"Die Stärke der AfD ist nur die Schwäche der anderen"

Die Menschen haben Sehnsucht: Der sächsische Pfarrer Justus Geilhufe

Veröffentlicht am 03.09.2026 um 00:01 Uhr – Von Nina Schmedding (KNA) – Lesedauer: 

Berlin/Großschirma ‐ Nächstenliebe anstatt Misstrauen: Der junge Pfarrer Justus Geilhufe tritt selbstbewusst auf und gibt Glaubenskurse. Er ist überzeugter Ostdeutscher – und kritisiert seine Landsleute für ihr Wahlverhalten.

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An einem freien Tag geht er am liebsten an der nahe gelegenen Talsperre segeln. Dabei könne er wunderbar abschalten: "Wenn die Jolle übers Wasser gleitet, ich die Pinne in der Hand halte und gucken muss, wo es hingeht und wo der Wind herkommt, komme ich zur Ruhe", schildert Justus Geilhufe, Pfarrer im sächsischen Großschirma, sein seltenes Freizeitvergnügen. "Dann kann ich meine Gedanken ordnen."

Der promovierte Theologe hat seinen Weg fest im Blick, eigentlich schon seit Kindertagen. Aufgewachsen ist der gebürtige Dresdner, der ein Jahr nach dem Mauerfall geboren wurde, selbst in einem Pfarrerhaushalt. Nach eigenem Bekunden ging er sogar dann noch als Jugendlicher sonntags in die Kirche, wenn er am Abend vorher lange mit Freunden unterwegs gewesen war.

Geilhufe studierte evangelische Theologie in Jena, Princeton und Leipzig sowie Leadership und Philosophie an der jesuitischen Hochschule für Philosophie in München. Seit 2021 ist der 36-jährige Pfarrer der Kirchgemeinde am Dom in Freiberg und seit 2024 zusätzlich mit missionarischen Aufgaben in der sächsischen Landeskirche betraut.

Offensive Verkündigung

Er möchte den christlichen Glauben offensiver verkünden, weil er der Meinung ist, dass viele Menschen dies gut gebrauchen können, gerade in der heutigen Zeit mit all den Krisen. Er macht einen Glaubenspodcast, demnächst erscheint sein neues Buch "Gott und die Wahrheit". Auf Instagram, wo der Pfarrer zum Beispiel den Gottesdienst in seiner Dorfgemeinde, sich selbst beim Zeitung lesen oder im Hühnerstall zeigt, hat er rund 27.000 Follower. "Ich glaube, diese Normalität ist es, nach der die Menschen Sehnsucht haben."

Mit seiner Frau Anne, einer katholischen Ärztin aus Augsburg und drei Kindern, lebt er seit fünf Jahren im Pfarrhaus von Großschirma – zunächst ein wenig unfreiwillig. "Das hätten wir uns nie im Leben ausgesucht", erzählt Geilhufe offen. "Aber dann haben wir schnell festgestellt, dass wir hier genau richtig sind." Ob er Glaubenszweifel kenne? Nein, sagt Geilhufe, tatsächlich nicht. "Was ich allerdings kenne, ist, dass Gott verschüttet werden kann von diesem ganzen Quatsch, den man jeden Tag macht. Es ist eine große Versuchung, immer arbeiten zu können. Das bringt einen unheimlich von Gott weg."

Mopedgottesdienst im Pfarrgarten

Eine Idee von Geilhufe ist etwa der jährliche Mopedgottesdienst, der kürzlich bei ihm im Pfarrgarten stattfand. Damit will er zeigen, dass Gott etwas mit dem Alltag zu tun hat. "Viele junge Menschen hier verbringen sozusagen ihr Leben auf ihrem Moped." In diesem Jahr war die jüdische Gemeinde an der Feier beteiligt: Die ostdeutschen Kultmopeds der Marke Simson gehen auf eine jüdische Unternehmerfamilie zurück, die das Werk 1856 in Suhl gründete. Mitte der 1930er Jahre wurden die Simsons von den Nazis enteignet und emigrierten daraufhin in die USA.

Bild: ©picture alliance/Andreas Franke/Jens Büttner

Dass in seiner Heimat die AfD immer öfter gewählt wird, dass sie in der anstehenden Landtagswahl in Sachsen-Anhalt in den Umfragen bisher stärkste Kraft ist, erklärt er so: "Ein großer Teil der Ostdeutschen möchte diese Bundesrepublik nicht, nicht die EU und nicht die NATO."

Die Entscheidung, in diesem Jahr den Gottesdienst zusammen mit der jüdischen Gemeinde abzuhalten, sei ganz bewusst gefallen, sagt Geilhufe. Er habe auch gegen einschlägige TikToktrends ein Zeichen setzen wollen: "Ich unterrichte Konfirmanden und Schüler, bei denen ist Antisemitismus der Normalfall. Für sie ist völlig klar, dass Israel die Bösen sind und dass Juden eigentlich nicht wirklich hierher gehören. Ich wollte erreichen, dass Jugendliche einen Rabbiner kennenlernen und sich mit hebräischer Sprache auseinandersetzen. Und dass sie dadurch auch die Wurzel unserer Religion kennenlernen."

Geilhufe ist etwa zwei Meter groß und gerne gut angezogen. Er mag Traditionen und klassische Musik, seine beiden Söhne singen im Dresdner Kreuzchor. Aber er sitzt auch gern mit Sonnenbrille auf seiner Simson-Vespa und fährt übers Land. Er schätzt die Region sehr, hat einen Bildband "Ostdolcevita" mitherausgegeben, in dem er gemeinsam mit Fotograf Tobias Westen Charme und Schönheit von Ostdeutschland nachspürt.

Viele Ostdeutsche wollen die Bundesrepublik nicht

Dass in seiner Heimat die AfD immer öfter gewählt wird, dass sie in der anstehenden Landtagswahl in Sachsen-Anhalt in den Umfragen bisher stärkste Kraft ist, erklärt er so: "Ein großer Teil der Ostdeutschen möchte diese Bundesrepublik nicht, nicht die EU und nicht die NATO." Die letzten 35 Jahre hätten dazu geführt, dass die, die noch im Osten wohnen, zu einem gewissen Teil "doch irgendwie in den Einflussbereich Moskaus zurückwollen. Da spielt der Atheismus eine Rolle, die Kirchenfeindlichkeit, der Antiliberalismus und auch das Autoritäre." Geilhufe schreibt dies der jahrzehntelangen DDR-Prägung zu.

Die Glaubensapp, die er ins Leben gerufen hat, verbindet digitale Glaubensimpulse mit wöchentlichen Treffen in der Gemeinde. Im letzten Jahr habe er sieben Erwachsene getauft, die aus einem atheistischen Umfeld kamen und seine Glaubenskurse besuchten, erzählt er. Jetzt ziehe die Glaubensapp schon weitere Kreise: Von Freiburg bis Kiel sind evangelische Gemeinden demnach dem Beispiel gefolgt und bieten die App an. Der Vater versucht auch, den Glauben in den Familienalltag einzubeziehen. "Wir versuchen in diesem Grundvertrauen zu leben, es gibt jemanden, der immer da ist", sagt Geilhufe – besonders morgens vor der Schule, wenn alles drunter und drüber gehe, könnten sie dieses Versprechen gut gebrauchen. Außerdem sei für ihn der Glaube auch das Wertegerüst bei der Kindererziehung.

Gut und Böse

So sage er seinen zwei älteren Kindern etwa, dass sie als Christen zu einem bestimmten Verhalten verpflichtet sind. "Es gibt 'Gut' und es gibt 'Böse'. Es gibt Dinge, die tut man, und es gibt Dinge, die tut man nicht. Und ich sage ihnen auch: 'Wenn ihr merkt, dass in der Schule jemand einsam ist, dann möchte ich, dass ihr wisst, es ist eure Aufgabe als Getaufte ihn zum Fußball mit dazu zu holen. Und wenn andere gemein sind, dass ihr die seid, die nicht gemein sind.'" 

Selbstbewusster, intellektueller, traditioneller und missionarischer zu sein – das wünsche er sich von den Kirchen. Dazu gehöre das Miteinander-Reden – auch mit AfD-Anhängern. "Es ist die Aufgaben der Kirchen, hier den Kontrapunkt zu setzen und diese Gesellschaft neu und anders mitzuprägen. Die Stärke der AfD ist nur die Schwäche der anderen", sagt Pfarrer Geilhufe.

Von Nina Schmedding (KNA)