Nicht bloß kurzer Prozess – Wenn der Bruder sündigt
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Das heutige Evangelium präsentiert uns eine unangenehme Ausgangslage: "Wenn dein Bruder gegen dich sündigt …". Da können sich anstrengende Erinnerungen regen: persönliche Kränkungen oder auch belastende Gruppenerfahrungen. In solchen Situationen liege ich nachts wach und wünsche mir Mut und Freiheit, um Dinge aus- und anzusprechen.
Ich vermute, dass ich nicht die einzige bin, der das schwerfällt. Schnell gerät man in ein Gedankenkarussell: Bin ich zu empfindlich? Müsste man nicht doch ein klares Wort riskieren? Soll ich die Kröte besser schlucken? Habe ich genug Kraft, um in einen Konflikt zu gehen? Ist es das wert? Man möchte sich den starken Gefühlen von Wut, Unsicherheit oder Ärger nicht blind überlassen.
Trotzdem gehören diese Konflikte zum Menschsein und zum Kirchesein. Das heutige Evangelium gibt Empfehlungen für die Gemeinde, wie man mit ihnen umgehen kann. Sie sind im Matthäusevangelium gerahmt vom Gleichnis des verlorenen Schafes und der Aufforderung, einander zu vergeben. Sie tragen also den Charakter geduldigen Miteinanders, dem der "kurze Prozess" fremd ist. Gleichwohl müssen Schutz und Gerechtigkeit gewährleistet sein, sonst würde es gefährlich kippen. Wegschauen und dumpfes Dulden sind keine Zeichen von Höflichkeit oder Demut. Gespräche bleiben uns nicht erspart. Die Hoffnung ist, dass gerade so alle lebendig werden. In der Benediktsregel heißt es: "Christus führe uns gemeinsam zum ewigen Leben."
Mir fällt eine Episode ein, die das gut verdeutlicht: "Erzählen Sie jeweils Ihre Geschichte in diesem Team!" lud unsere Supervisorin uns nach einigen Sitzungen ein. Das war in einem Team, das durch gegenseitige Verletzungen in der Kommunikation blockiert war. Beim Erzählen schmolz die Starre, Unausgesprochenes bekam Wort und Würdigung. Verstehen durchdrang die Mauer der Verurteilung. Wir sind uns nicht in die Arme gefallen, aber wir hatten einander und uns selbst wiedergewonnen. Aus dem Nebel tretend wurden wir wieder durchlässig für Gottes Gegenwart.
Verletzungen sind kein Zeichen von Schwachheit. Sie können zum gemeinsamen Umdenken und Lernen werden. Eine Kultur der offenen Gespräche fällt jedoch nicht vom Himmel. Wie können wir diese in den Gemeinden und Gemeinschaften pflegen? Wo Menschen sich gegenseitig aussprechen und in der Tiefe Leben teilen, ist die Gegenwart Jesu erfahrbar. Wo zwei oder drei ...
Dieses Miteinander hat auch eine politische Dimension. An diesem Sonntag sind Wahlen in Sachsen-Anhalt. Die schicksalshafte und konfliktvolle Geschichte unseres Landes ist ein Lernfeld, das uns allen aufgegeben ist. Eine Kultur der Gespräche braucht den sicheren Rahmen der Demokratie – ohne Alternative.
Evangelium nach Matthäus (Mt 18, 15–20)
In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Wenn dein Bruder gegen dich sündigt, dann geh und weise ihn unter vier Augen zurecht! Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder zurückgewonnen. Hört er aber nicht auf dich, dann nimm einen oder zwei mit dir, damit die ganze Sache durch die Aussage von zwei oder drei Zeugen entschieden werde. Hört er auch auf sie nicht, dann sag es der Gemeinde! Hört er aber auch auf die Gemeinde nicht, dann sei er für dich wie ein Heide oder ein Zöllner.
Amen, ich sage euch: Alles, was ihr auf Erden binden werdet, das wird auch im Himmel gebunden sein, und alles, was ihr auf Erden lösen werdet, das wird auch im Himmel gelöst sein. Weiter sage ich euch: Was auch immer zwei von euch auf Erden einmütig erbitten, werden sie von meinem himmlischen Vater erhalten. Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.
Die Autorin
Anne Kurz ist Schwester der Gemeinschaft Verbum Dei. Sie ist Referentin für Liturgie im Bistum Hildesheim, Geistliche Begleiterin und Supervisorin (M.A.).
Ausgelegt!
Als Vorbereitung auf die Sonntagsmesse oder als anschließender Impuls: Unser Format "Ausgelegt!" versorgt Sie mit dem jeweiligen Evangelium und Denkanstößen von ausgewählten Theologen.
