Reich Gottes beginnt nicht normgerecht, sondern prekär

Über alte Ordnungen hinauswachsen: Das Senfkorngleichnis queer gelesen

Veröffentlicht am 30.05.2026 um 00:01 Uhr – Von Burkhard Hose – Lesedauer: 

Stuttgart ‐ Queere Bibelauslegung hat den Fokus auf mehr als Geschlecht und Sex. Sie eröffnet auch in anderen Bereichen neue Erkenntnisse zu den Texten. Das Senfkorngleichnis ist ein eindrückliches Beispiel, schreibt Burkhard Hose.

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Bibel queer zu lesen meint grundsätzlich eine Leseart, die die Texte als Quelle der Befreiung für alle Lebensweisen anerkennt. Sie sucht nach unterdrückten Perspektiven, ist machtkritisch und empowernd und trägt im besten Fall zur Heilung von Verletzungen bei. Folgende Grundfragen queerer Bibelauslegung lassen sich im Grunde an nahe­zu jeden biblischen Text stellen:

  • Wer ist/wurde ausgeschlossen?
  • Wer ist/wurde marginalisiert?
  • Wer ist/wurde diskriminiert?
  • Wer kommt vor?
  • Wer ist mitgedacht?
  • Wer hat/te Macht?
  • Wer profitiert von Privilegien? Wer von Ausschlüssen?
  • Wer hat/te Zugang?
  • Wer kann/konnte mitwirken?
  • Wer/Was wurde zum Verschwinden gebracht?
  • Wer/Was wurde unsichtbar gemacht?
  • Hat der Text machtkritisches Potenzial?
  • Welche Normen/Ordnungen werden repräsentiert bzw. in Frage gestellt?
  • Spiegeln sich im Text oder in seiner Auslegung patriarchale/heteronormative Interessen?
  • Gegen wen wurde der Text in der Auslegungsgeschichte evtl. schon in Stellung gebracht?
  • Wie lässt sich der Text aus queerer Perspektive verstehen?
  • Welche Botschaft adressiert er an queere Menschen?

Insofern stellt sich queere Bibelauslegung als Methode unmittelbar an die Seite Jesu, der an der Seite marginalisierter Menschen unterwegs war, sich mit religiös und politisch Mächtigen anlegte, Arme und Ausgegrenzte empowerte und heilend wirkte. Und dies nicht nur durch seine Taten, in seiner spezifischen Art zu predigen und in all den Texten, zu denen er andere inspirierte – von den ersten in der Nachfolgegemeinschaft über die Evangelisten bis heute.

Bild: ©picture alliance/ZUMAPRESS.com/Karen Focht/dpa/Silas Stein Montage: katholisch.de (Symbolbild)

Queere Bibelexegese suche nach unterdrückten Perspektiven, sei machtkritisch und trage im besten Fall zur Heilung von Verletzungen bei, schreibt Burkhard Hose.

Die älteste Gattung, die in den Evangelien mit Jesus von Nazaret in Verbindung gebracht werden kann, ist die Rede in Gleichnissen. Sie ist nicht einfach Bebilderung hoher Theologie für einfache Leute. Im Erzählen und im Hören selbst geschieht Reich G*ttes, Metanoia (Umkehr, Umdenken, Neu-Denken), eine tiefgreifende Transforma­tion des Denkens in herkömmlichen Mustern.

In Gleichnissen zu reden, die Alltagswelt als Ort der theologischen Erkenntnis anzuerkennen und gleichzeitig in dieser Alltagswelt geltende Muster und Ordnungen grundsätzlich in Frage zu stellen, kann an sich schon als queer bezeichnet werden. Insofern ist die Reich-G*ttes-Verkündigung selbst, die im Zentrum der Gleichnisse steht, queer.

Vom kleinen Anfang zur widerständigen Fülle

Im Gleichnis vom Senfkorn fragt Jesus zu Beginn: "Womit sollen wir das Reich G*ttes vergleichen?" Diese Frage ist bereits program­matisch. Das Reich G*ttes entzieht sich eindeutigen Begriffen, fes­ten Ordnungen und kontrollierbaren Definitionen. Es lässt sich nicht festschreiben – nur vergleichen, annähern, erzählerisch umkreisen. Das passt präzise zu einem queeren Bibelverständnis. Wie würde eine queere Person diese Frage beantworten? Wie eine schwarze Person oder in anderer Weise marginalisierte Menschen? Bereits an dieser Stelle besteht die Möglichkeit, dass ein Lernraum für alle entsteht, wenn möglichst viele unterschiedliche Perspek­tiven geteilt und möglichst viele verschiedene Erfahrungen zur Sprache kommen können.

Mit den oben benannten Leseschlüsseln lassen sich folgende Beob­achtungen aus dem Text zusammentragen: Das Senfkorn ist klein, unscheinbar, leicht zu übersehen. Es ent­spricht nicht den Erwartungen an Größe, Reinheit oder religiöse Relevanz. In der damaligen agrarischen Vorstellungswelt galt die Senfpflanze sogar als problematisch: wuchernd, schwer kontrollier­bar, grenzüberschreitend.

Die Gleichnisse Jesu: Lebensverändernde Erzählungen

Der verlorene Sohn, der barmherzige Samariter oder der Schatz im Acker: die Gleichnisse Jesu gehören zu den eindrücklichsten Erzählungen des Neuen Testaments. Doch warum sprach Jesus in Gleichnissen – und was unterscheidet sie von Parabeln? Diese Fragen führen ins Zentrum der Verkündigung Jesu.

Queer gelesen steht das Bild vom Senfkorn für Lebensformen, Glau­bensweisen und Körper, die nicht ins gängige Ordnungssystem passen – für das, was kirchlich oft als "ungeordnet", "irregulär" oder "problematisch" markiert wird.

Wachstum als widerständige, nicht kontrollierbare Bewegung

Das Senfkorn wächst nicht entlang klarer Linien. Es wird größer als erwartet, sprengt subversiv den Rahmen. Es fügt sich nicht in eine saubere Gartenordnung ein. Es ist das "größte Gewächs", weil es sich horizontal ausbreitet, allen am Boden lebenden und nistenden Tieren so Schutz gibt, andere Pflanzen dabei nicht verdrängt. Insofern wird das Herrschaftsbild vom Weltenbaum, das große Kulturen und Herr­scher gerne nutzen (vg. Ez 17; 31, Dan 4), von der Vertikale in die Hori­zontale gedreht und ist daher ein macht- und herrschaftskritischer Text. Das Reich G*ttes beginnt dort, wo niemand mit ihm rechnet. Es überschreitet herkömmliche Grenzen.

Aus queerer Perspektive lässt sich das Gleichnis als Kritik an lehramt­licher Kontrolllogik lesen: Das Reich G*ttes ist nicht das, was sich normieren, disziplinieren oder verwal­ten lässt. Es wächst gerade dort, wo Men­schen sich das Wort nicht nehmen las­sen, wo sie die Bibel "wieder bewohnbar machen", wo sie sich selbst als gemeint erfahren – gegen herrschaftslegitimie­rende Auslegungen.

Queeres Bibellesen ist in diesem Sinn kein Randphänomen, sondern Teil die­ses Wachstumsprozesses: eine Bewe­gung, die nicht geplant war, nicht vor­gesehen ist und sich dennoch entfaltet.

Ein Ort für andere – Schutz, nicht Anpassung

Entscheidend ist das Bild am Ende des Gleichnisses: "sodass in sei­nem Schatten die Vögel des Himmels nisten können." Es geht nicht um Ertrag, Nutzen oder moralische Leistung, sondern um Behausbarkeit. Das Reich G*ttes wird zum Ort, an dem alle leben können, ohne sich angleichen zu müssen.

Queer gelesen ist das Reich G*ttes kein Raum der Selektion, sondern der Zuflucht. Es fragt nicht nach Eintrittsbedingungen, sondern schafft Schutzräume für Verletzliche, für die, die keinen Platz hatten. Es befreit aus Isolation und verbindet mit vielen (und nicht nur mit queeren) Menschen, die für Vielfalt einstehen.

„Queere Lektüre liest das Gleichnis nicht als Vertröstung, sondern als Anfrage: Erkennt die Kirche in ihrem Reden und Handeln die neue Ordnung des Reiches Gottes an?“

—  Zitat: Burkhard Hose

Kirche wäre – ekklesiologisch zugespitzt – genau dann Reich-G*ttes-analog, wenn sie solche Räume eröffnet, statt sie zu regulieren. Die stolze Entfaltung von Schönheit und Größe spiegelt etwas von dem Stolz (pride) wider, den queere Menschen spüren, wenn sie sichtbar werden, als die, die sie sind, auch mit den Wunden und Narben ihrer Überlebenskämpfe. Empowerment heißt nicht nur Widerstandskraft organisieren, sondern auch sich zusammenzuschließen und gemein­sam das Leben in radikaler Diversität feiern.

Vor diesem Hintergrund beinhaltet das Senfkorngleichnis eine ekklesiologische Provokation: Wenn das Reich G*ttes wie die Aussaat und das Wachsen eines Senfkorns ist – klein, widerständig, unkontrollierbar, Lebensraum schaffend –, dann muss jeder kirchlichen Ordnung, die die Vielfalt diszipliniert und Lebendigkeit begrenzt, mit Argwohn begegnet wer­den. Denn letztlich sabotiert jede kontrollierende Ordnung den Ent­faltungsraum des Reiches Gottes.

Queeres Bibellesen macht diese Spannung sichtbar. Queere Lektüre liest das Gleichnis nicht als Vertröstung, sondern als Anfrage: Erkennt die Kirche in ihrem Reden und Handeln die neue Ordnung des Reiches Gottes an? Wo hält sie noch an altem Ordnungsdenken fest, das Räume so normiert und kontrolliert, dass Menschen dadurch ausgeschlossen werden oder gar nicht erst vorkommen? Was könnte andererseits dazu beitragen, dass Kirche selbst zu einem Lebensraum wird, in dem Vielfalt gedeihen kann und auch geschützt wird? Ein Raum, in dem tatsächlich alle willkommen und angesprochen sind, ausgestattet mit gleicher Würde und gleichen Rechten.

Von Burkhard Hose

Der Autor

Burkhard Hose ist Hochschulpfarrer und Hochschulreferent im Bistum Würzburg. Er engagiert sich u. a. als Vorstandsmitglied im Verein OutInChurch.

Hinweis

Dieser Text erschien zuerst in der Zeitschrift "Bibel und Kirche" (Ausgabe 2/2026) des Katholischen Bibelwerks mit dem Titel "Bibel queer lesen".