Entwicklung der Gläubigenzahlen wurde lange verdrängt

Denkmalschützer: Kirchen zu schützen ist gesellschaftliche Aufgabe

Veröffentlicht am 13.09.2026 um 11:30 Uhr – Von Christoph Paul Hartmann – Lesedauer: 

Bonn ‐ Einige Bundesländer stellen ihren Denkmalschutz neu auf – mit Folgen auch für Kirchen. Denkmalschützer Steffen Skudelny fordert im katholisch.de-Interview, Kirchen nicht nur wirtschaftlich zu betrachten.

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Der Denkmalschutz hat gerade einen schweren Stand und das betrifft auch Kirchengebäude, beklagt Steffen Skudelny. Das Vorstandsmitglied der privaten und spendenfinanzierten Deutschen Stiftung Denkmalschutz sieht auch Folgen für Kirchengebäude und fordert die Kirchen auf, sich mehr mit der restlichen Gesellschaft zu vernetzen.

Frage: Herr Skudelny, durch verschiedene Gesetzesnovellen in manchen Bundesländern ist Denkmalschutz mehr und mehr nun Sache der Kommunen. Was bedeutet das für die Praxis?

Skudelny: Die Denkmalfachämter, die von der kommunalen Politik unabhängige Beratungs- und Entscheidungsbehörden waren, werden auf eine rein optionale Ebene reduziert. Dadurch geht Fachkompetenz im gesamten Verfahren verloren. Die unteren Denkmalbehörden der Kommunen sind in Sachen Personaldecke und Kompetenz ganz unterschiedlich aufgestellt – oft ist ihr Zeitkontingent pro Objekt so gering, dass sie ihre Aufgabe nicht hinreichend wahrnehmen können. Und sie sind eben auch abhängig von der Kommunalpolitik und stehen unter Druck, wenn etwa eine Stadt klare wirtschaftliche Interessen hat. Dadurch wird ein hoher Druck auf den Denkmalbestand ausgeübt, was den Schutz unseres gemeinsamen kulturellen Erbes nicht mehr gewährleistet. Zudem verlieren wir Fachlichkeit und erratischem Handeln sind Tür und Tor geöffnet. Das kann bis zum Denkmalverlust führen: Wenn etwa ein Gebäude durch mangelnde fachliche Beratung nicht fachgerecht instandgesetzt wird, können bauliche Schäden entstehen, die die Substanz gefährden. Das kann zu teuren Nachbesserungen bis hin zum Abriss führen.

Frage: Die Kirchen verlieren Mitglieder und haben viele historische Gebäude im Bestand. Was bedeuten diese Änderungen für sie?

Skudelny: Es gibt momentan die politische Neigung, Grundsatzsorgen auf Kleinstthemen abzuschieben. Man sagt: Die Baukosten sind zu teuer und Schuld ist die Denkmalpflege. Dabei machen Denkmale nur drei Prozent des Gebäudebestands in Deutschland aus – das ist also kein Hebel. In Sachen Kirchen haben wir es mit einem Bestand zu tun, der über Jahrhunderte hinweg von der Gesellschaft für einen bestimmten Zweck aufgebaut wurde. Diese Gebäude wurden der Gesellschaft von der Gesellschaft für den Glauben geschenkt. Darüber kann man nicht mit immobilienwirtschaftlichen Kategorien sprechen. Sondern man muss die ursprünglichen Ideen dieser Gebäude auf das Heute übertragen. Also, auch wenn der religiöse Gedanke zurückgeht: Es sind Räume mit gesellschaftlichem Mehrwert, an denen Menschen zusammenkommen und sich austauschen. Dass die Einsamkeit in der Gesellschaft zunimmt, hat auch damit zu tun, dass es immer weniger solcher Räume gibt. Deshalb wäre wichtig, nicht zu fragen, wie diese "Belastung" der Altbauten "beseitigt" werden könnte, sondern wie dieser gesellschaftliche Wert sinnhaft in die Zukunft getragen werden kann. Es geht also darum, diese Räume klug zu nutzen und mit Leben zu füllen. Rechtlich gesehen gelten für die Kirchen viele Sonderregelungen in Sachen Denkmalschutz. Wir brauchen da Formate, in denen alle Beteiligten am Tisch sitzen, um zukunftssichere Konzepte zu entwickeln.

Frage: Inwiefern?

Skudelny: Oft geht es darum, ob der Erhalt eines Gebäudes wirtschaftlich zumutbar ist. Das gilt besonders für große Gebäude, die sich nur bedingt umnutzen lassen. Gerade ältere Gebäude haben viel bauliche Dekoration, sind aber nur sehr eingeschränkt vielseitig nutzbar. Das ist dann der kulturelle Wert, der der wirtschaftlichen Zumutbarkeit gegenübersteht. Ich würde immer sagen: Der kulturelle Wert allein rechtfertigt schon den Erhalt eines Gebäudes. Deshalb müssen wir als Gesellschaft dafür sorgen, dass diese Gebäude nicht nur bleiben, sondern auch ein Ort von Gesellschaft sind.

„Der kulturelle Wert allein rechtfertigt schon den Erhalt eines Gebäudes.“

—  Zitat: Steffen Skudelny

Frage: Diese wirtschaftliche Zumutbarkeit spielt in der Kirche eine große Rolle, denn die Pfarreien haben oft kaum Geld.

Skudelny: Kirchen wurden in einer gesellschaftlichen Situation gebaut, die es so nicht mehr gibt. Aber dieser Wandel ist nicht von heute auf morgen passiert. Man hätte viel früher absehen können, dass es neue Nutzungsformen für Kirchen braucht. Wir hätten da schon vor 20 Jahren damit anfangen müssen. Stattdessen wurde diese Entwicklung so lange verdrängt, bis die Probleme den Beteiligten über den Kopf gewachsen sind und sie nun unter Handlungsdruck stehen. Das ist genau der falsche Weg. Wir brauchen einen übergeordneten Prozess, in dem die Gesamtgesellschaft sich die Ausmaße der Herausforderung vor Augen führt und gemeinsam nach tragfähigen Konzepten sucht. Dazu gehört auch, gute Beispiele zu suchen und allen verfügbar zu machen. Momentan stehen betroffene Gemeinden oft allein da und fühlen sich überfordert. Wir müssen da mehr voneinander profitieren.

Frage: Wie geht die Kirche damit um?

Skudelny: Ich kenne viele Kollegen aus den Bistümern, die im Bestand arbeiten und schon lange warnen. Aber weiter oben in der Hierarchie werden diese Warnungen nicht gehört und nicht reagiert. Das ist bedauerlich. Denn je später man reagiert, desto schwieriger wird die Lage für ein Denkmal. Dabei sind Denkmalpfleger bei Umnutzungen sehr tolerant. Auch historisch wertvolle Kirchen wurden in der Vergangenheit immer wieder umgenutzt: als Werkstätten oder Viehställe etwa. Solange man die Substanz nicht zerstört, sind das Möglichkeiten, über die man reden sollte.

Frage: Aber der Bedarf nach Theatern, Konzerthallen, Ausstellungsräumen und Kulturzentren ist doch begrenzt – und das sind doch oft die tragenden Konzepte für die Nachnutzung von Kirchen.

Skudelny: Wir nutzen in Deutschland die vorhandenen Räume zu wenig und bauen zu schnell neu. Warum muss es denn immer das bis an den Dachfirst mit Technik vollgestopfte neue Gebäude mit allen Optionen und Möglichkeiten sein? Reicht es denn nicht oft auch, Theater und Ausstellungsräume etwas einfacher auszustatten? In der musealen Nutzung gibt es gewisse konservatorische Grundvoraussetzungen, die eingehalten werden müssen – aber muss jedes Museum im Winter auf 22 Grad geheizt werden? Menschen schauen sich Bilder auch im Mantel an. Das mag naiv klingen, aber wir müssen neu denken, um nach vorn zu kommen. Es gibt deutlich mehr Möglichkeiten, als wir uns vorstellen können.

Die Gaststätte Glück __amp__ Seligkeit in der ehemaligen Martinikirche in Bielefeld.
Bild: ©picture alliance/Robert B. Fishman

Immer wieder werden Kirchen umgenutzt, zum Beispiel als Lokal wie hier in Bielefeld.

Frage: Eine Kirche umzubauen erscheint vielen Menschen an der Basis oft als aufwendig und teuer. Oft will eine Kommune eine alte Kirche auch nicht haben. Was fehlt da?

Skudelny: Die Förderkulisse für öffentliche Bauten ist nicht auf Um- und Weiternutzungen bestehender Bauten eingestellt. Gefördert werden in der Regel Neubauten. Dabei sind auch heute entstehende Funktionsbauten keine pragmatischen Nutzbauten, sondern bringen ihre ganz eigene zeitgenössische Formensprache mit, die spätere Umnutzungen ebenfalls nicht einfach macht. Zudem steigen bei Neubauten immer im Verlauf des Baus die Kosten. In einer ersten Rechnung mag ein Neubau wirtschaftlicher sein, im zeitlichen Verlauf ist er es oft nicht.

Frage: Es geht Ihnen also auch um einen Mentalitätswandel?

Skudelny: Ein sorgsamer Umgang mit der Schöpfung zeichnet sich auch dadurch aus, mit bestehenden Ressourcen pfleglich umzugehen. Also vorhandene Ressourcen weiterzunutzen und keine weiteren endlichen Ressourcen anzuzapfen. Das bedeutet wieder Schäden für die Umwelt. Wir lernen da gerade noch zu langsam und zu wenig und sind zu wenig bereit zum Austausch. Bauen ist auch die Aneinanderreihung von Fehlern – und aus jedem davon können wir lernen. Das gibt es aber bei uns nicht. Bei Fehlern suchen wir Schuldige und keine Lehren. Wir sollten damit aktiv umgehen, diese Erfahrungen zu sammeln und für die Zukunft zu nutzen. Die Kirchen wären da ein perfekter Protagonist, um diese Vernetzung zu gewährleisten. Sie tun es aber bislang kaum. Die Kirchen machen das lieber mit sich aus. Dabei steht da eine riesige Aufgabe vor der Gesellschaft, bei der die Kirchen treibende Kräfte sein, aber die Gesellschaft mit an den Tisch holen müssen.

Frage: Wie kann das gehen?

Skudelny: Es gibt schon einige Initiativen, die sich um diese Vernetzung bemühen. Nicht zuletzt bieten wir auch als Stiftung Beratung an, sowohl was Nutzungsmöglichkeiten wie auch Finanzierung anbelangt. Wir werden es mit unseren Budgets nicht schaffen, alle Kirchen in Deutschland zu retten. Aber es ist eine gesellschaftliche Aufgabe, Kirchen zu schützen. Denn sie sind unser Erbe – dem sind wir verpflichtet. Das funktioniert aber nicht von allein. Die Bürgerschaft darf sich darüber nicht nur beschweren, sondern muss mehr auch selbst aktiv werden.

Von Christoph Paul Hartmann