AfD-Erfolg in Sachsen-Anhalt

Der Hochmut nach der Wahl – Warum der Dummheitsvorwurf nichts erklärt

Veröffentlicht am 08.09.2026 um 12:00 Uhr – Von Andreas G. Weiß – Lesedauer: 

Salzburg ‐ Nach dem AfD-Erfolg in Sachsen-Anhalt warnt Theologe Andreas G. Weiß davor, Wähler der Partei pauschal als "dumm" abzustempeln. Wer Menschen zurückgewinnen wolle, müsse ihnen widersprechen können, ohne sie zu verachten.

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43,8 Prozent. In sämtlichen 218 Gemeinden Sachsen-Anhalts wurde die AfD bei der Landtagswahl stärkste Kraft. Ein Ergebnis, das sich weder kleinreden noch als gewöhnlicher Ausschlag des politischen Pendels behandeln lässt. Der Landesverband gilt als gesichert rechtsextremistisch. Seine politischen Positionen stehen vielfach im Widerspruch zu einer offenen, pluralistischen Gesellschaft.

Um jedes Missverständnis auszuschließen: Ich bin kein Anhänger der AfD, teile ihre politischen Positionen nicht und kann mir nicht vorstellen, einer solchen Bewegung jemals meine Stimme zu geben. Gerade deshalb halte ich es für notwendig, über die Reaktionen auf ihren Wahlerfolg zu sprechen. Denn manche davon verraten viel über eine politische Öffentlichkeit, die sich zunehmend schwertut, Menschen außerhalb der eigenen Milieus überhaupt noch zu erreichen.

Kaum waren die Stimmen ausgezählt, erschienen die bekannten Grafiken. Wahlverhalten nach Alter, Geschlecht, Einkommen und Bildungsabschluss. Solche Daten sind wichtig. Wer politische Entwicklungen verstehen will, muss wissen, in welchen gesellschaftlichen Gruppen Parteien besonders erfolgreich sind. Problematisch wird es jedoch, wenn aus einem statistischen Zusammenhang ein Urteil über die Menschen abgeleitet wird.

Es werden Dinge gleichgesetzt, die keineswegs dasselbe sind

Die AfD wurde überdurchschnittlich häufig von Personen mit niedrigeren formalen Bildungsabschlüssen gewählt. Daraus wird in manchen Kommentaren eine ebenso einfache wie selbstgerechte Botschaft: Die Dummen wählen rechts. In den sozialen Netzwerken kursieren Memes mit (oft nur scheinbaren) Zitaten von Karl Kraus, Dietrich Bonhoeffer und anderen großen Denkern. Ihre Autorität soll offenbar bestätigen, was man ohnehin zu wissen glaubt: Dieses Wahlergebnis wurde von Menschen verursacht, denen es an Bildung, Einsicht oder Verstand fehlt.

Damit werden mehrere Dinge gleichgesetzt, die keineswegs dasselbe sind. Ein niedrigerer formaler Bildungsabschluss bedeutet nicht, dass ein Mensch ungebildet ist. Fehlende akademische Bildung ist kein Beleg für mangelnde Intelligenz. Und eine problematische Wahlentscheidung beweist noch keine generelle Unfähigkeit zum vernünftigen Urteil.

Bildungsabschlüsse geben Auskunft über absolvierte Bildungswege, Qualifikationen und Prüfungen. Sie messen aber weder Lebenserfahrung noch soziale Wahrnehmungsfähigkeit, garantieren kein Gefühl für Gerechtigkeit und schützen nicht vor politischer Verblendung. Das 20. Jahrhundert bietet genügend Beispiele hochgebildeter Menschen im Dienst unmenschlicher Systeme. Auch heute begegnen uns Akademikerinnen und Akademiker, deren formale Bildung stärker ausgeprägt ist als ihre Fähigkeit, andere Lebenswirklichkeiten wahrzunehmen.

„Ein katholisches Bildungsverständnis kann sich erst recht nicht damit begnügen, Bildung an formalen Errungenschaften oder Abschlüssen festzumachen.“

—  Zitat: Andreas G. Weiß

Umgekehrt kenne ich viele Menschen ohne Abitur oder Hochschulabschluss, die differenziert denken, Verantwortung übernehmen und ein feines Gespür für gesellschaftliche Schieflagen besitzen. Wer Bildung mit akademischen Zertifikaten verwechselt, macht aus einem gesellschaftlichen Privileg ein moralisches Rangabzeichen.

Ein katholisches Bildungsverständnis kann sich erst recht nicht damit begnügen, Bildung an formalen Errungenschaften oder Abschlüssen festzumachen. Bildung meint mehr als Qualifikation. Sie zielt auf die ganze Person, auf Gewissensbildung, Beziehung, Verantwortung und die Fähigkeit, sich von der Wirklichkeit anderer Menschen berühren zu lassen.

Besonders merkwürdig ist in diesem Zusammenhang die Berufung auf Dietrich Bonhoeffer. Seine berühmten Überlegungen über die Dummheit werden inzwischen nach beinahe jedem rechten Wahlerfolg hervorgeholt. Dabei schrieb Bonhoeffer ausdrücklich, Dummheit sei nicht wesentlich ein intellektueller, sondern ein menschlicher Defekt. Es gebe intellektuell bewegliche Menschen, die dumm seien, und intellektuell schwerfällige, die alles andere als dumm seien.

Die einen aufgeklärt und weltoffen, die anderen trotzig?

Bonhoeffers Überlegung eignet sich daher kaum dazu, Menschen mit niedrigeren Bildungsabschlüssen pauschal abzuurteilen. Ihn interessierten die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen Menschen ihre innere Selbstständigkeit verlieren und sich von politischen Mächten vereinnahmen lassen. Wer Bonhoeffer nur zitiert, um anderen ihre Dummheit zu bescheinigen, verwandelt eine Analyse von Macht und Verführbarkeit in eine bildungsbürgerliche Beleidigung.

Darin zeigt sich ein Teil des Problems. In Teilen der akademisch geprägten Öffentlichkeit werden politische Entwicklungen vor allem aus der Perspektive der eigenen Milieus gedeutet. So entsteht der Eindruck, Menschen mit niedrigeren formalen Bildungsabschlüssen hätten den vermeintlich Vernünftigen ein politisches Desaster eingebrockt. Wer aus Bildungsunterschieden unmittelbar auf politische Urteilsfähigkeit schließt, kategorisiert Menschen, statt ihre Beweggründe zu verstehen.

Die einen sehen sich als aufgeklärt und weltoffen, die anderen erscheinen als trotzige Masse. Diese Haltung ist herablassend, politisch wirkungslos und möglicherweise kontraproduktiv. Wer einen Menschen für dumm erklärt, muss nicht mehr mit ihm sprechen, seine Beweggründe nicht untersuchen und sich nicht fragen, weshalb die eigenen Argumente ihn nicht mehr erreichen. Verachtung entlastet moralisch, verändert aber keine Wahlentscheidung.

Andreas Weiß
Bild: ©Privat (Archivbild)

Andreas G. Weiß ist Religionswissenschaftler und Theologe.

Viele Menschen, die heute rechtspopulistische oder rechtsextreme Parteien wählen, fühlen sich von traditionellen Parteien nicht mehr wahrgenommen. Sie erleben wirtschaftliche Unsicherheit, gesellschaftliche Veränderungen und den Verlust vertrauter Orientierung. Manche fürchten den sozialen Abstieg, andere erleben politische Entscheidungen als Vorgänge, die über ihre Köpfe hinweg stattfinden. Nicht alle Wahrnehmungen entsprechen den Tatsachen; manche Ängste werden gezielt vergrößert und in Feindbilder übersetzt. Trotzdem sind sie politisch wirksam.

Angst verschwindet nicht durch den Hinweis, sie sei unbegründet. Fakten allein lösen solche Empfindungen nicht auf. Wer sich in seiner Wahrnehmung nicht ernst genommen fühlt, wird kaum bereit sein, die eigene Sichtweise überprüfen zu lassen. Das bedeutet nicht, jede Angst für berechtigt zu erklären oder aus ihr politische Forderungen abzuleiten. Sorge vor Veränderung rechtfertigt keine Menschenfeindlichkeit, wirtschaftliche Unsicherheit keinen Rassismus und persönliche Kränkung keine verantwortungslose Wahlentscheidung.

Nicht jede AfD-Stimme ist ein missverstandener Hilferuf. Manche wählen diese Partei, weil sie wesentliche Teile ihres Programms tatsächlich unterstützen: ihre Vorstellung einer homogenen Gesellschaft, die Abwertung bestimmter Gruppen oder einen autoritären Politikstil. Gerade deshalb wäre es falsch, alle ihre Wählerinnen und Wähler nur als Opfer gesellschaftlicher Entwicklungen zu betrachten. Wer Menschen ernst nimmt, muss ihnen auch Verantwortung für ihre politische Entscheidung zumuten.

Verstehen bedeutet nicht entschuldigen

Verstehen bedeutet nicht entschuldigen. Einen Menschen wahrzunehmen heißt nicht, seiner Deutung der Wirklichkeit zuzustimmen. Gerade ein Gespräch auf Augenhöhe schließt den entschiedenen Widerspruch ein.

Lernen und Lehren sind gerade auch aus katholischer Bildungsperspektive keine Einbahnstraße, in der die einen wissen und die anderen belehrt werden. Sie sind ein gemeinsamer Weg der Communio: Menschen muten einander zu, zu fragen, zu widersprechen und sich verändern zu lassen.

Das Wahlergebnis legt die Frage nahe, ob es den traditionellen Parteien noch gelingt, mit allen gesellschaftlichen Gruppen im Gespräch zu bleiben. Viele Bürgerinnen und Bürger haben den Eindruck, ihre Erfahrungen und Sorgen fänden im politischen Diskurs zu wenig Resonanz. Ob dieser Eindruck immer empirisch berechtigt ist, ist für seine politische Wirkung zunächst zweitrangig.

„Die AfD muss politisch bekämpft werden. Die pauschale Verachtung ihrer Wählerinnen und Wähler gehört nicht zu diesen Mitteln.“

—  Zitat: Andreas G. Weiß

Oft sprechen politische Vertreter über Menschen, deren Lebenswirklichkeit sie kaum kennen. Sie präsentieren Maßnahmen und Zahlen und wundern sich, weshalb ihre Botschaften nicht ankommen. Die AfD nutzt diese Distanz: Sie bietet einfache Erklärungen, benennt Schuldige und vermittelt das Gefühl, endlich gehört zu werden. Dass ihre Antworten häufig falsch oder unmenschlich sind, mindert nicht ihre emotionale Wirkung.

Eine demokratische Politik muss deshalb mehr leisten als bessere Informationskampagnen. Sie muss näher an die Erfahrungen der Menschen heranrücken, Unsicherheit wahrnehmen, ohne sie vorschnell zu bestätigen, und klar widersprechen, sobald aus Ängsten die Abwertung anderer Menschen wird.

Demokratie beginnt nicht dort, wo alle die richtige Wahl treffen

Die entscheidende Grenze verläuft nicht zwischen Gebildeten und Ungebildeten. Sie verläuft zwischen einer politischen Kommunikation, die Menschen erreichen will, und einer Öffentlichkeit, die sich mit der eigenen Überlegenheit zufriedengibt.

Die AfD muss politisch bekämpft werden: durch überzeugendere Antworten, durch den Schutz demokratischer Institutionen und durch deutlichen Widerspruch gegen menschenfeindliche Positionen. Die pauschale Verachtung ihrer Wählerinnen und Wähler gehört nicht zu diesen Mitteln. Sie stärkt vielmehr das Narrativ jener Partei, die behauptet, für die von den Eliten Missachteten zu sprechen.

Eine Demokratie kann sich ihr Wahlvolk nicht nach Bildungsabschlüssen aussuchen. Wer Menschen für sie zurückgewinnen will, muss ihnen widersprechen können, ohne sie zu verachten. Die Demokratie beginnt nicht dort, wo alle die richtige Wahl treffen, sondern wo wir Menschen auch dann als verantwortliche Gesprächspartner behandeln, wenn wir ihre Entscheidungen für falsch halten.

Von Andreas G. Weiß

Der Autor

Andreas G. Weiß (*1986) ist Theologe, Religionswissenschaftler und Autor. Er arbeitet als Geschäftsführer beim Katholischen Bildungswerk Salzburg.

Buchtipp

Andreas G. Weiß: Streiten verbindet! – Was wir vom Stammtisch lernen können. Anton Pustet Verlag, Salzburg 2026, 176 Seiten, 20 Euro. ISBN: 978-3-7025-1221-7.