Wie das Vertrauen in Gott uns trägt wie eine Pusteblume

Der Löwenzahn: Ein Symbol für Gottes große Kraft

Veröffentlicht am 17.05.2026 um 00:01 Uhr – Von Schwester Gabriela Zinkl – Lesedauer: 
Impuls

Grafschaft ‐ Wird Schwester Gabriela nach ihrer Lieblingsblume gefragt, erntet sie oft ein spöttisches Lächeln: Für sie ist der Löwenzahn viel mehr als Unkraut – sie sieht darin ein Symbol für Gottes Kraft.

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Rosen, Tulpen, Nelken – alle Blumen welken, doch diese drei sind die unbestrittenen Stars der Floristik. Sie schmücken edlen Vasen, werden zu Jubiläen verschenkt und in Gedichten besungen. Doch wenn man mich nach meiner Lieblingsblume fragt, ernte ich oft ein spöttisches Lächeln. Denn mein Favorit in Gottes Blumengarten ist eine Blume, in der viele nur ein Unkraut sehen: der Löwenzahn.

Gerade jetzt ist seine Zeit. Wenn der Mai die Natur in frisches Grün taucht, leuchten seine gelben Blüten mit der Sonne um die Wette, auf Wiesen, am Wegesrand und aus allen möglichen Ritzen kommen sie hervorgekrochen. Die bekannte Fernsehsendung Löwenzahn bringt das mit ihrer Titelsequenz wunderbar auf den Punkt: ein unscheinbares Pflänzchen sprengt den Asphalt und erblüht mit voller Kraft.

Prophet am Wegesrand

Für mich ist der Löwenzahn viel mehr als nur ein Gewächs am Wegesrand. Nach seinem steinigen Weg ans Licht verwandelt er sich von der gelben Blüte zur Pusteblume, die weiter ausstrahlt und sich verschenkt. Deshalb ist der Löwenzahn für mich ein kleiner Prophet am Wegesrand. Er lehrt uns, was es heißt, ganz bei sich zu sein und mit Gottes Kraft doch über sich hinauszuwachsen. Im Löwenzahn steckt so unendlich viel mehr, als man ihm auf den ersten Blick ansieht.

Schon sein Name erzählt Geschichten. Seine gezackten Blätter gaben ihm den Namen, den wir heute kennen: Löwenzahn. Im Volksmund hat er über 500 Namen, zum Beispiel Augenmilch, Hahnenspeck, Hundeblume, Kuhlattich, Sonnenwurzel oder Teufelsblume. Botanisch heißt er Taraxacum officinale. Das lateinische Wort officinale deutet auf seine jahrhundertealte Tradition als Heilpflanze hin, er ist wichtiger Bestandteil der "Offizin", der Apotheke. Das Wort "Tarakshaqum" stammt aus dem Arabischen und bedeutet "bitteres Kraut", das man dem Salat aus Löwenzahnblättern am Geschmack auch deutlich anmerkt. Von seiner Heilwirkung her ist er jedenfalls stark harntreibend und blutreinigend. Deshalb nennt man im Französischen bis heute "Pissenlit", nach "pisse en lit", was wörtlich "ins Bett pinkeln" bedeutet. Das tut dem in Frankreich sehr beliebten "Salade de pissenlits" keinen Abbruch.

Bild: ©Przemek Klos/Fotolia.com (Symbolbild)

Eine Pusteblume zeigt starke Wirkung.

Besondere Würdigung erfuhr er in den Kräuterbüchern des ausgehenden Mittelalters. Dort trägt er den Beinamen "Pfaffenplatte", weil die verblühte Blume mit ihrem nackten Kopf – nach dem Fortfliegen der Samen – an die Tonsur eines Mönches erinnerte.

Er ist ein echter Überlebenskünstler, der Löwenzahn. Ob auf saftigen Wiesen oder mitten im grauen Asphalt einer Großstadt – er findet immer einen Weg. Er ist die reine Widerstandskraft in Gelb, gerade weil er sich seinen Weg so unerwartet bahnt und nicht kleinkriegen lässt. Seine Samen sind stärker als jedes Mittel gegen Unkraut.

Seine Strahlkraft, Widerstandsfähigkeit und Verwandlung machen den Löwenzahn zu einem tiefen christlichen Symbol. In der christlichen Ikonographie begegnet uns der Löwenzahn öfter als man denkt, meistens bescheiden im Hintergrund oder zu Füßen des Kreuzes oder am leeren Grab. Seine Bitterstoffe erinnern an die Passion Christi, seine Verwandlung aber an Tod und Auferstehung.

Magische Verwandlung

Am meisten berührt mich am Löwenzahn dieser Moment der Verwandlung: die Pusteblume. Ein einziger Hauch genügt, und hunderte kleine Schirmchen tragen ihre Samen in den Wind. Ist das nicht auch ein Bild für unser Leben und unseren Glauben? Wir halten oft fest an dem, was wir erreicht haben, an unserer Form und unserem "Gelb-Sein" und Leuchten. Doch die Pusteblume lehrt uns die Verwandlung und das Loslassen. Nur wer sich vom Wind des Geistes tragen lässt, kann neue Wurzeln schlagen und etwas Neues zum Blühen bringen.

Wenn ich an einem sonnigen Nachmittag die Samen eines Löwenzahns in den Himmel puste, ist das für mich wie ein stilles Gebet. Ein Vertrauen darauf, dass Gott uns trägt; er schenkt mir Leichtigkeit, Leben und ein Ziel. Der Löwenzahn ist keine prächtige Blume, eher Außenseiter und Randexistenz. Aber er erinnert uns mit jeder seiner Blütenformen daran, dass im Alltäglichen, unter und über dem Asphalt, das Heilige wohnt.

Von Schwester Gabriela Zinkl

Die Autorin

Schwester Dr. Gabriela Zinkl SMCB ist Ordensschwester bei den Borromäerinnen, promovierte Theologin (Kirchenrecht) und in der Ordensleitung in Kloster Grafschaft tätig.