Wie ein Verein den Kölner Dom vollendet hat
Köln ohne den Dom? Das ist heute unvorstellbar. Trotzdem ist es keine Selbstverständlichkeit, dass die beiden M-förmigen Domtürme heute insignienhaft für alles stehen, was mit der größten Stadt Nordrhein-Westfalens zu tun hat. Und: Es würde sie nicht geben, wenn dahinter nicht ein großer, in seiner Form und Geschichte einzigartiger Verein stehen würde, der Zentral-Dombau-Verein zu Köln (ZDV). Denn der Dom, dessen Grundstein 1248 gelegt wurde, war seit dem 16. Jahrhundert lediglich halbfertig, auf der Baustelle tat sich nichts mehr. Gestartet war das Projekt mit der Ambition, die größte und schönste aller gotischen Kathedralen zu werden. Doch mit der Zeit ging das Geld aus und der Baustil der Gotik wurde unmodern, galt gar als minderwertig. So prägte jahrhundertelang ein Kran auf einem der nicht einmal halbfertigen Türme das Panorama der Stadt. Für den Dom interessierte sich in Köln bald niemand mehr.
Doch die Zeiten änderten sich: Nach den Umbrüchen der Französischen Revolution und ihren zum Teil sehr brutalen Auswüchsen erwachte vor allem im nun entstandenen Bürgertum ein neuer Sinn für die eigene Geschichte und damit auch das Mittelalter. In den gesellschaftlichen Salons und Kreisen der Stadt interessierte man sich nun wieder mehr für die halbfertige Kathedrale, die da mitten im Zentrum stand. Nicht zuletzt, als der Kölner Kunsthändler Sulpiz Boisseré (1783-1854) den Fassadenplan der Westfassade auftrieb (auf einer Hälfte davon wurde auf einem Dachboden Erbsen getrocknet), erwachte die Vision: Es war möglich, den Dom fertigzustellen.
Bürgerliche Prägung
Ganz unterschiedliche Vertreter des gehobenen Bürgertums bemühten sich nun, einen Verein zu gründen, um Geld für den Dom zu sammeln. Zahlreiche Initiativen liefen aber ins Leere. Darunter war – man mag es für undenkbar halten – mit dem Regierungsrat Johann Vincenz Joseph Bracht sogar ein Düsseldorfer. Erst im Frühsommer 1840 standen die Zeichen auf Veränderung: Der preußische König Friedrich Wilhelm III. starb. Er hatte bei den rheinischen Katholiken keinen guten Stand, denn er hatte im Streit um den Umgang mit konfessionsverschiedenen Ehen den Kölner Erzbischof Clemens August Droste zu Vischering (1773-1845) nicht nur seines Amts enthoben, sondern auch einkerkern lassen. Mit dem Amtsantritt seines Sohnes Friedrich Wilhelm IV. (1795-1861) wurde es nun ruhiger – und ein neuer Versuch der Vereinsgründung begann. Nach und nach fanden sich Vertreter des Bürgertums zusammen, und als der Kölnische Kunstverein sich der Sache annahm, entstand eine neue Dynamik. Anfang September 1840 richtete die Interessengruppe eine Bitte an den preußischen König, einen Verein gründen und Geld für den Dom sammeln zu dürfen. Der König stimmte zu und 1842 bildete sich der Verein. Dass er "Zentral-Dombau-Verein" heißt, ist kein Zufall: Im In- und Ausland bildeten sich weitere Vereine, deren Gelder in Köln zusammenflossen.
In den ersten Jahren lief es für den Verein finanziell gut. Doch dann sorgten eine Wirtschaftsflaute und das weniger gewordene öffentliche Interesse dafür, dass die Gelder immer weniger wurden. Nun kam ein Vorschlag in die Diskussion, der die bürgerliche Prägung des Vereins deutlich machte: Vielleicht wäre eine Lotterie die Lösung. Die kirchlich geprägten Mitglieder waren generell dagegen. Glücksspiel, um eine Kirche zu finanzieren? Das ging ihnen zu weit. Diese Seite war anfangs in der Mehrheit und lehnte den Vorschlag ab. Doch die bürgerlich geprägten Mitglieder fanden Gefallen an dem Gedanken – und trieben das Projekt weiter. 1865 fand dann tatsächlich die – bewusst kirchlich benannte – "Prämienkollekte" statt und war ein voller Erfolg. Die Bedenken verstummten und der Verein hatte auf lange Sicht genug Geld an der Hand, damit der Dom weitergebaut werden konnte.
Jahrhunderteland prägte ein Kran auf dem Kölner Dom das Stadtbild.
Auch beim Ausbau des Doms zeigte sich, dass sich hier nicht nur eine fromme Schar, sondern eine bürgerliche, überkonfessionelle Riege zusammengefunden hatte: Man suchte gern die Nähe zum König, der etwa zu so manchem Dombaufest in der Erbauungszeit kam und machte etwa mit gestifteten Ausstattungsstücken Werbung für sich selbst. Besonders das Verhältnis zwischen preußischem Königshaus und katholischer Kirchlichkeit sorgte in einer Zeit für Spannungen, in der es immer wieder Konflikte zwischen Staat und Kirche gab.
Diese prägten auch das Fest zur Vollendung des Domes 1880: Der nunmehrige König Wilhelm I. kam, das Domkapitel und Erzbischof Paulus Melcher inmitten des Kulturkampfs nicht. Dafür gab es am Ende ein Festbankett und Orden für verdiente ZDV-Mitglieder. Die Historikerin Kathrin Pilger fasst es so zusammen: "Repräsentierte auf dem ersten Dombaufest 1842 anlässlich der Grundsteinlegung zum Weiterbau des Doms noch eine relativ heterogene Mitgliederschaft, die verschiedene gesellschaftliche Gruppen integrierte, den Zentral-Dombauverein, so waren knapp 40 Jahre später die Verhältnisse ganz anders", schreibt sie. "Die schon bei Gründung des Vereins erkennbare Tendenz des Bürgertums zur klassenmäßigen Abschließung hatte sich vollends durchgesetzt."
Breite Basis
Heute steht der Verein auf einer deutlich breiteren Basis: Mit mehreren zehntausend Mitgliedern ist er so groß wie kaum ein anderer Verein dieser Art. Steuerte er zu seinem 175-jährigen Jubiläum auf 17.500 Mitglieder zu, sind heute nach der Ankündigung des Eintrittsgeldes für den Dom – von dem ZDV-Mitglieder ausgenommen sind – mit 22.500 so viele Menschen Mitglied im ZDV wie noch nie in seiner Geschichte. Die Bedeutung des Vereins ist gleichbleibend hoch: Steuerte der Verein zur Vollendung des Domes bereits zwei Drittel der Finanzmittel bei, sind es auch heute noch sechzig Prozent des Geldes für den Unterhalt des Domes, der jedes Jahr aus den Mitteln des Vereines und dadurch direkt aus der Bevölkerung kommt. Es ist also nicht übertrieben, wenn Beobachter oder der ZDV selbst immer wieder feststellen: Ohne den Verein würde es den Dom in seiner heutigen Form nicht geben.
Was der Verein bis heute nicht hat, ist das "e.V.", das hinter den allermeisten heute bestehenden Vereinen in Deutschland steht. Denn er ist ein sogenannter altrechtlicher Verein, weil er älter ist als das Vereinsregister. Für den ZDV gilt auch heute noch die Order des preußischen Königs Friedrich Wilhelms IV. Er ist damit eine der ältesten Nichtregierungsorganisationen der Welt. Doch auch in der langen Geschichte gibt es noch Neuerungen: 2024 wurde mit der ehemaligen Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner erstmals in seiner Geschichte eine Frau Präsidentin des ZDV.
