Warum Tolkiens Mittelerde zur Glaubensverkündigung taugt
Nicht zum ersten Mal zitiert ein Papst J.R.R. Tolkien und auch die Frage nach christlichen Bezügen im Werk dieses Autors ist bereits eine alte, aber dass der amerikanische Papst in Magnifica humanitas Tolkien zitiert, hat seine christlichen Einstellungen wieder prominent gemacht.
Seinen Appell an alle Menschen, ihren kleinen Beitrag zu einer besseren Welt zu leisten, überschreibt der Pontifex mit einem Zitat Gandalfs, Zauberer und Mentor in J.R.R. Tolkiens Mittelerde: "Doch unsere Sache ist es nicht, die Welt durch alle Zeiten zu steuern, sondern in den Jahren, auf die wir beschränkt sind, zu tun, was wir können, um das Übel auf den uns bekannten Feldern auszujäten, damit jene, die nach uns kommen, einen guten Boden vorfinden." In kleinen, aber konsequenten "Taten der Treue" (213) ein "Bollwerk gegen die Entmenschlichung" (ebd.) zu setzen lautet der christliche Aufruf des Papstes, für den er sich der Worte Tolkiens bedient. Sind Hobbits, Zauberer, Elben und Ringe der Macht geeignet, in unserer Zeit die christliche Botschaft über Künstliche Intelligenz zu verkünden?
Tolkien selbst nannte den Herr der Ringe in einem Brief an den Jesuit und Freund der Familie Robert Murray SJ ein "fundamentally religious and Catholic work" – "ein von Grund auf religiöses und katholisches Werk." Das Verhältnis seiner Welt zum christlichen Glauben ist dabei aber komplexer und komplizierter als das einer reinen Allegorie, also einer symbolischen Behandlung christlichen Materials unter scheinbar heidnischem Deckmantel, wie er selbst nicht müde wurde zu betonen.
Die Mutter als Märtyrerin
Zwei einschneidende Erlebnisse prägten Tolkiens kreatives Wirken besonders: Mit zwölf Jahren zur Vollwaise geworden, betrachtete Tolkien zeitlebens seine Mutter als Märtyrerin für ihren Glauben, weil sie nach ihrer Konversion zum Katholizismus von der eigenen Familie im Stich gelassen wurde und ihren beschleunigten Tod infolge der Entbehrungen als alleinerziehende Mutter in Kauf nahm. In Kombination mit dem Verlust zweier seiner engsten Schulfreunde an der Westfront im Ersten Weltkrieg – Tolkien selbst nahm nur kurz an der Schlacht um die Somme teil, bevor er krankheitsbedingt nach England zurückkehrte – wurden diese Verlusterfahrungen zum Kern seines Schreibens.
Schon zu Studienzeiten und insbesondere nach seinem Fronteinsatz schrieb er Prosa und Poesie und versuchte sich in der Komposition frei erfundener Sprachen. Der studierte Linguist, ab 1925 bis zu seiner Emeritierung Professor an seiner Alma Mater, war unter anderem Mitglied der sogenannten Inklings, eines informellen Zirkels Oxforder Intellektueller, denen auch der Narnia-Autor C.S. Lewis angehörte, mit dem Tolkien lange freundschaftlich verbunden war.
Nach dem 1937 erschienenen Der Hobbit begann er sofort mit der Arbeit an einem Nachfolgeroman, welcher im Entstehungsprozess immer enger mit der mythischen Welt verbunden wurde, die Tolkien als Hobby seit Jahrzehnten kreiert hatte. Erst 1954/55 erschien Der Herr der Ringe und mit dem 1977 postum und unfertig von seinem Sohn Christopher edierten Silmarillion waren die Haupttexte aus Tolkiens sagenhafter Welt von Mittelerde herausgegeben.
Christian S. Trenk ist Theologe und Religionspädagoge in Frankfurt.
Zentrales Thema seiner Werke ist dabei die Verlust-Thematik in ihren vielen Facetten. Verzweiflung und Verlust prägen viele seiner Texte und stehen im Kontrast zu den ebenso präsenten christlichen Tönen von Vertrauen, Liebe und Beharrlichkeit. Der katholische Glaube blieb dabei für Tolkien lebenslang eine bedeutende Konstante. Neben seinem eigenen aktiven Glaubensleben wirkte er als prominenter katholischer Gelehrter in England an der englischen Version der Jerusalem Bible mit. Sein ältester Sohn wurde katholischer Priester, etliche Briefe bezeugen zudem sowohl Tolkiens anhaltende Beschäftigung mit existenziell-theologischen Grundfragen, als auch mindestens rudimentäre Kenntnisse beispielsweise der thomistischen Theologie. In gewisser Weise ist sein gesamtes schriftstellerisches Wirken – das er in einem Text explizit in Beziehung zum Schöpfergott setzt – auch Wirklichkeitsbewältigung und kreative Auseinandersetzung mit seiner Weltanschauung. Auch für seine erfundenen Sprachen schuf er christliche Bezüge – von Begriffen wie "Evangelium" und "Kreuzigung" in frühsten Vokabellisten bis zu ganzen ins Elbische übersetzten christlichen Gedichten wie dem Vater Unser und Ave Maria.
Der Herr der Ringe selbst, jedenfalls zu Lebzeiten sein Hauptwerk, weist ebenfalls vielfältige christliche Themen, Bezüge, Anklänge und Interpretationsmöglichkeiten auf. Explizite religiöse Bezüge nahm Tolkien dabei nach eigener Aussage bewusst heraus, vielmehr sei "das religiöse Element […] in die Geschichte und ihre Symbolik eingelassen". Der Adressat des zitierten Briefes hatte selbst Ähnlichkeiten zwischen Galadriel und der Mutter Gottes bemerkt, die seitdem in unzähligen Publikationen von unterschiedlicher Qualität diskutiert worden sind. Auch über die sakramentale Natur Mittelerdes und die Möglichkeit, die Quest der Helden der Geschichte als quasi-sakramentale Handlungen zu deuten, wurde viel geschrieben.
Offensichtliche Daten
Auf einer weniger subtilen Ebene ist es kein Zufall, dass die Gefährten Bruchtal an einem 25.12. verlassen und der Ring an einem 25.03. zerstört wird, zwei Daten, die für die christliche Erlösungslehre traditionell von großer Bedeutung sind. Auch, inwiefern die traditionellen drei Ämter Christi – Prophet, König und Hohepriester – durch drei zentrale Protagonisten des Herr der Ringe repräsentiert werden, ist breit diskutiert: Gandalf als Gesandter erfüllt die Rolle des Propheten. Aragorn ist der König, der – ein bedeutender Punkt in Tolkiens Original – sich selbst durch seine heilenden Hände als solcher offenbart. Frodo schließlich, der die Last der Welt in Form des Rings entbehrlich auf einen Berg trägt und dort auch sich selbst gewissermaßen als Opfer darbietet, kann als Priester gelesen werden.
Im Vorwort zur Zweiten Auflage des Herr der Ringe sah der Autor sich bemüßigt, den unzähligen Leserzuschriften entgegenzutreten, die ihn nach der dahinterliegenden Botschaft oder Bedeutung seines Werkes gefragt oder ihre je eigenen Interpretationen vorgeschlagen hatten. Statt Allegorie fordert er appliccability, "Anwendbarkeit", wobei "die eine im freien Ermessen des Lesers [liegt], während die andere von der Absicht des Autors beherrscht wird".
Bücher und Verfilmungen des "Herrn der Ringe" haben viele Menschen begeistert.
Entscheidend sind die Themen und prägenden Haltungen im und hinter dem Text all seiner Werke. Das menschliche Ringen zwischen Zweifel und Vertrauen, die Auseinandersetzung mit Scheitern und Verlust, der Widerstand gegen einfache Versuchungen – all das sind die christlichen Bezüge in Tolkiens Werken, die seine Texte auch heute noch menschlich interessant und theologisch lesenswert machen. Mitleid und Gnade gegenüber Gollum als instrumental in der letztendlichen (Er-)Lösung; Frodos und insbesondere Sams Widerstand gegen die Versuchung des Ringes; die Liebe zueinander und zur Welt, welche die Charaktere antreibt; das entschiedene Festhalten an Hoffnung und dem rechten Weg trotz aller vermeintlichen Hoffnungslosigkeit – darin liegt der christliche Gehalt des Herr der Ringe. So eben auch in der Botschaft Gandalfs, dass selbst vermeintlich unbedeutende Taten der Kleinsten zum Heil der Welt beitragen können, wie im von Papst Leo zitierten Textausschnitt.
Natürlich sind die Werke Tolkiens geeignet, auch die christliche Botschaft im 21. Jahrhundert zu verkünden. J.R.R. Tolkien ist ein facettenreicher Autor, der auch Katholik war. Sein Werk ist keine Apologie, aber doch durch und durch christlich anknüpfungsfähig. Dass sein Werk nun als Zitat ein Päpstliches Lehrschreiben ziert, hätte den Autor sicherlich gefreut und geehrt. Und gerade über Künstliche Intelligenz mag er hervorragend geeignet sein, geht es doch – wie Tolkien in einem anderen Brief über sein Werk schreibt – "bei diesem ganzen Zeug hauptsächlich um den Sündenfall, die Sterblichkeit und die Maschine".
