irgendwelchen Gründen nie getauft worden. Das holen sie jetzt nach." Andere setzten sich eher auf einer geistigen Ebene mit der Kirche auseinander: "Es ist ja eine Einrichtung, die es immer noch gibt, obwohl sie uralt ist und es ziemlich kreuz und quer ging im Laufe der Geschichte." Wieder andere stoßen in ihrem Leben plötzlich irgendwie aufs Religiöse – durch Menschen oder Orte.
„Ich habe dann meine Mutter nach der Kinderbibel aus meiner Kindheit gefragt und angefangen darin zu lesen.“
So wie Taufbewerber Andreas (Name von der Redaktion geändert). Er erzählt, dass seine Mutter in einem katholischen Pflegeheim gewesen sei. "Sie hat sich dort sehr wohl gefühlt bei den Nonnen." Obwohl seine Mutter inzwischen gestorben sei, besuche er die Einrichtung ab und zu immer noch. "Für mich gab das den Anstoß, mich taufen zu lassen."
Einen Unterschied zu Kindstaufen stellt Leblang in seinen Taufkursen immer wieder fest: "Früher dachte man, wenn die Menschen mitlaufen, wenn man sie also schon möglichst früh mit dem Glauben vertraut gemacht werden, kommt alles von selbst. Das ist aber nicht unbedingt so. Hier erlebe ich: Menschen, die von selbst zum Glauben finden, die wollen das wirklich."