Katholisches Ehepaar: "Bei dieser Wahl geht es wirklich um alles"
Am 6. September wird in Sachsen-Anhalt ein neuer Landtag gewählt. Die AfD liegt in den Umfragen seit Monaten deutlich vorn, sogar die absolute Mehrheit scheint für die als "gesichert rechtsextremistisch" eingestufte Partei möglich. Vera (68) und Norbert Weiß (71) erleben den Wahlkampf mit Sorge, aber auch mit Hoffnung. Das katholische Ehepaar engagiert sich in seinem Heimatort Aken (Elbe) westlich von Dessau für Demokratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt – aus Überzeugung und aus ihrem christlichem Glauben heraus. Im katholisch.de-Interview sprechen Sie über ihre Erfahrungen im Wahlkampf und ihren Blick auf die AfD und den bevorstehenden Urnengang.
Frage: Frau Weiß, Herr Weiß, in gut einer Woche findet in Sachsen-Anhalt die Landtagswahl statt. Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf den Urnengang?
Norbert Weiß: Es ist ein Wechselbad der Gefühle. Mal ist da Sorge, was am 6. September und danach politisch und gesellschaftlich passieren wird. Mal aber auch Freude, dass wir gerade jetzt im Endspurt des Wahlkampfs durch unser Engagement vielen Menschen begegnen und mit ihnen ins Gespräch kommen. Dabei stellen wir immer wieder fest, dass wir mit unseren Sorgen nicht allein sind. Das bestärkt uns.
Vera Weiß: Ich stelle mich mit Blick auf die Wahl auf alle Szenarien ein. Egal, wie die Wahl ausgeht: Es wird danach wahrscheinlich nicht leicht werden. Aber auch ich empfinde Freude über die neue Vernetzung, die sich innerhalb der Zivilgesellschaft in diesem Wahlkampf in kurzer Zeit entwickelt hat. In den vergangenen Monaten ist da sehr viel entstanden. Ich glaube, das ist eine gute Basis, um mit künftigen Widrigkeiten klarzukommen.
Frage: Was erleben Sie derzeit vom Wahlkampf in Aken?
Norbert Weiß: Wir sind zunächst einmal froh, dass die Plakate des Vereins "Wir mit Dir", bei dem wir uns engagieren, noch hängen und nicht abgerissen wurden. Der Verein hat hier in der Region die Kampagne "Ich wähle demokratisch, weil …" initiiert. Menschen aus der Region bekennen sich darauf zur Demokratie und erklären, warum sie demokratisch wählen. Wir machen auch mit. Eines der Plakate, auf denen ich zu sehen bin, hängt zum Beispiel direkt unter einem Wahlplakat des AfD-Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund. Das erste Banner der katholischen Kampagne "Bewusst wählen!" vor der Kirche in Aken wurde allerdings gestohlen. Dass unsere Plakate noch hängen, ist deshalb unsere kleine Freude hier in der Stadt.
Vera Weiß: Wir sind nicht auf Social Media unterwegs und bekommen die Aggressivität des Wahlkampfs deshalb nur indirekt mit. In Aken selbst wird sie jedenfalls zumindest nicht offen ausgetragen.
Frage: Sie engagieren sich für Demokratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Was treibt Sie persönlich an?
Norbert Weiß: Die Überzeugung, unsere christliche Botschaft wieder deutlicher betonen zu müssen. Wir müssen unsere Zaghaftigkeit und Verzagtheit überwinden und auf die Menschen zugehen. Denn wir haben das Gefühl: Es geht bei dieser Wahl wirklich um alles. Es geht um die Demokratie, unser Gemeinwesen und darum, Haltung zu zeigen.
Vera Weiß: Unser Glaube spielt bei unserem Engagement eine große Rolle. Papst Franziskus hat 2019 in seiner Botschaft zum Weltfriedenstag erklärt, gute Politik sei eine "hervorragende Form der Nächstenliebe", und er hat die Christen dazu aufgerufen, sich in die Politik einzumischen. Wir haben uns hier in unserer Gemeinde vor einiger Zeit mit der katholischen Soziallehre beschäftigt: Solidarität, Subsidiarität, Gemeinwohl, Nachhaltigkeit, die Option für die Armen sowie Gerechtigkeit – das sind ureigene christliche Anliegen, die auch bei der Wahl eine wichtige Rolle spielen sollten und denen wir durch unser Engagement Gehör verschaffen wollen.
„Ich kann nicht verstehen, warum nicht stärker gesehen wird, was sich seit 1990 alles verbessert hat und wie viele Chancen das Leben heute bietet.“
Frage: Wie hat sich die gesellschaftliche und politische Stimmung in Aken und in Sachsen-Anhalt in den vergangenen Jahren verändert?
Vera Weiß: Es ist im Moment sehr polarisiert – in Aken selbst allerdings weniger als in Sachsen-Anhalt insgesamt. Es gibt einen tiefen Graben zwischen denen, die sagen: "Es ist vielleicht nicht alles gut, aber auch nicht alles schlecht. Vieles kann besser werden, wenn wir alle mitmachen." Und denen, die sagen: "Wir bekommen nicht das, was wir uns gewünscht haben oder was uns versprochen wurde, jetzt sollen eben andere – also die AfD – die Regierungsgeschäfte übernehmen." Ich glaube, es ist auch eine Aufgabe der Kirche, hier Brücken zu bauen und diese Polarisierung ein Stück weit zu überwinden – etwa durch Einzelgespräche oder Einladungen zum Dialog.
Frage: Die AfD liegt in den Umfragen seit Monaten über 40 Prozent und damit deutlich vor allen anderen Parteien. Was macht diese Zustimmung mit Ihnen?
Vera Weiß: Ich empfinde sie als befremdlich und völlig irrational. Ich nehme die große Zustimmung für die AfD inzwischen einfach als Realität an, ohne permanent nach dem Warum zu fragen. Es ist für mich nicht zu erklären. So schlecht geht es den Menschen in diesem Land nicht, dass 40 Prozent AfD wählen müssten.
Frage: Wenn Sie mit Menschen sprechen, die AfD wählen wollen: Welche Sorgen begegnen Ihnen?
Norbert Weiß: Ein großes Thema ist die Sorge um die Rente. Auch die Verschiebung des Renteneintrittsalters, Krankenkassenbeiträge und hohe Pflegekosten werden genannt. Das wird dann oft direkt Friedrich Merz als Bundeskanzler zugeschrieben: "Herr Merz muss weg." Wir versuchen dann zu erklären, dass wir hier ja eine Landtagswahl haben und es dabei um landespolitische Fragen geht, vor denen Sachsen-Anhalt steht. Aber dann heißt es oft: "Die Altparteien haben Jahrzehnte Zeit gehabt, und nichts hat sich gebessert." Wenn man fragt, was sich denn konkret verbessern soll, kommen häufig nur diffuse Antworten: "Jetzt müssen mal neue Leute ran."
Das Ehepaar Norbert und Vera Weiß engagiert sich aus seinem christlichen Glauben heraus in ihrer Heimat Sachsen-Anhalt für die Demokratie.
Frage: Spielt dabei auch die ostdeutsche Erfahrung nach 1990 eine Rolle?
Norbert Weiß: Ja, es ist offenbar irgendwo eine Kränkung passiert. Viele Menschen im Osten fühlen sich bis heute zurückgesetzt. Wir können uns die Unzufriedenheit und die daraus gespeiste Zustimmung zur AfD trotzdem nicht erklären. Als langjähriger Arzt kommt es mir so vor, als würden manche Menschen ein Gift in sich aufnehmen – das Gift des Egoismus und des Nationalismus. Ich kann nicht verstehen, warum nicht stärker gesehen wird, was sich seit 1990 alles verbessert hat und wie viele Chancen das Leben heute bietet.
Frage: Das ist eine Frage, die zunehmend ja auch von Westdeutschen gestellt wird. Nach dem Motto "Warum seid ihr Ossis denn immer noch nicht zufrieden?" ...
Vera Weiß: Wenn ich mit Menschen über die Entwicklung seit 1990 spreche, tue ich das als Ostdeutsche. Es ist ein Unterschied, ob man aus dem Westen sagt: "Jetzt seid doch mal zufrieden", oder ob wir hier im Osten miteinander sprechen und sagen: "Mensch, überleg doch mal, wie verschmutzt unsere Elbe vor der Wende war oder wie grau unsere Städte mit all ihren verfallenen Häusern waren." Das bringt in konkreten Gesprächen mit einzelnen Menschen schon etwas. Mir wurde in solchen Gesprächen jedenfalls schon oft gesagt: "Ja, da haben Sie eigentlich recht." So können wir aber tatsächlich nur als Ostdeutsche untereinander sprechen. Sobald solche Aussagen von außen, von Westdeutschen, kommen, kommen sofort die alten Vorwürfe. Viele alte Demütigungen sind noch da.
Frage: Welche Reaktionen bekommen Sie auf Ihr Engagement für die Demokratie?
Vera Weiß: Überwiegend Freundlichkeit, was wirklich erstaunlich ist. Wir waren früher als Ärzte in Aken tätig, deshalb kennen uns hier viele Menschen. Es grüßen uns aber auch junge Leute auf der Straße, die uns gar nicht mehr als Ärzte erlebt haben. Einem erzählte ich von unserem Engagement, und er sagte: "Cool." Wir sind viel mit Menschen im Gespräch. Ich glaube, diese persönliche Ansprache ist für uns hier in der Kleinstadt, wo man einander kennt, eine gute Methode.
Norbert Weiß: Eine Blumenverkäuferin aus unserer Nachbarschaft engagiert sich ebenfalls bei der Kampagne "Ich wähle demokratisch, weil …". Sie war zunächst unsicher, ob ihr Plakat im Laden ihr vielleicht geschäftlich schaden könnte. Dann erzählte sie, dass Menschen extra in ihr Geschäft kämen, um ihr zu sagen, dass sie es gut finden, dass sie mitmacht. Das erleben wir als eine gewisse Stärkung und als Hoffnung, dass unser Engagement etwas bewirkt. Natürlich ist das nicht messbar. Aber ein bisschen Hoffnung bleibt, dass die Menschen nach Gesprächen oder angesichts unserer Plakatkampagne doch nachdenken.
Frage: Als Christen sprechen Sie von Menschenwürde und Nächstenliebe. Wie gehen Sie mit Menschen um, deren politische Überzeugungen Sie ablehnen?
Norbert Weiß: Klar widerspreche ich, wenn die Menschenwürde verletzt wird. Und wenn eine gewalttätige Sprache auftaucht, sage ich: Stopp, so können wir nicht weiterreden. Ansonsten versuche ich, zu den Menschen hinzugehen, zuzuhören und sachlich zu diskutieren.
Vera Weiß: Ich glaube, meistens hilft es, konsequent den Menschen im Menschen zu sehen. Wenn mir jemand unflätig begegnet und ich halbwegs ausgeruht bin, gelingt es mir, ihn anzuschauen, erst einmal zu warten und dann ruhig zu sagen: "Ich sehe das anders." Manchmal wechsle ich auch bewusst das Thema oder versuche, eine andere Perspektive aufzumachen. Aber immer als Angebot. Ich frage Menschen zum Beispiel: "Wollen Sie denn immer mit der Faust in der Tasche leben? Oder wollen Sie auch mal lächeln und sich freuen?"
„Mein christlicher Glaube trägt mich sehr stark. Ich glaube, das ist unsere Kraft: dass wir furchtlos sein können, weil wir wissen, dass wir nicht allein sind.“
Frage: Gibt es in Ihrem Umfeld Menschen, die AfD wählen wollen? Und suchen Sie mit denen auch das Gespräch?
Norbert Weiß: Ja, die gibt es. Einzelne haben mir schon gesagt: "Ich wähle AfD. Es muss sich etwas ändern." Ich versuche dann, Argumente zu bringen. Ich spreche zum Beispiel über die aus meiner Sicht fatalen Pläne der AfD in der Bildungspolitik. Oder ich erzähle von unserem Schwiegersohn, der aus Nicaragua kommt und hier als Krankenpfleger arbeitet. Wenn die AfD ihre Pläne in der Krankenpflege durchsetzen könnte, sollte wohl auch jemand wie er langfristig ausgetauscht werden. Aber wer übernimmt seine Arbeit als Krankenpfleger? Man bekommt in den Gesprächen allerdings auch erstaunliche Antworten. Ein Mann sagte mir neulich, das Wahlprogramm der AfD müsse man nicht so ernst nehmen; die Parteien hielten sich doch sowieso nicht an ihre Programme. Aber genau das ist unsere Sorge: Wenn die AfD bei der Wahl die absolute Mehrheit erzielen sollte, wird sie vieles genauso umsetzen, wie sie es in ihrem Programm geschrieben hat.
Frage: Frau Weiß, was erleben Sie im Gespräch mit AfD-Sympathisanten und -Wählern?
Vera Weiß: Nach meiner Erfahrung bringt es nichts, potenzielle AfD-Wähler mit Sachargumenten überzeugen zu wollen. Das führt eher zu weiteren Verhärtungen und zum Ende des Gesprächs. Ich freue mich schon, wenn das Gegenüber mir zuhört und sich anhört, was ich denke. Oder wenn ich einfach von den Verbesserungen seit 1990 erzählen kann.
Norbert Weiß: Wenn es in solchen Gesprächen gelingt, überhaupt auf Sachthemen zu kommen, ist das eine Sternstunde – unabhängig davon, wie man sich anschließend wieder trennt. Ich empfinde es als problematisch im jetzigen Wahlkampf, dass wir in eine komplett polarisierte Richtungswahl gedrängt werden und gar nicht mehr über Sachthemen reden.
Frage: Was macht Ihnen trotz der politischen Stimmung mit Blick auf die Wahl und die Zeit danach Hoffnung?
Vera Weiß: Die verbindende Gemeinschaft der Menschen, die ich durch unser Engagement hier vor Ort erlebe. Ich nenne das "MgW" – "Menschen guten Willens" (lacht). Hier sind viele Menschen zusammengekommen, die mitgestalten wollen und sich für die Demokratie engagieren. Und mein christlicher Glaube trägt mich sehr stark. Ich glaube, das ist unsere Kraft: dass wir furchtlos sein können, weil wir wissen, dass wir nicht allein sind. Und selbst wenn es schlecht ausgeht, sind wir immer noch nicht allein.
Norbert Weiß: Hoffnung macht uns auch das starke Engagement unserer Kirche und besonders unseres Bischofs für die Demokratie – etwa mit der Kampagne "Bewusst wählen!". Und auch das Miteinander mit der evangelischen Kirche tut gut. Dass dort ein klarer Konsens besteht, wenn es um Demokratie und die Wahl geht, gibt mir Hoffnung.
