Frings: Bischöfe und Laien müssen stärker koordiniert agieren

Nach den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und den fast 44 Prozent für die AfD spricht der Generalsekretär des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Marc Frings, im katholisch.de-Interview darüber, wie die katholische Kirche darauf reagieren sollte. Zudem geht es um die geplante Synodalkonferenz sowie darum, was die Rücktritte der Bischöfe Karl-Heinz Wiesemann (Speyer) und Heinrich Timmerevers (Dresden-Meißen) für die Kirche in Deutschland bedeuten.
Frage: Herr Frings, was bedeutet das Wahlergebnis für Sie?
Frings: Wir haben jetzt ein Ergebnis von fast 44 Prozent für die AfD, was für Sachsen-Anhalt selbst eine demokratische Realität bedeutet. Eine Partei, deren gesamtes Programm für Sachsen-Anhalt auf völkischen Nationalismus und Identitätspolitik setzt, hat hier nur knapp die absolute Mehrheit verpasst. Aber politische Mehrheiten dürfen nicht darüber entscheiden, wem welche Form von Menschenwürde zukommt. Ein völkischer Begriff von Zugehörigkeit der Mitmenschen nach Herkunft, nach Religion, nach Identität absolut widerspricht dem, was das Grundgesetz vorgibt – und was wir als christliches Menschenbild verfolgen. Entsprechend werden wir uns auch weiterhin in dieser Hinsicht positionieren.
Frage: Wie muss die Kirche darauf reagieren?
Frings: Wir müssen uns ganz klar noch stärker mit den Wählerinnen und Wählern auseinandersetzen. Wir nehmen diese Wahlentscheidung sehr ernst und trauen ihnen zu, dass sie in klarer Verantwortung für ihr Bundesland, für ihre Gesellschaft diese Wahlentscheidung getroffen haben – mit allen Konsequenzen. Und daraus leite ich ab, dass wir uns als Kirchen jetzt noch einmal sehr selbstkritisch damit auseinandersetzen müssen, ob wir die richtigen Wege gewählt haben, um die Menschen zu erreichen. Wir sehen eben auch, dass seit einiger Zeit eine nicht unwesentliche Zahl christlicher Wählerinnen und Wähler für die AfD stimmt.
Frage: Wie kann die Kirche gegensteuern?
Frings: Zunächst einmal ist eine empirische Erkenntnis wahrzunehmen: Je engagierter jemand kirchlich ist, desto unwahrscheinlicher ist es weiterhin, dass er oder sie AfD wählt. Das haben auch die Nachbefragungen unter Christinnen und Christen in Sachsen-Anhalt ergeben. Im Gegensatz zu politischen Parteien hat die Kirche angesichts des Schreckens jetzt den kleinen Luxus, kurz auch eine 360-Grad-Bestandsaufnahme vorzunehmen, um zu überlegen, wie wir jetzt mit diesen Ergebnissen auch in unserer Kommunikation weiter verfahren wollen.
"Wir nehmen diese Wahlentscheidung sehr ernst und trauen ihnen zu, dass sie in klarer Verantwortung für ihr Bundesland, für ihre Gesellschaft diese Wahlentscheidung getroffen haben – mit allen Konsequenzen", so der Generalsekretär.
Frage: Sie fordern kritische Selbstreflexion. Was lief aus Ihrer Sicht falsch?
Frings: 32 Prozent der katholischen Wählerinnen und Wähler haben für die AfD gestimmt. Das ist immer noch viel zu viel, aber gleichzeitig liegt dieser Wert zehn Prozent unter dem Landesschnitt. Dabei muss man berücksichtigen: Wir reden von knapp 60.000 Katholikinnen und Katholiken, die in Sachsen-Anhalt wahlberechtigt waren. Nach vorne gedacht müssen wir deutlich machen, dass alle Kirchen die große Kompetenz haben, weiterhin Präsenz vor Ort zu zeigen. Diese Präsenz ist eben der Garant dafür, dass wir Demokratie- und Beteiligungsorte ermöglichen können. Kirche ist eine exzellente Demokratieschule, wo Ehrenamt und Beteiligung erprobt und ausgeweitet werden können. Angesichts der massiven Transformationsprozesse in den vielen Diözesen wird diese Präsenz an jedem Ort, in jedem Dorf allerdings infrage gestellt. Das ist eine Verantwortung, der wir uns noch einmal stellen müssen.
Frage: Warum braucht es gerade jetzt die Synodalkonferenz?
Frings: Wir haben sechs Jahre die Erfahrung auf dem Synodalen Weg gemacht, wie wichtig es ist, alle Kräfte der katholischen Kirche zu bündeln. Der Synodale Weg wurde geschaffen als Reaktion auf Missbrauch und Vertuschung – einen Themenkomplex, dem wir uns auch weiterhin stellen müssen und stellen werden. Aber wir können aus den Erfahrungen, die wir beim Synodalen Weg gesammelt haben, noch einmal größere Strukturerkenntnisse ableiten.
Frage: Welche konkret?
Frings: Dazu gehört, dass wir auch auf Bundesebene ein stärkeres koordiniertes Agieren von Bischöfen und Laien benötigen, um eben mit den Erfahrungen, die wir auf dem Synodalen Weg gemacht haben, auch gesellschaftlich und politisch koordiniert und deutlich wahrgenommen zu werden.
Frage: Was könnte die Synodalkonferenz hier ändern?
Frings: Wir sehen, dass in der Bundespolitik Themen, die für uns als Kirchen von Relevanz sind, nicht angegangen werden. Hier sind wir aktiv für jene, die selbst nicht über Lobbystrukturen verfügen. Ich glaube, dass mit der Kraft einer Synodalkonferenz genau dieses Instrument geschaffen werden kann, um noch wirksamer zu werden. Der Katholikentag im Mai war dafür ein guter Beleg. Katholikentage werden seit jeher von der katholischen Zivilgesellschaft organisiert und geprägt. Wir setzen die Themen. Aber es ist wichtig und immer wieder auch unser Ziel, dass möglichst viele Bischöfe dabei sind. Der offene Dialog, den der Katholikentag bietet, auch über strittige Themen in der Kirche selbst, ist zentral für seinen Erfolg. So etwas würde die Synodalkonferenz aufgreifen und verstetigen. Die Veranstaltung in Würzburg wurde gesellschaftlich und medial als ein politisches Ereignis wahrgenommen, das es gerade in diesen Zeiten braucht: ein Ort des Mutmachens, des Zusammenhalts, der Vielfalt und Gemeinschaft. Trotz vieler spiritueller Angebote, waren es vor allem die politischen Veranstaltungen, die Aufmerksamkeit erzeugt und die deutlich gemacht haben, dass die Öffentlichkeit gerade in Zeiten der Polarisierungund Spaltung die Kirche als Akteurin braucht.
"Wir haben sechs Jahre die Erfahrung auf dem Synodalen Weg gemacht, wie wichtig es ist, alle Kräfte der katholischen Kirche zu bündeln", sagt Marc Frings.
Frage: Warum zögert Rom?
Frings: Das muss Rom beantworten. Aus der Sicht des ZdK haben wir hier in Deutschland unsere Hausaufgaben gemacht. Wir haben gemeinsam mit der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) entschieden, dass wir diese Synodalkonferenz wollen. Beide Trägerorganisationen haben sich sehr klar für die Satzung ausgesprochen und haben damit eine rechtliche Grundlage geschaffen, damit es zu einer Synodalkonferenz kommt. Die Erarbeitung dieser Satzung fand in einem engen, flankierenden Dialog mit Rom statt, mit Erzbischof Filippo Iannone. Insofern liegt es jetzt an Rom zu erklären, warum man dort noch Zeit braucht.
Frage: Wie geht es jetzt weiter?
Frings: Noch sehe ich keinen Zeitdruck. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz hat im Frühjahr die Bitte um eine Recognitio in Rom vorgelegt. Perspektivisch erwarte ich, dass wir bis Anfang November, wenn die Gemeinsame Konferenz – also das im Moment einzige Gremium, auf dessen Ebene DBK und ZdK zusammenkommen – tagt, gemeinsam darüber beraten, wie wir das Jahr 2027 angehen wollen.
Frage: Rom hat das vom DBK-Vorsitzenden beantragte Indult zur Laienpredigt abgelehnt. Was bleibt vom Synodalen Weg?
Frings: Vom Synodalen Weg bleiben erstens sehr konkrete Beschlüsse, die nicht nur in Rom bearbeitet werden, sondern vor allem auch hier in Deutschland. Die meisten der Beschlüsse betreffen die Ortskirche und können auch im rechtlichen Kontext der Diözesen oder der überdiözesanen Ebene bearbeitet und umgesetzt werden. Dazu wird es auch weiterhin ein Monitoring geben. Das ist insofern wichtig, als dass wir nicht nur immer die Verantwortung nach Rom schieben dürfen, sondern auch schauen müssen: Was haben wir selbst in der Hand? Was kann jeder Laie, was kann jeder Bischof für sich und in Gemeinschaft umsetzen?
Frage: Und zweitens?
Frings: Auf der zweiten Ebene steht für mich die Frage außerhalb des Rechtsrahmens, nämlich die viel zentralere Währung, und die lautet Vertrauen. Die katholische Kirche befand sich nach der MHG-Studie in einer massiven Vertrauenskrise, nicht nur angefragt durch die breite Öffentlichkeit, sondern auch durch die eigenen Kirchenmitglieder. Wir haben den Synodalen Weg beschritten, um auf die Studien zu reagieren, aber eben auch den Betroffenen und Überlebenden sexualisierter Gewalt ganz klar zu signalisieren, dass wir hier gemeinsam Verantwortung dafür übernehmen, dass Missbrauch und Vertuschung in Zukunft verhindert werden müssen.
"ZdK und DBK haben sich sehr klar für die Satzung ausgesprochen und haben damit eine rechtliche Grundlage geschaffen, damit es zu einer Synodalkonferenz kommt. Die Erarbeitung dieser Satzung fand in einem engen, flankierenden Dialog mit Rom statt, mit Erzbischof Filippo Iannone", sagt Frings.
Frage: Ist Vertrauen zurückgewonnen worden?
Frings: Wir dürfen nicht in Kurzstrecken- oder Sprintkategorien denken. Das ist ganz klar ein Langstreckenlauf, auf dem wir uns hier befinden. Ich glaube, dass das komplette Themenfeld Missbrauch und Aufarbeitung mindestens eine Generationenaufgabe ist. Und diejenigen, die jetzt gerade Verantwortung übernehmen, tragen in erster Linie Verantwortung dafür, dass das Themenfeld nicht wegsortiert wird, aber gleichzeitig ein ernsthafter Umgang gefunden wird, der es uns ermöglicht, parallel auch in Richtung pastoraler, binnenkirchlicher, gesellschaftlicher und politischer Themenfelder zu schauen.
Frage: Zeigen die jüngsten Bischofsrücktritte von Karl-Heinz Wiesemann und Heinrich Timmerevers, dass das Bischofsamt entlastet werden muss?
Frings: Zunächst einmal will ich sagen, dass ich in beiden Fällen größten Respekt habe für die Entscheidung, die die Bischöfe getroffen haben sowie für die Transparenz. Insbesondere Bischof Wiesemann, der ja im Grunde genommen als einer von wenigen prominenten Menschen des öffentlichen Lebens ein tabuisiertes Thema artikuliert hat, nämlich Depression. Das war ein wichtiger Beitrag. Auf dem Katholikentag gab es dazu ein bemerkenswertes Gespräch zwischen ihm, Harald Schmidt und dem Mediziner Ulrich Heger. Die Frage des bischöflichen Amtes beschäftigt uns seit 2020 auf dem Synodalen Weg. Und die Frage nach Macht und Gewaltenteilung, nach Partizipation, ist ja eine der zentralen Reaktionen auf die enormen Herausforderungen, die in einem kirchenleitenden Amt zu bewältigen sind.
Ich glaube, heute lastet auf wenigen weiterhin große Verantwortung. Aber gleichzeitig ist es ein Dienst, der nicht darüber hinweggehen darf, dass der Mensch im Mittelpunkt stehen muss. Und genau darauf hat der Synodale Weg seine Antworten gegeben.