Diakon über Demenz: "Anfangs habe ich alles falsch gemacht"
Demenz ist für viele Menschen Teil des Alltags – entweder, weil sie mit älteren Menschen arbeiten, Angehörige oder selbst betroffen sind. Das ist auch bei Oliver Besch so. Der 56-Jährige hat Demenz schon früh bei seiner Großmutter kennengelernt. Als ehemaliger Krankenpfleger behandelte er viele Demenzpatienten. Heute ist er Diakon im Bistum Trier und für die Seelsorge in mehreren Pflegeeinrichtungen zuständig. Im katholisch.de-Interview erzählt er, wie er vom Anfänger zum Experten für demenzsensible Seelsorge wurde und wie er heute auf das Krankheitsbild Demenz schaut.
Frage: Herr Besch, als Diakon und Krankenpfleger veranstalten Sie schon seit Jahren Gottesdienste in Altenheimen, an denen auch demenzkranke Menschen teilnehmen. Wie waren diese Gottesdienste anfangs?
Besch: Ein Großteil der Menschen mit Demenz ist nach kurzer Zeit eingeschlafen. Das ist erstmal ein gutes Zeichen – die Menschen haben sich wohlgefühlt und konnten sich entspannen. Für mich war das aber ziemlich unbefriedigend. Ich hatte mir bei den Gottesdiensten Mühe gegeben und versucht, sie auf die Altersgruppe anzupassen. Meine Pläne kamen aber nicht wirklich an. Irgendwann bin ich dann auf das Thema "demenzsensible Gottesdienste" gestoßen, habe angefangen mich einzulesen und verstanden, was ich alles falsch gemacht habe.
Frage: Was haben Sie da gelernt?
Besch: Ich wollte mich in den Gottesdiensten bis auf den Eucharistieteil so nah wie möglich an der heiligen Messe halten. Schließlich sind viele Senioren und Seniorinnen an diesen Ablauf gewöhnt. Aber dadurch waren meine Gottesdienste viel zu textlastig und lang. Ich habe gelernt, dass ich die Liturgie anpassen muss. Zum Beispiel beim Einstieg: Es reicht nicht, einfach mit dem Kreuzzeichen zu beginnen. Das ist viel zu kurz, um einzuleiten, was jetzt ansteht. Heute mache ich das anders. Auf einem Tisch in der Sitzkreismitte, stelle ich eine Kerze, ein Kreuz und Blumen auf und erkläre, was ich mit diesen Symbolen verdeutlichen möchte. Durch diese Verlangsamung verstehen die Menschen, dass Jesus Christus in unserer Mitte ist.
„Ich bin mir natürlich bewusst, dass, egal wie aufmerksam die Gottesdienstbesucher sind, zwei Stunden später schon wieder alles vergessen sein kann.“
Frage: Woran erkennen Sie, dass ein Gottesdienst gut läuft?
Besch: Demenziell veränderte Menschen sind sehr direkt. Wenn ich Kirchen- oder Volkslieder aussuche, die aus der Kindheit und Jugend bekannt sind, wird lautstark mitgesungen und ich werde mit großen Augen angelächelt. Wenn ich zu Beginn des Gottesdienstes Glockengeläut auf meinem Smartphone abspiele, dann sehe ich, dass einige eine andere Haltung einnehmen und präsenter sind. Während des Gottesdienstes schlafen mittlerweile weniger ein. Ich bin mir natürlich bewusst, dass, egal wie aufmerksam die Gottesdienstbesucher sind, zwei Stunden später schon wieder alles vergessen sein kann. Aber darum geht es auch nicht.
Frage: Worauf muss man sich einlassen, wenn man mit dieser Personengruppe arbeitet?
Besch: Das Schöne ist, dass die Menschen wirklich im Hier und Jetzt sind. Für sie zählt nicht, was sie gestern hätten besser machen können oder was sie morgen vorhaben. Diese Dimensionen sind völlig unwesentlich. Sie leben jetzt in diesem Moment, in dem ich sie begleiten kann.
Frage: Gibt es auch Situationen, die Sie überfordern?
Besch: Oft haben die Seniorenheime keine eigenen Gottesdienstraum, also feiern wir in den Einrichtungen Gottesdienst. Wenn dann nebenbei Teller klappern, jemand aufsteht, Durst bekommt und nach Wasser fragt, dann sind alle anderen in der Gruppe schnell abgelenkt. Da braucht es jemanden, der auf diese Person eingeht. Anfangs dachte ich, das kann ich als Gottesdienstleiter machen. Doch ich musste lernen: In dem Moment, wo ich mich mit einer Person beschäftige, ist die Aufmerksamkeit aller anderen weg. Mittlerweile stelle ich klare Rahmenbedingungen in den Pflegeeinrichtungen auf: Einer aus dem Personal muss dabei sein und um uns herum muss es ruhig sein.
Frage: Was haben Sie in den letzten Jahren über Demenz gelernt?
Besch: Demenz ist kein Krankheitsbild als solches, sondern eher eine Ansammlung mehrerer Symptome. Es gibt ganz unterschiedliche Formen, die sich auch ganz unterschiedlich zeigen. In Bezug auf die Gottesdienste habe ich gelernt, dass die Aufmerksamkeitsspanne für rund 25 Minuten reicht. Texte muss ich anpassen. Worte wie Gnade sind für viele schwer zu verstehen, weil das Sprachverständnis nachlässt. Auch die Stimmung ist bei vielen sehr wechselhaft. Was aber relevant bleibt, sind drei Themen, die auch theologisch von großer Bedeutung sind: Liebe, Trost und der Sinn des Lebens. Es geht in meinen Gottesdiensten also nicht um einen belehrenden Christus, sondern um einen helfenden.
Wenn man einen Gottesdienst für Menschen mit Demenz gestaltet, muss es nicht immer die Eucharistiefeier sein, sagt Oliver Besch.
Frage: Sie bieten seit Kurzem im Bistum Trier Kurse an, in denen Sie Pflegepersonal und Ehrenamtliche der Kirche in demenzsensibler Seelsorge fortbilden. Warum braucht es solche Kurse?
Besch: Es gibt eine Studie aus dem Jahr 2013, durchgeführt von Antje Köhler, die Seelsorge in Pflegeheimen thematisiert. 64 Prozent der Seelsorgenden gaben an, dass sie glauben, dass ihr Angebot zufriedenstellend ist. Dagegen sagen 63 Prozent der Bereichsleitungen, also des befragten Pflegepersonals, dass die Angebote nicht passen. Diese Zahlen passen nicht zusammen.
Frage: Was machen die Seelsorger denn falsch?
Besch: Häufig kommen Priester oder Seelsorger*innen in die Pflegeeinrichtungen und feiern einfach ihre Heilige Messe oder ihre Wort-Gottes-Feiern wie gehabt. Da sitzen dann 30 bis 40 Personen vor ihnen und werden für eine Dreiviertelstunde zugetextet. Allein diese Anzahl an Menschen überfordert viele Demenzpatienten, die sonst eher für sich oder in kleinen Gruppen sind. Man muss sich auch fragen, ob die Eucharistiefeier wirklich immer das richtige Format ist. Menschen mit Demenz brauchen ein anderes Angebot, auch wenn es dann nicht die Hochform des Gottesdienstes ist. Es sollte nicht hauptsächlich darum gehen, ob die Person die Hostie vereinleibt hat oder nicht. Sondern es braucht ein Angebot, das sich den veränderten Bedürfnissen anpasst. In unseren Kursen wollen wir die Teilnehmenden genau darauf vorbereiten.
Frage: Demenzkranke leben ja nicht nur im Pflegeheim. Was muss sich in normalen Gemeinden im Umgang mit demenzkranken Menschen verändern?
Besch: Demenz ist kein Thema, mit dem sich viele auseinandersetzen wollen – ähnlich wie Armut. Ich erinnere da gerne an Papst Franziskus, der immer wieder darauf gedrängt hat, an die Ränder der Gesellschaft zu gehen. Dabei ist es unser Auftrag als Christen, uns mit Menschen in schwierigen Lebensphasen auseinanderzusetzen. In Deutschland leben rund 1,8 Millionen Menschen mit Demenz – und das sind nur die Erkrankten, die eine Diagnose haben. Die Dunkelziffer ist wahrscheinlich noch größer. Ich würde mir wünschen, dass sich Menschen nicht erst für Demenz interessieren, wenn Angehörige betroffen sind oder es Teil ihres Berufs ist. Ich weiß, dass es herausfordernd ist, sich mit diesem Krankheitsbild zu beschäftigen. Es erinnert daran, was Altern bedeuten kann. Aber es ist so wichtig, für Demenzbetroffene qualitative Angebote zu schaffen – egal ob als Priester, Ehrenamtlicher oder Angehöriger.
Frage: Haben Sie Angst, selbst mal an Demenz zu erkranken?
Besch: Ich wünsche mir das nicht. Gerade die Anfangsphase stelle ich mir besonders schwer vor. Man realisiert langsam, dass man sich unwiderruflich verändern wird. Aber ich habe schon viele Kranke und Sterbende in meinem Beruf begleitet. Demenzziel veränderte Personen sind nicht immer unglücklich. Ich kenne viele, die die Demenz gut in ihr Leben integriert haben. Sie sind zum Beispiel sehr dankbar für die Menschen, die sich um sie kümmern. Deswegen kann ich sagen, ich habe keine Angst vor Krankheiten oder dem Tod. Man sollte sich mit den Lebensphasen und Lebensbedingungen, in denen man sich befindet, arrangieren. Und das bleibt eine Hausforderung für das ganze Leben.
