Im persönlichen Gebet – Wie ich mir die Gottesmutter vorstelle
Im Marienmonat Mai, in einer Kirche. Die Gemeinde wartet auf den Gottesdienst. Ich überlege, wie ich mir Maria, die Mutter Gottes, vorstelle und schaue nach vorne in den Altarraum. Kerzen brennen am Altar. Darüber hängt ein großes Kreuz mit Jesus, dem Gekreuzigten. Neben dem Altar noch ein anderer Jesus, der segnend eine Hand ausstreckt, die andere zeigt auf sein Herz in der geöffneten Seitenwunde. Keine Maria dort vorne. Weil der Pfarrer nicht kommt, springt kurzentschlossen eine Frau aus der Gemeinde ein. Sie spricht sich mit dem Küster ab, der den Pfarrer zu erreichen versucht. Die Frau spricht ruhig, ist tief im Glauben verwurzelt, betet täglich das Stundengebet. Sie möchte mit den anderen beten, beginnt mit dem Kreuzzeichen, der Organist stimmt ein Marienlied an. Die Gemeinde singt laut mit. Dann sehe ich sie, rechts auf einem Seitenaltar, bei den Opferkerzen: Maria.
Die Statue zeigt die Gottesmutter als eine Frau mit dunklen Haaren, ein Sternenkranz auf ihrem Kopf, mit blauem Mantel und ein Kind im Arm, ihren Jesus. Mit der anderen Hand und ihrem Blick weist sie nach oben. Einige Kerzen brennen vor ihr. Wer dort betet, glaubt daran, dass sie alles zu ihm trägt, ihrem Sohn. Wie viele Bitten sie heute wohl schon, im Stillen, gehört hat? Im Marienmonat Mai wird sie gebraucht, oh Maria hilf. Im Gottesdienst sind heute viele Frauen, mehr als Männer. Sie beten gemeinsam. Das Vaterunser, später das "Gegrüßet seist du, Maria". Vielleicht haben einige dieser Frauen ihre Kinder auch so im Arm getragen wie Maria, es gestillt wie sie und Weihnachten nachgespürt?
Oder wie Maria das Schwert in der Brust gefühlt, weil sie ihre Kinder verloren haben, der Kontakt zu ihnen abgebrochen ist, ihre Wege anders, als erwartet, verliefen? Diese Frauen kennen Maria und ihre Geschichte, wie sie die Bibel erzählt. Ich denke an andere Bilder der Gottesmutter Maria, die ihren Sohn Jesus hält, als er tot vom Kreuz auf ihren Schoß gelegt wird. Sie beugt sich zu ihm, weint. Nur wenige Bilder zeigen sie gemeinsam mit ihrem Verlobten Josef. Eine Kirche fällt mir ein, in der ich einmal die heilige Familie zusammen an einem Altar betrachtet habe. Ob Maria das so viel häufigere Bild von sich mag, als alleinerziehende Mutter mit Kind?
Das Altarbild in der am Wendelstein gelegenen Kirche zeigt die Gottesmutter Maria als Schutzpatronin Bayerns.
Ich habe Maria auf Bildern gesehen mit dunklen Haaren, blond und lockig, mit hellem oder dunklem Teint, in bunten Kleidern, golddurchwirktem Gewand, wie eine Königin mit Krone und Zepter, ihren Fuß gestützt auf einem Drachen oder Halbmond, die Schutzfrau Bayerns, unter ihrem Mantel Menschen, die ihren Trost suchen. Dann ist sie wieder die einfache Magd, hält einen Rosenkranz, senkt den Kopf und faltet ihre Hände zum Gebet. Wie sie wohl war, diese Maria – von du zu du? Wie waren ihre Eltern, wer hat sie geprägt, hatte sie Schwestern und Brüder?
Dieses Bild von Maria, wie es der Evangelist Lukas beschreibt, mag ich sehr: Sie umarmt ihre Verwandte und Freundin Elisabeth. Da wird sie mir nah, wie eine Schwester. Ich bewundere ihr biblisches Magnifikat, das Kämpferische in ihr. In diesem Lied träumt sie von einer gerechteren Welt. Ich nehme mir Maria zum Vorbild, weil sie Ja sagt zum Leben, sie hätte schließlich auch Nein sagen können. Wie sie ihre Berufung wohl verspürt hat? Einmal soll ihr Sohn sie verleugnet haben. "Wer ist meine Mutter?", fragt Jesus in dieser biblischen Erzählung bei Matthäus die anderen. Ich vermute, dass sie seine Frage geschmerzt hat, sehr sogar. War sie wohl eingeladen bei seinem letzten Abendmahl mit seinen Freunden oder half sie bloß, dass es zustande kam?
Das Mosaik in der Apsis von Santa Maria Maggiore stellt die Krönung der Gottesmutter durch Christus dar.
Seit ihrem Tod, so glauben wir Katholiken, ist sie bei ihm und sitzt auf einem Thron – oder doch woanders? Ihr verklärter Blick, wie so oft, verrät es mir nicht. So viele Bilder von dir, Maria! Ich möchte dich in anderen Frauen erkennen! Ordensfrauen tragen ihren Namen, sogar Bischöfe. Kirchen sind nach ihr benannt, ganze Ordensgemeinschaften. Mein Lieblingsmarienlied, das ich gerne in einer Kirche singe, meist so vor mich her: "Segne du, Maria, segne mich, dein Kind, ... segne du, Maria, alle, die mir lieb, deinen Muttersegen ihnen täglich gib!"
Und seit Kindheitstagen denke ich in schweren Momenten in meinem Leben an sie: "Heilige Maria Mutter Gottes, bitte für uns, jetzt und in der Stunde unseres Todes." Das Mütterliche, das Weibliche würde mir sonst fehlen, dort, wo ich bete - in meiner Kirche. Am Ende der Wort-Gottes-Feier in dieser Kirche im Mai, in der ich sitze, spricht die Frau aus der Gemeinde vorne am Ambo einen Segen. Ihre Stimme hat mir gutgetan. Ich würde es sonst vermissen, das Weibliche in der Kirche. Oh Maria Knotenlöserin, bitte für uns.
