"Gehorsam heißt nicht, dass die Nonne dem Priester zu gehorchen hat"

Ordensfrauen, die missbraucht werden – es ist ein Thema, das bis heute selten öffentlich wird. In Afrika schweigen Betroffene häufig aus Angst vor Konsequenzen, und eine Aufarbeitung wird nicht immer unterstützt. Die Psychologin und Ordensfrau Mary Lembo aus Togo forscht zum Thema Missbrauch an Ordensfrauen in Afrika und ist seit August Beraterin des vatikanischen Ordensdikasteriums zum Thema Schutz von Ordensfrauen. Außerdem arbeitet sie als Projektpartnerin von missio in Aachen. Im Interview mit katholisch.de erklärt Schwester Mary, wie sie auf das Thema aufmerksam wurde, was ihre Recherche erschwerte und wie sie die Situation heute bewertet.
Frage: Schwester Mary, wie kamen Sie dazu, über das Thema Missbrauch an Ordensfrauen in Afrika zu forschen?
Schwester Mary: Nach meinem Studium habe ich angefangen, verschiedene Workshops in Afrika zu leiten. Dadurch kam ich mit vielen Frauen in Kontakt, die entweder dabei waren, einem Orden beizutreten, oder schon beigetreten waren. Ich hörte ihren Anliegen zu und stellte fest, dass einige der beschriebenen Situationen nach Missbrauch klangen. Auch durch meine Arbeit im Zentrum für Kinderschutz kam ich auf das Thema sexueller Missbrauch und Machtmissbrauch.
Frage: In welchen Ländern Afrikas haben Sie Ihre Studien gemacht?
Schwester Mary: Das kann ich leider nicht sagen. Ein Teil der Bedingungen für meine Recherche war, dass die Teilnehmerinnen komplett anonym bleiben wollen. Ich kann aber sagen, dass ich in vier Länder in Westafrika und in einem Land in Ostafrika recherchiert habe. Als ich 2014 angefangen habe mit meiner Recherche, zögerten viele, daran teilzunehmen. Ich habe ihnen zunächst Umschläge gegeben mit einer Einladung und einer Erklärung meiner Forschung. Jedoch meldete sich kaum jemand. Erst, als ich persönlich von meiner Forschung erzählt habe, haben einige eingewilligt. Manchmal musste ich die Ordensoberen fragen, ob sie von Taten wissen und mir helfen könnten. Da war dann die Antwort: Ja, wir wissen von Fällen. Aber wir können dir bei deiner Recherche nicht helfen.
Frage: Woran lag das?
Schwester Mary: Viele wollten einfach anonym bleiben. Das hat mit den Konsequenzen zu tun. Sie befürchten Vergeltung. Zum Beispiel kann es vorkommen, dass sie aus dem Orden rausgeworfen werden, wenn der Priester dort viel Macht hat. Auch Erpressung spielt eine Rolle, entweder gegen den Orden selbst oder ihre Familien. Den Schwestern wird gesagt, entweder du verlässt den Orden, oder es wird anders gegen dich vorgegangen, sodass die Frauen lieber schweigen. Sie haben Angst, dass es den Ruf ihres Ordens, der Kirche oder sie selbst beschädigen könnte. Außerdem schämen sie sich sehr für das, was passiert ist. Es ist etwas sehr Intimes.
Frage: Von welcher Art von Missbrauch wurde Ihnen am häufigsten berichtet?
Schwester Mary: Ich konzentrierte mich mit meinen Fragen zunächst auf den sexuellen Missbrauch. Ich habe also gezielt zum Beispiel nach ungewünschten Berührungen und aufdringlichem Verhalten gefragt. Allerdings hörte ich von psychischen, emotionalen und spirituellen Missbrauch. Auch Macht- und Vertrauensmissbrauch gehören dazu. Häufig ist es in Afrika noch so, dass der Mann auf einem Podest steht. Er ist die Autorität der Familie. Was er sagt, ist wichtig, er ist gebildet und verdient Respekt. Dieses Bild überträgt sich auch auf Priester. Manchmal entwickelt sich dadurch ein falsches Verständnis der Gelübde. Das Gehorsamsgelübde heißt nicht, dass die Nonne dem Priester zu gehorchen hat, sondern dass Dialog stattfinden soll. Doch mit dem falschen Verständnis wird Machtmissbrauch vereinfacht.
„Häufig ist es in Afrika noch so, dass der Mann auf einem Podest steht. Er ist die Autorität der Familie. Was er sagt, ist wichtig, er ist gebildet und verdient Respekt. Dieses Bild überträgt sich auch auf Priester.“
Frage: Wie geht die Kirche in Afrika mit diesen Fällen von Missbrauch um?
Schwester Mary: Ich sehe und höre von einer positiven Entwicklung. Mitschwestern, die in diesem Bereich arbeiten, erzählen mir, dass mehr Frauen über ihre Erfahrungen sprechen wollen. Wir haben Workshops, in denen die Leiterinnen und Leiter der religiösen Institutionen ermutigt werden sollen, diesen Frauen den nötigen Raum und Sicherheit zu geben. In anderen Workshops ermutigen wir die Frauen, anderen zuzuhören und die Erfahrungen ihrer Mitschwestern ernst zu nehmen. So können wir gleichzeitig das Selbstbewusstsein der Frauen erhöhen. Diejenigen, die selbstbewusst sind, sprechen eher von ihren Erfahrungen. Außerdem fordern wir von vielen Kongregationen Schutzkonzepte und Richtlinien, in denen festgelegt sein soll, an wen sich eine missbrauchte Schwester wenden kann und was dann passiert. Das nennt man Safeguarding. Also das Verhindern von Missbrauch, zum Beispiel durch ein sicheres und respektvolles Umfeld. Am Anfang war es nicht einfach, all das zur Implementierung zu bringen. All diese Prozesse sind nicht einfach. Aber ich spüre, dass der Wille bei Kongregationen und Institutionen zunimmt. Es gibt weiter Projekte, die Hoffnung machen. In Kenia und anderen Ländern gibt es zum Beispiel Ordensfrauen, die Jura und kanonisches Recht studiert haben, sich in Vereinigungen wie den "Catholic Sisters in Legal Profession" (CASILEP) zusammentun und Kongregationen ihre Hilfe anbieten.
Frage: Würden Sie sagen, dass wir in Europa das Problem in Afrika ausblenden?
Schwester Mary: Ich würde es nicht sagen. Wir haben viele Kollaborationen zwischen Forscherinnen und Forschern in Afrika und Europa, aber auch Australien, Asien und Lateinamerika. Viele europäische Kolleginnen und Kollegen kontaktieren mich und haben mich um einen Austausch von Erfahrungen gebeten. Durch diese Zusammenarbeit haben wir festgestellt: Es gibt keine großen Unterschiede bei Missbrauch, die Muster gleichen sich. Was wir jedoch feststellen, ist, dass sich afrikanische Ordensfrauen weniger trauen, von ihren Erfahrungen zu berichten, als zum Beispiel europäische Ordensfrauen. 2022 habe ich meine Studie veröffentlicht über das sexuelle Fehlverhalten von Priestern gegenüber Ordensfrauen in fünf Ländern Subsahara-Afrikas. Leider ist es Realität.
Frage: Wie finden Sie trotz all dem noch Hoffnung?
Schwester Mary: Es ist schwierig, nicht die Hoffnung zu verlieren. Aber wenn ich mir ansehe, wie es zu Beginn meiner Forschung 2014 aussah im Vergleich zu heute, dann bekomme ich Hoffnung. Ich sehe die Fortschritte, die gemacht wurden, und weiß, dass es weiter vorangeht. Auch helfen mir die Worte von Papst Franziskus. 2019 sprach Papst Franziskus von missbrauchten Ordensfrauen, und dass Missbrauch gestoppt werden muss. Diese öffentliche Anerkennung half natürlich sehr.