Pfingsten: Der Heilige Geist kommt wie ein Windstoß
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Vor ein paar Tagen war ich mit ein paar Mitschwestern mehrere Stunden in einem Kleinbus unterwegs. Als wir für eine Pause anhielten und aussteigen wollten, war der Wind so stark, dass sich die Bustür kaum öffnen ließ. Kaum hatten wir einen Fuß ins Freie gesetzt, warf uns der Wind fast um und wir mussten unsere Schleier festhalten, damit sie nicht davonflogen. Was folgte, war kein Ärger, sondern pure Lebensfreude. Wir mussten unwillkürlich kichern und lachen. Unsere Schleier flatterten mit dem Wind um die Wette und es war ein herrlicher Moment: einfach die Arme ausbreiten, sich gegen den spürbaren Widerstand stemmen und die Naturgewalt spüren.
An den meisten Tagen nehme ich den Wind ehrlich gesagt kaum wahr, weil ich oft nur kurz draußen bin und dann gerade kein Wind weht. Manchmal streicht morgens ein feiner Windzug durch das offene Fenster in mein Zimmer, bewegt sanft die Gardinen und trägt für einen kurzen Moment den frischen Duft von Regen oder gemähtem Gras herein. Den Wind gibt es und doch auch nicht, er ist ein unsichtbares Phänomen, das sich komplett unserer Kontrolle entzieht. Manchmal spüren wir ihn nur als zarten Hauch auf der Haut, ein anderes Mal hören wir sein leises Rascheln in den Baumkronen. Wenn ich früher bei meinen Mitschwestern in Rauschwalde, einem Stadtteil von Görlitz, zu Besuch war, konnte man dort den Wind in den hohen Bäumen rauschen hören – selten passt ein Name so gut zu einem Ort wie dort. Der Wind drängt sich uns nicht auf – abgesehen von gefährlichen Stürmen und Hurrikanen. Und doch verändert selbst der kleinste Windhauch etwas. Die Luft wird weiter, ich atmet tiefer ein und spüre plötzlich mehr Lebendigkeit in mir. Ein solcher Wind wirkt belebend und erfrischend und verändert etwas: Ich bin aufmerksamer und fühle mich leichter, wie neu belebt.
Genau so beginnt Pfingsten. Der Heilige Geist kommt unangekündigt, er braucht keine Pauken und Trompeten, kein Machtgedöns und keine lauten Gesten. Er kommt mit einem Windhauch. Die Bibel erzählt uns von einem Brausen vom Himmel, das die Jünger mitten in ihrer Angst und Zurückgezogenheit erreichte. Und das, obwohl – oder gerade weil – ihre Türen verschlossen und ihre Herzen eng geworden waren. Es war vorher einfach zu viel passiert, sodass sie vor allem mit der Vergangenheit haderten und nicht in der Gegenwart. Die tiefe Enttäuschung des Karfreitags steckte den Freunden Jesu noch tief in den Knochen. Sie waren niedergeschlagen von den Ereignissen, von Jesus und vor allem von sich selbst und ihrem eigenen Versagen. Inmitten dieser lähmenden Müdigkeit und Lethargie passiert das Unerwartete: Ein Sturm erfüllt das Haus, ein Wind, der durch alle Ritzen dringt, kraftvoll, lebendig und doch unaufhaltsam.
Flammenzungen kommen zu Pfingsten auf Maria und die Apostel herab.
Die Beschreibung des Pfingstereignisses in der Bibel will uns sagen, dass der Heilige Geist keine abstrakte theologische Idee ist. Er ist vielmehr Bewegung, Antriebskraft, Ermutigung – manche nennen das einfach Motivation. Der Heilige Geist ist der lebendige Atem, der uns aus den Angeln hebt, den Schleier einer Ordensschwester flattern lässt und viel mehr in Bewegung bringt, als wir uns vorstellen und erträumen können.
Das hebräische Wort für diesen Zustand, wie ihn schon das Alte Testament beschreibt, ist wunderschön: Ruach. Es bedeutet Wind, Atem und Geist. Ruach ist das, was Leben schenkt und Menschen wieder aufrichtet. Schon am ersten Tag der Schöpfung schwebte dieser Geist Gottes über den Wassern als lebendiger Atem, der alles belebt. Der Mensch beginnt zu leben, das heißt zu atmen, als ihm der Geist Gottes, Lebensatem, eingehaucht wird. Genau dieser belebende Atem ist, der an Pfingsten neue Hoffnung weckt und den Jüngern und uns den Mut schenkt, die Türen zu öffnen und hinauszugehen.
Eine Kraft, die uns belebt
Ich mochte den Wind schon als Kind, vor allem beim Drachensteigen. Stark und kraftvoll wie der Wind ist auch der Heilige Geist. Er beflügelt uns, wie den Flugdrachen oder die Vögel, wenn wir uns nur darauf einlassen. Dieses Bild berührt mich heute mehr denn je, weil so viele von uns eine tiefe, innere Müdigkeit spüren. Die Nachrichten und Bilder, die uns jeden Tag erreichen, sind oft schwer zu ertragen, die Krisen und Konflikte in der eigenen Umgebung und in der großen Welt da draußen hören nicht auf. Oft wirken auch unsere eigenen Worte und unser Tun müde und erschöpft. Viele tragen eine Erschöpfung in sich, die niemand sieht. Wir sehnen uns nicht nach einem zerstörerischen Sturm, sondern nach einer Kraft, die uns belebt und Hoffnung schenkt. Und genau das ist Pfingsten. Der Geist Gottes kommt oft genug leise und unvermutet: in einem guten Gespräch, einem mutigen Gedanken, in einer unerwarteten Versöhnung. Er ist ein Fest des Verstehens und des Miteinanders. Obwohl wir verschiedene Sprachen sprechen, aus verschiedenen Kulturen kommen und die unterschiedlichsten Vorstellungen und Pläne haben, schafft Gottes Geist unter uns allen, seinen Jüngerinnen und Jüngern, echte Verbindung.
Den Geist Gottes, die Ruach, kann man nicht greifen oder messen – auch wenn es beim Wetterdienst eine Skala mit Windstärken gibt. Mit seinem frischen Wind verändert der Heilige Geist alles. Wir leben in einer Zeit voller Missverständnisse, in der die eigenen Meinungen härter denn je vertreten werden und sich manche angesichts der aggressiven Stimmung lieber zurückziehen. Der Geist Gottes tut das Gegenteil: Er öffnet Fenster, Herzen und Horizonte. Vielleicht brauchen wir heute weniger fertige Antworten und dafür mehr von diesem erfrischenden Wind, der uns aufmerksam für die Nöte unserer Mitmenschen macht. Der spitzbübische Ratschlag von Papst Johannes XXIII. an die Konzilsväter zu Beginn des Zweiten Vatikanischen Konzils 1962 ist nach wie vor aktuell: Macht die Fenster weit auf, damit der Heilige Geist hereinkommen kann.
Die Autorin
Schwester Dr. Gabriela Zinkl SMCB ist Ordensschwester bei den Borromäerinnen, promovierte Theologin (Kirchenrecht) und in der Ordensleitung in Kloster Grafschaft tätig.
