Jesuit und Psychiater Frick: Erwartung an Bischöfe nicht überspannen
Der Rücktritt des Speyerer Bischofs Karl-Heinz Wiesemann hat erneut die Belastung kirchlicher Führungskräfte in den Blick gerückt. 2015 wurde eine Studie veröffentlicht, die das Thema bereits beleuchtete: die Seelsorgestudie unter anderem zu Lebensqualität, Berufszufriedenheit, (seelische) Gesundheit und Spiritualität bei Priestern, Diakonen und Laien in der Seelsorge. Federführend daran beteiligt war damals der Jesuit Eckhard Frick. Was lässt sich aus der Studie auf die Situation Bischöfe übertragen – angesichts von Reformdruck, Missbrauchsaufarbeitung und immer komplexeren Leitungsaufgaben? Ein Interview über die Illusion unbegrenzter Resilienz, den Umgang mit hohen Erwartungen an die Bischöfe und die Notwendigkeit von Dialog und mehr kollegialen Strukturen.
Frage: Pater Frick, der Rücktritt von Bischof Wiesemann hat viele überrascht, seine Begründung manche nachdenklich gemacht. Inwiefern kann man seinen Schritt als Zeichen dafür deuten, dass das Amt des Bischofs in der heutigen Kirche mit all seinen Facetten an sich einfach überfordernd ist?
Frick: Zu persönlichen Angelegenheiten von Bischof Wiesemann kann ich mich natürlich nicht äußern. Nur so viel: Ich habe ihn kennengelernt, als wir der Bischofskonferenz die Seelsorgestudie vorgestellt haben. Dabei und bei späteren Gelegenheiten habe ich ihn als einen Menschen erlebt, der zugänglich und neugierig ist und in flachen Hierarchien denkt. Ich möchte aber mit dem Jesuiten Alfred Delp antworten, der im Gefängnis kurz vor seiner Hinrichtung durch das NS-Regime geschrieben hat: Wenn wir uns nicht ändern, wird uns die Geschichte als "richtender und zerstörender Blitz" treffen. Dann kommt der berühmte Satz: "Wir sind trotz aller Richtigkeit und Rechtgläubigkeit an einem toten Punkt." Delp bezieht dies ausdrücklich auf das persönliche Schicksal einzelner Gläubiger und Amtsträger, aber auch auf die Organisation Kirche.
Frage: Was bedeutet das in diesem Zusammenhang?
Frick: Delp meinte damit, dass die Kirche in ihren Formen und Strukturen erstarrt war und keine gestaltende Kraft mehr für die damalige Zeit besaß. Das gilt auch heute für die Kirche: Sie hätte die Aufgabe, zu gestalten und sich einzubringen – gemeinsam mit den Kräften, die für einen offenen Dialog eintreten. Doch sie ist vor allem damit beschäftigt, Missstände aufzuarbeiten und Mangel zu verwalten. Der Zuversicht, die auch ein Bischof braucht, um gestalten zu können, wird dadurch die Luft abgedrückt. Da ist es schwer, durchzuatmen.
Frick: Ja. In der Physik ist der tote Punkt eine Blockade von Kräften, sodass sich ein System nicht mehr bewegen kann. Davon zu sprechen, ist aber keine Kapitulation und kein Eingeständnis, dass wir uns nicht entwickeln können. Im Gegenteil: Es ist die Möglichkeit des Umkehrens, also etwas zu ändern. Delp nannte es "Rückkehr zur Diakonie", Bonhoeffer "Kirche für andere".
Der Jesuit Eckhard Frick ist Priester, Theologe und Psychiater. Er ist Professor für Spiritual Care am Klinikum der TU München.
Frage: Was kann in Leitungsfunktionen wie beim Bischofsamt besonders kritisch oder gefährlich werden?
Frick: Organisationen suchen sich für Leitungsämter Menschen heraus, von denen sie meinen, sie seien belastbar, gesund und in der Lage, elastisch und resilient auf Anforderungen zu reagieren. Das gilt auf allen Leitungsebenen, schon in einer Pfarrei für die leitenden Pfarrer. Und selbstverständlich auch für die Bistumsspitze und für die Leitung der Weltkirche. Da erwartet man eine Robustheit, die gewissermaßen unbegrenzt ist. Eine unbegrenzte Resilienz gibt es aber natürlich nicht.
Frage: Resilienz gilt gerade in herausfordernden Zeiten als wichtige Fähigkeit. Wo liegen die Grenzen?
Frick: Der Begriff kommt interessanterweise aus der Materialkunde. Wenn man eine Feder dehnt und spannt, speichert sie Energie; und wenn sie wieder zurückfedert, funktioniert sie. Der lineare Zusammenhang zwischen Dehnung und Spannung gilt aber nur für eine gewisse Strecke. Irgendwann kommt man zu einem Kipppunkt, an dem man das Material verformt, es nicht mehr elastisch ist oder sogar bricht. Auf den Menschen übertragen müssen wir darauf achten: Wo ist der Resilienzbereich, und wo ist er zu Ende? Wo ist der Mensch überfordert? Auch Führungskräfte haben nur innerhalb eines bestimmten Bereichs die Möglichkeit, aus ihrer Anspannung wieder herauszufinden. Um die Metapher zu Ende zu bringen: Wir dürfen die Erwartung nicht überspannen.
Frage: Gerade die Erwartungen an Bischöfe sind überbordend. Man denke nur an Reformdruck, Strukturprozesse, Rückmeldungen aus Rom, Aufarbeitung des Missbrauchsskandals …
Frick: Diese übergroßen Erwartungen haben etwas Projektives: Der Bischof soll es richten. Wenn etwas nicht gut gelaufen ist – etwa bei der Aufarbeitung von sexuellem oder geistlichem Missbrauch – oder wenn es einen Innovationsstau gibt, wird die Erwartung nach oben weitergegeben. Diese projektiven Mechanismen werden natürlich durch die kirchlichen top-down-Strukturen begünstigt. Besonders gravierend ist das bei Personalfragen: Schwierige und konflikthafte Situationen landen irgendwann beim Bischof. Er muss Entscheidungen in Prozessen treffen, die er oft nur ungenügend durchschaut, und dies häufig unter Zeitdruck. Ähnlich wie in der psychotherapeutischen Krisenintervention gilt auch hier: nach Möglichkeit entschleunigen und krisenhafte in 'normale' Prozesse verwandeln.
Was gehört zum Kern des Bischofsamts?
Frage: Sie haben die Seelsorgestudie, die vor mehr als zehn Jahren veröffentlicht wurde, bereits erwähnt. Dabei ging es unter anderem um die Belastung und seelische Gesundheit von Seelsorgenden. Welche Ergebnisse von damals sind mit Blick auf die Belastung von Bischöfen interessant?
Frick: Wir haben herausgearbeitet, dass die Teilnehmenden deutlich weniger zufrieden mit ihrer Organisation und auch mit der Leitung sind als Menschen in vergleichbaren sozialen Institutionen. Sie sind zwar ungefähr so zufrieden wie die Allgemeinbevölkerung, aber im Vergleich mit Menschen, die in karitativen Institutionen arbeiten, deutlich weniger zufrieden. Sie erwarten gewissermaßen zu wenig und gleichzeitig zu viel von den Bischöfen. Daneben haben wir auch das Kohärenzgefühl untersucht.
Frage: Was bedeutet das?
Frick: Wenn das Koheränzgefühl hoch ist, halte ich das, was ich mache, für sinnvoll. Ich kann etwas gestalten, auch wenn es große Probleme gibt. Ein gutes Kohärenzgefühl kann in schwierigen Situationen Kreativität freisetzen. Gerade bei Priestern haben wir aber einen hohen Anteil von Personen mit niedrigem Kohärenzgefühl festgestellt. Das lässt sich sicherlich auf Bischöfe übertragen: Wie können sie in solchen Belastungssituationen ein Kohärenzgefühl aufrechterhalten? Auch sie wirken oft eher wie Getriebene.
Frage: Heißt das alles nun, einerseits sollten die Menschen ihre Erwartungen zurückschrauben, andererseits müsste die Institution darüber nachdenken, was sie einem Bischof zumutet?
Frick: Ja. Was ist eigentlich der Kern des Bischofsamtes? Leitung und Hirtenaufgabe – und die ist ja nicht nur administrativ. Deshalb würde ich zunächst eine Bestandsaufnahme machen, was alles zu dieser Aufgabe gehört. Was sind das eigentlich alles für Dinge, die ein Bischof tun muss? Was muss er davon wirklich selbst tun? Was lässt sich priorisieren? Und nach welchen Kriterien? Da braucht es neue Ansätze in Sachen Delegation. Einige werden bereits umgesetzt, wenn Sie beispielsweise an Ernennungen von Amtschefs oder -chefinnen oder ähnlichen neu geschaffenen Positionen in manchen Bistümern denken. Aber darüber hinaus braucht es vielleicht ein Umdenken.
Frage: Inwiefern?
Frick: Wir als Volk Gottes müssen uns darauf einstellen, die Bischöfe auch mitzutragen, durch Gebet und Dialog auf Augenhöhe. Sie haben ein schweres Amt und brauchen diesen Rückhalt – nicht nur Erwartungen und Überforderung. Man sollte Bischöfe nicht nur als vorgesetzte Leitung sehen, sondern auch – wie der heilige Augustinus sagt – als Menschen, die für uns Bischof und mit uns Christ sind. Dazu braucht es Kommunikationsforen, ob man sie nun synodal nennt oder anders.
„Man sollte Bischöfe nicht nur als vorgesetzte Leitung sehen, sondern auch – wie der heilige Augustinus sagt – als Menschen, die für uns Bischof und mit uns Christ sind. Dazu braucht es Kommunikationsforen, ob man sie nun synodal nennt oder anders.“
Frage: Wie kann eine Organisation wie die Kirche darüber hinaus noch ihre Führungskräfte davor schützen, sich selbst zu überfordern?
Frick: Zunächst muss die einzelne Person darauf achten, wie es um sie selbst bestellt ist. Wir haben in der Seelsorgestudie deshalb auch die psychosomatische Gesundheit der Seelsorgenden untersucht. Aber das Ganze lässt sich nicht nur individualisieren. Es hat auch einen gruppendynamischen und sozialpsychologischen Aspekt: Wie wirken die Bischöfe zusammen? Ich möchte ihnen keine Ratschläge geben. Aber mir ist zum Beispiel aufgefallen, dass sich beim Thema Missbrauch jeder Bischof einzeln den Fragen stellen und all das bekennen muss, was teilweise die Vorgänger falsch gemacht haben. Warum kann die Bischofskonferenz nicht stärker schauen, wie man das miteinander machen und gemeinsam an die Öffentlichkeit treten kann? Die Deutsche Bischofskonferenz macht nach außen nicht immer den Eindruck einer geeinten und brüderlichen Versammlung. Aber auch Gruppen können sich entwickeln. Kollegiale Strukturen zu stärken, halte ich für wichtig. Das führt auch zu der Frage, wie Bischöfe bestellt werden. Das ist durch Kirchenrecht und Konkordate festgelegt. Was aber noch nicht sehr gut funktioniert, ist eine gewisse Breite in der Konsultation.
Frage: Hin und wieder taucht der Vorschlag auf, die Amtszeit eines Bischofs zunächst auf einige Jahre zu begrenzen und dann gemeinsam mit dem Vatikan und der Basis zu entscheiden, ob es weitergehen kann. Wie beurteilen Sie solche Ideen?
Frick: Bisher haben wir ja faktisch bereits eine altersmäßige Begrenzung, und Menschen beginnen relativ spät mit dem Bischofsamt. So viel ändern würde das also gar nicht, meine ich. Im Jesuitenorden haben wir eine Feedbackkultur, die gut eingebaut ist. Analog könnte auch ein Bischof nach einer gewissen Zeit fragen: Wie ist es denn? Wie erleben die Menschen die Kirche vor Ort: innerhalb der Gemeinden und in ihrer Diakonie? Wo liegen Stärken und Schwächen der Leitung? Und zwar so, dass die Antwort nicht mit den persönlichen Interessen derjenigen verquickt ist, die ihm antworten. Das lässt sich zum Beispiel über Supervision und Intervision einbauen. Solche Elemente sind möglich, ohne dass ich mich jetzt zu stark in das kirchenrechtliche Feld hineinbegeben möchte.
Frage: Wir haben viel über die Erwartungen an einen Bischof und die damit einhergehenden Belastungen gesprochen. Ist ein solcher Schritte wie der von Bischof Wiesemann Anzeichen für einen Kulturwandel – dass kirchliche Führungskräfte stärker über ihre eigenen Grenzen sprechen?
Frick: Dass wir einem Bischof zutrauen, wie jedem anderen Menschen auch, Erholung oder vielleicht eine psychotherapeutische oder psychosomatische Behandlung in Anspruch zu nehmen und auch darüber zu sprechen, ist meines Erachtens ein gutes Zeichen. Nehmen Sie Lehrerinnen und Lehrer: Gerade im Referendariat, wenn sie besonders unter Druck stehen, trauen sie sich oft nicht, sich Hilfe zu holen, weil sie um ihre Verbeamtung fürchten. Und später zeigen sich die Probleme dieses sehr aufreibenden Berufs umso deutlicher. Unter präventiven Gesichtspunkten ist es deshalb viel besser, früher zu schauen: Wo sind die resilienzstärkenden Faktoren? Das gilt für Leitungsämter in der Kirche genauso.
Zur Person
Eckhard Frick SJ, geboren 1955, studierte Medizin, Philosophie und Theologie. Er ist Psychiater und Facharzt für psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychoanalytiker und Psychodramatiker. Er lehrt an der Hochschule für Philosophie und am Klinikum der TU München (Professur für Spiritual Care und psychosomatische Gesundheit).
