Medjugorje: Der Vatikan, Erscheinungen und ein brisantes Dokument

Jedes Jahr pilgern rund zwei bis drei Millionen Menschen in den kleinen Ort Medjugorje in Bosnien-Herzegowina. Seit 1981 soll es hier Marienerscheinungen geben; bis heute rechnet man mit mehr als 40.000 angeblichen Erscheinungen. Über Jahrzehnte gab es Debatten und innerkirchliche Streitigkeiten; schließlich zögerte die Kirche und zweifelte die Erscheinungen an; bis zum Paradigmenwechsel im Jahr 2024, als der Vatikan die Normen zu Marienerscheinungen überarbeitete und dann eine Entscheidung in Bezug auf Medjugorje fällte. Doch befriedet hat das die Situation kaum. Um die Bedeutung dieses Dokuments einordnen zu können, muss man jedoch weiter zurückgehen.
Eine wichtige Rolle für die spätere kirchliche Bewertung der Ereignisse spielte ein Konflikt, der lange vor den ersten angeblichen Erscheinungen begonnen hatte: der sogenannte "Herzegowina-Fall" (kroatisch: "Hercegovački slučaj"). Über Jahrhunderte hatten vor allem Franziskaner die Seelsorge in Herzegowina getragen, da sich unter osmanischer Herrschaft dort keine reguläre Diözesanstruktur etablieren konnte. Nachdem Österreich-Ungarn 1878 die Verwaltung des Landes übernommen hatte, stellte Papst Leo XIII. 1881 mit seiner Bulle "Ex hac augusta" eine reguläre kirchliche Hierarchie wieder her.
Innerkirchlicher Konflikt
In der Folge sollten zunehmend Pfarreien von den Franziskanern an Diözesanpriester übergeben werden. Dagegen regte sich unter Teilen der Franziskaner erheblicher Widerstand. Daraus entwickelte sich ein jahrzehntelanger Konflikt zwischen Teilen der herzegowinischen Franziskanerprovinz und den Bischöfen von Mostar-Duvno über die Aufteilung der Pfarreien. 1975 versuchte der Heilige Stuhl unter Papst Paul VI., den Streit mit dem Dekret "Romanis Pontificibus" verbindlich zu regeln. Ein größerer Teil sollte künftig vom Diözesanklerus betreut werden, während den Franziskanern bestimmte Pfarreien verblieben. Teile der Franziskaner widersetzten sich jedoch der angeordneten Übergabe von Pfarreien und dessen Umsetzung.
Als Pavao Žanić 1980 Bischof von Mostar-Duvno wurde, war dieser Konflikt noch immer ungelöst. Kurz darauf eskalierte der Streit erneut um die Neuordnung der Pfarreien in Mostar. Zwei Franziskaner, Ivica Vego und Ivan Prusina, widersetzten sich den kirchlichen Anordnungen und wurden sanktioniert. In dieses kirchliche Klima spielten die ersten Erscheinungen von Medjugorje. Denn der kleine Ort wird seit jeher von Franziskanern betreut – denen der Ortsbischof dementsprechend kritisch gegenüberstand. Der "Herzegowina-Fall" ist also ein Teil der Auseinandersetzung um die Glaubwürdigkeit der Erscheinungen.
Kritik am Bischof
Pavao Žanić, glaubte den Kindern und ihren Erzählungen zunächst. Er richtete eine Untersuchungskommission ein, die bis 1984 bestand. Als drei der Seherkinder dem Bischof eine Botschaft der "Gospa” genannten Frau überbrachten, in der die Absetzung von zwei Franziskanern durch den Bischof kritisiert wird, kamen bei ihm jedoch Zweifel auf. Am 19. November 1983 schickte er einen vertraulichen Bericht an die damalige Glaubenskongregation in Rom, in dem er sehr starke Zweifel an den Erscheinungen äußerte. Ein Jahr später gab die damals noch Jugoslawische Bischofskonferenz eine Erklärung ab, in der sie Pilgerfahrten nach Medjugorje untersagte und auf die Zuständigkeit der kirchlichen Autorität für die Bewertung der Marienerscheinungen verwies.
1975 versuchte der Heilige Stuhl unter Papst Paul VI., den Streit mit dem Dekret "Romanis Pontificibus" verbindlich zu regeln.
Am 19. Mai 1986 entschied die Diözesankommission dann, dass die Übernatürlichkeit der vorgeblichen Erscheinungen nicht feststehe. Doch ein Ende der Untersuchungen war damit nicht in Sicht: Auf Empfehlung des Vatikan wurde 1987 eine weitere Untersuchungskommission eingerichtet. Es folgte eine vierjährige Untersuchung mit ähnlichem Ergebnis. "Auf der Grundlage der bisher durchgeführten Untersuchungen ist es nicht möglich, zu bestätigen, dass es sich um übernatürliche Erscheinungen und Phänomene handelt”, schrieb die Kommission in ihrem Abschlussbericht. Offizielle Wallfahrten von Bistümern und Pfarreien wurden zu der Zeit von der Jugoslawischen Bischofskonferenz nicht gestattet. In der ordentlichen Sitzung der Bischofskonferenz von Jugoslawien in Zadar im Jahr 1991 wurde dann beschlossen: "Die Bischöfe haben von Anfang an die Ereignisse in Medjugorje durch den Bischof dieser Diözese (Mostar), durch die Kommission des Bischofs und durch die Kommission der Bischofskonferenz von Jugoslawien für Medjugorje verfolgt. Auf der Basis dieser Untersuchungen kann bis jetzt nicht bestätigt werden, dass es sich hier um übernatürliche Erscheinungen und Offenbarungen handelt."
Trotz mehrerer Untersuchungen und Abschlussberichte fehlte vielen eine endgültige Entscheidung – am besten von Seiten des Papstes. Im Jahr 1994 bat der neue Ordinarius von Medjugorje, Ratko Perić, Papst Johannes Paul II. um sein Wort in dem Fall. Angeblich sollen sich Papst Johannes Paul II. und der Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Joseph Ratzinger – der spätere Papst Benedikt XVI – positiv zu den Erscheinungen geäußert haben. Doch Ratzinger erklärte in einem Brief an Perić, dass diese Zuschreibungen erfunden seien. In den folgenden Jahren berieten sich die Kongregation für die Glaubenslehre und die neu gebildete Bischofskonferenz von Bosnien-Herzegowina mehrfach über eine mögliche neue Prüfung. Erst Papst Benedikt XVI. setzte eine internationale Kommission unter der Leitung von Kardinal Camillo Ruini ein, die die Erscheinungen bewerten sollte. 2010 nahm die Ruini-Kommission ihre Arbeit auf. Sie reiste für ihre Untersuchungen nach Medjugorje und sprach auch mit allen sechs Sehern einzeln.
Zweifel bei Franziskus
Vier Jahre lang arbeitete die Kommission an ihrem Abschlussbericht, den Papst Franziskus Ende 2013 oder Anfang 2014 erhielt. Auch in der Glaubenskongregation wurde der Bericht geprüft. Dort bestanden jedoch Zweifel, weshalb auch Stellungnahmen und Unterlagen verbreitet werden sollten, die gegen Ergebnisse der Ruini-Kommission zu sprechen schienen. Franziskus erklärte auf einer Pressekonferenz auf seinem Rückweg aus Fatima, dass ihn dieser Schritt sehr verwirrt habe. Dem Papst schien es, als würde man "den Ruini-Bericht versteigern" – stellte sich also auf die Seite der Kommission. Diese kam zu drei entscheidenden Schlüssen: Erstens müssten die ersten sieben Erscheinungen von 1981 weiter untersucht werden. Zweitens zweifelten sie die damals aktuellen Erscheinungen an. Und drittens seien die spirituell-pastoralen Effekte auf die Pilger nicht abzustreiten. 2017 schickte Franziskus den polnischen Erzbischof Henryk Hoser als Sonder-Gesandten nach Medjugorje mit dem Ziel, "ein tieferes Wissen über die pastorale Situation und die Bedürfnisse der gläubigen Pilger herauszufinden, um auf dieser Basis mögliche pastorale Initiativen für die Zukunft zu gestalten.”
Doch der Zweifel bei Papst Franziskus blieb bestehen. Genauso wie auch Papst Johannes Paul II. sah auch Papst Franziskus von einem Zwischenstopp in Medjugorje während einer Balkan-Reise ab. Außerdem erklärte er, dass er die Erscheinungen kritisch sehe. "Ich bevorzuge, dass die Muttergottes eine Mutter ist, unsere Mutter, und keine Telegramm-Stelle, die jeden Tag zu einer bestimmten Uhrzeit Nachrichten verschickt. Das ist nicht die Mutter von Jesus. Und diese scheinbaren Erscheinungen haben nicht viel wert”, so Franziskus während der Pressekonferenz im Mai 2017. Drei Monate später erklärt sein Gesandter Hoser, dass er von der Echtheit der ersten Erscheinungen ausgehe. 2019 erlaubte Franziskus offizielle Pilgerfahrten in den Ort, ohne die Erscheinungen anzuerkennen.
Geschicktes Lenken
Das Dikasterium für Glaubenslehre legte dann in 2024 mit einem von Franziskus genehmigten Schreiben nach. In diesem erlaubte der Vatikan die öffentliche Verehrung in Medjugorje aufgrund des "positiven Ansporns” für das christliche Leben der Gläubigen, dies solle aber "keine Erklärung des übernatürlichen Charakters des fraglichen Phänomens" bedeuten. Zuvor wurden die vatikanischen Normen zu Marienerscheinungen überarbeitet - und entschieden, dass die Kirche über die Übernatürlichkeit von Erscheinungen generell kein Urteil mehr fälle.
"Ich bevorzuge, dass die Muttergottes eine Mutter ist, unsere Mutter, und keine Telegramm-Stelle, die jeden Tag zu einer bestimmten Uhrzeit Nachrichten verschickt."
Hat die Kirche damit einen jahrzehntelangen innerkirchlichen Konflikt geschickt umgangen? Darauf könnte auch das vom italienischen Journalisten David Murgia veröffentlichte vatikaninterne Dokument hindeuten – vorausgesetzt, seine Authentizität bestätigt sich. Dabei soll es sich laut Berichten um ein Dokument aus dem Jahr 2016 handeln, in dem die Mehrheit der Mitglieder der damaligen Glaubenskongregation sowie andere Kirchenvertreter gegen die Anerkennung des übernatürlichen Ursprungs der Erscheinungen in Medjugorje waren. Die Teilnehmer mussten sich, laut dem Bericht, anhand einer von drei Aussagen äußern: dass das Phänomen übernatürlichen Ursprungs ist, dass es nicht übernatürlichen Ursprungs ist oder dass nicht genügend Elemente vorliegen, um ein endgültiges Urteil zu fällen. Laut den von Murgia veröffentlichten zusammenfassenden Ergebnissen sprachen sich 21 Kirchenvertreter gegen die Anerkennung des übernatürlichen Ursprungs des Phänomens aus, neun sprachen sich für eine solche Anerkennung aus, während drei unentschieden blieben.
Kirchliche Legitimation
Der Journalist schickte eine Liste mit 33 Namen von Kardinälen, Bischöfen und Experten hinterher, die nach seinen Angaben an der Konsultation der damaligen Glaubenskongregation teilnahmen. Daraus wird aber nicht klar, welcher Name zu welcher Aussage gehört. Einige der Kardinäle und (Erz)Bischöfe auf der Liste sind Gerhard Ludwig Müller, Christoph Schönborn, Peter Turkson, Angelo Scola, Kurt Koch, Marc Ouellet, Camillo Ruini, Vinko Puljić, Josip Bozanić und Angelo Amato, wie auch Rino Fisichella, Erzbischof Luis Ladaria, Erzbischof Charles Scicluna und Achim Schütz.
Sollte das von Murgia veröffentlichte Dokument authentisch sein, wirft es ein neues Licht auf die vatikanische Entscheidung von 2024. Denn offenbar war die Skepsis gegenüber einem übernatürlichen Ursprung der Erscheinungen innerhalb der Kirche deutlich größer, als es die spätere pastorale Öffnung für Medjugorje vermuten lässt. Rom hat diesen Widerspruch letztlich nicht aufgelöst, sondern umgangen. Der Vatikan erlaubt die Verehrung, würdigt die spirituellen Früchte und lässt offizielle Wallfahrten zu – ohne entscheiden zu müssen, ob Maria in Medjugorje tatsächlich erschienen ist. Für Millionen Pilger ist der Ort damit kirchlich legitimiert. Die Frage, die Medjugorje seit 1981 begleitet, bleibt jedoch offen: Was geschah damals wirklich auf dem Erscheinungsberg?