Der Patriarch und der Kriegsverbrecher Ratko Mladić
Die Bilder gingen um die Welt: Vor der orthodoxen Sankt-Lukas-Kirche in der serbischen Hauptstadt Belgrad hatten sich lange Schlangen gebildet. Menschen trugen Flaggen und Plakate, auf T-Shirts war das Porträt Ratko Mladićs zu sehen. Sie sind gekommen, um einem Mann die letzte Ehre zu erweisen, der als "Schlächter vom Balkan" in die Geschichte einging und als Kriegsverbrecher zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Und sie taten es mit dem Segen der Serbisch-Orthodoxen Kirche.
Mehr als 300 orthodoxe Priester nahmen am Montagmorgen am Gedenkgottesdienst für Mladić teil. Unter den Trauergästen waren auch mehrere Vertreter der serbischen Regierung. Aus der bosnischen Teilrepublik Republik Srpska war der nationalistische Politiker Milorad Dodik angereist. An der Spitze der kirchlichen Zeremonie stand niemand Geringeres als das Oberhaupt der Serbisch-Orthodoxen Kirche selbst: Patriarch Porfirije Perić höchstpersönlich leitete die Beisetzung. In seiner Predigt relativierte der Patriarch die Urteile des UN-Kriegsverbrechertribunals und sprach sich für die moralische Rehabilitation Mladićs aus. "Er brachte ein Opfer und gab sein Leben für die Verteidigung und das Überleben seines Volkes hin", sagte Porfirije und betonte, dass "irdische Gerichte nicht unfehlbar sind und nicht alle mit demselben Maßstab messen". Allein Gottes Gericht sei maßgebend.
"Heiliger Krieger"
Vor rund eineinhalb Wochen war Mladić im Gefängniskrankenhaus in Den Haag gestorben. 2017 hatte das UN-Kriegsverbrechertribunal den früheren bosnisch-serbischen Armeechef wegen Völkermords und Verbrechen gegen die Menschlichkeit während des Bosnienkriegs von 1992 bis 1995 zu lebenslanger Haft verurteilt. Sein Name ist vor allem untrennbar mit dem Massaker von Srebrenica im Jahr 1995 verbunden. Serbische Truppen unter seinem Kommando stürmten damals die UN-Schutzzone und ermordeten etwa 8.000 muslimische Männer und Jungen. Ebenso wurde Mladić für Verbrechen während der knapp vierjährigen Belagerung der bosnischen Hauptstadt Sarajevo verurteilt.
Doch trotz dieser Verurteilung wird Mladić in Serbien auch nach seinem Tod als "Held" verehrt. Das zeigten nicht nur die Menschenmassen bei seiner Beisetzung, sondern ist auch daran festzumachen, wie weit die Verehrung inzwischen in höchste Kreise der serbischen Orthodoxie hineinreicht. Bereits in der vergangenen Woche hatte der Metropolit der serbisch-orthodoxen Kirche von Budimlje-Nikšić, Methodius, Mladić bei einem Gedenkgottesdienst als "heiligen serbischen Krieger" gewürdigt. "Möge die Allerheiligste Mutter Gottes, deren Himmelfahrt wir feiern, auch seine Seele unter all den heiligen serbischen Kriegern, den berühmten General Ratko, erheben", sagte der Metropolit vor zahlreichen Sympathisanten.
2017 hatte das UN-Kriegsverbrechertribunal den früheren bosnisch-serbischen Armeechef wegen Völkermords und Verbrechen gegen die Menschlichkeit während des Bosnienkriegs von 1992 bis 1995 zu lebenslanger Haft verurteilt.
Andere Vertreter lassen die Kirchenleitung stillschweigend gewähren, wieder andere halten sich mit Kritik zurück. Zu groß ist die Angst, wegen regierungs- oder kirchenkritischer Äußerungen Sanktionen ausgesetzt zu werden. Eine Theologin, die anonym bleiben möchte, spricht gegenüber katholisch.de von einer "vollständigen Vorherrschaft des serbischen Staates über die Kirche", die mit der Thronbesteigung des Patriarchen Porfirije eingesetzt habe. Die gegenwärtige Regierung sei von Kriminalität durchdrungen und stehe politisch in direkter Nachfolge der nationalistischen Politik Serbiens während der Kriege der 1990er-Jahre. Die wenigen Stimmen des Widerstands würden innerhalb der Kirche aufs Schärfste sanktioniert – "bis hin zur Exkommunikation". Die Kirche sollte ein Ort der Freiheit, des Aufrufs zur Umkehr und der Auseinandersetzung mit den "unrühmlichen Relikten der Vergangenheit" sein, so die Theologin weiter. Stattdessen sei sie zum "verbohrtesten Hüter eben dieser Relikte und zum demagogischen Verteidiger des Unverteidigbaren geworden und zwar durch den Missbrauch des Evangeliums, was für jeden, der sich als Christ versteht, wohl am schwersten zu ertragen ist."
Patriarch in der Kritik
Auch am Montag trugen zahlreiche Unterstützer T-Shirts mit Mladićs Porträt, legten Blumen nieder und zündeten Kerzen an. Die Ehrenbezeugungen und die Ankündigung eines Begräbnisses "mit allen militärischen und staatlichen Ehren" hatten bereits im Vorfeld für Spannungen zwischen Serbien, seinen Nachbarstaaten und der Europäischen Union gesorgt. EU-Erweiterungskommissarin Marta Kos sagte ihren für diese Woche geplanten Besuch in Belgrad ab: Die Verherrlichung Mladićs sei unvereinbar mit den Werten, auf denen der Weg in die EU gründe, sagte sie. Serbiens Präsident Vučić wiederum bezeichnete die Kritik als "dumm".
Doch Mladićs Tod wirft nicht nur außenpolitische Fragen auf. Er rückt auch die Rolle der Serbisch-Orthodoxen Kirche und ihres Patriarchen in den Mittelpunkt und zeigt, wie eng kirchliche und nationalistische Politik in dem Balkanstaat inzwischen miteinander verwoben sind. So geriet das Kirchenoberhaupt im Zuge der Ereignisse erneut in die Schlagzeilen, weil er dem montenegrinischen Parlamentspräsidenten Andrija Mandić bereits 2022 den hohen kirchlichen Orden des Weißen Engels erster Klasse verliehen hatte. Mandić wiederum schickte – als einziger Staatsmann – der Familie Mladićs kurz nach dessen Tod ein offizielles Beileidstelegramm und löste damit in Montenegro eine Regierungskrise aus.
"Werk des Teufels"
Besonders deutlich wird der kirchenpolitische Kurs beim Blick auf Porfirijes Vorgänger. Patriarch Irinej (2010–2020) hatte sich nach Mladićs Verurteilung im Jahr 2017 ebenfalls eindeutig positioniert. Allerdings nicht gegen den verurteilten Kriegsverbrecher, sondern gegen dessen Verurteilung. Irinej bezeichnete das Urteil damals als "Werk des Teufels".
Dieser Rhetorik folgte das amtierende Kirchenoberhaupt zunächst nicht sofort, doch kirchenpolitisch stützt auch er den nationalistischen Kurs der Belgrader Regierung. Sehr zum Entsetzen vieler Sympathisanten, die den heutigen Patriarchen damals noch als Metropoliten von Zagreb und Ljubljana als durchaus aufgeschlossenen, regierungskritischen Kirchenvertreter kannten; ebenso als ökumenisch orientierten und theologisch gebildeten Geistlichen, der sich für die Versöhnung zwischen Katholiken und Orthodoxen einsetzte.
Mehr als 300 orthodoxe Priester nahmen am Montagmorgen am Gedenkgottesdienst für Mladić teil. An der Spitze der kirchlichen Zeremonie stand niemand Geringeres als das Oberhaupt der Serbisch-Orthodoxen Kirche selbst: Patriarch Porfirije Perić.
Alles nur Schein? In der Vergangenheit stellte sich der Patriarch schließlich entschieden gegen internationale UN-Resolutionen zum Genozid von Srebrenica. Seine Begründung lautete: Solche Resolutionen könnten den Eindruck erwecken, dem serbischen Volk werde pauschal die Verantwortung für den Genozid zugeschrieben, während historische Verbrechen an Serben ignoriert würden. Bei Mladićs Beisetzung musste Porfirije diese Positionen nicht ausdrücklich wiederholen. Die Bilder sprachen bereits für sich: Hunderte Priester, politische Prominenz, Tausende Verehrer – und an der Spitze der Trauerfeier das Kirchenoberhaupt selbst.
Nähe zum nationalistischen Kult
Was er am Grab des verurteilten Generals noch sagte? Mladić sei Christ gewesen. Sein Name werde "tief in der Erinnerung und in den Gebeten des Großteils des serbisch-orthodoxen Volkes verankert bleiben, das ihn als Soldaten und Befehlshaber betrachtet, der in einer schwierigen und tragischen Zeit an der Spitze der Armee seines Volkes stand und sein Leben für die Freiheit und das Überleben seines Volkes opferte", sagte Porfirije laut dem Onlineportal des orthodoxen Belgrader Patriarchats. "Wir stehen vor einem Leben, das untrennbar mit einer schrecklichen Epoche verbunden ist – einem grauenhaften Krieg, verlorenen Heimen, verlorenen Leben und Gräbern. Deshalb beten wir, während wir für die Seele des Verstorbenen beten, auch für all jene, deren Leben ausgelöscht wurde."
Zunächst konnte der Eindruck entstehen, der Ton habe sich zumindest etwas verändert. Doch nicht nur die kirchenpolitische Nähe zum nationalistischen Mladić-Kult ist geblieben – auch die Rhetorik seines Vorgängers und der Regierung spiegelt sich inzwischen in den Worten des Kirchenoberhaupts wider.
