Das größte Erzbistum Europas und sein Erzbischof
Drei Besonderheiten stehen in Zusammenhang mit dem Mailänder Erzbischof Mario Delpini. Die eine ist: Er steht an der Spitze des mit Abstand größten Erzbistums Europas mit seinen fast fünf Millionen Katholikinnen und Katholiken. Die andere: Er ist kein Kardinal, dabei war der Bischofsstuhl Mailands historisch seit Ende des 19. Jahrhunderts immer sehr eng mit dem Kardinalat verbunden. Zu Delpinis Vorgängern gehörten etwa Giovanni Battista Montini, der spätere Papst Paul VI., sowie die Kardinäle Giovanni Colombo, Carlo Maria Martini, Dionigi Tettamanzi und Angelo Scola. Mit Pius XI. (1922–1939) und Paul VI. (1963–1978) brachte diese Kardinalstradition auf dem Mailänder Erzbischofsstuhl im vergangenen Jahrhundert innerhalb kurzer Zeit sogar zwei Päpste hervor.
Bei mehreren Kardinalserhebungen unter Papst Franziskus (2013–2025) stand der Name des seit 2017 als Erzbischof amtierenden Delpini jedoch nicht auf der Liste. Für besondere Aufmerksamkeit sorgte das 2022, als Franziskus ausgerechnet den Bischof des benachbarten Como, Oscar Cantoni, zum Kardinal erhob. Bei einer Feier für den neuen Kardinal machte Delpini ironische Bemerkungen über das große und bedeutende Mailand und das deutlich kleinere Como. Warum der Papst den Bischof von Como und nicht den Mailänder Erzbischof ausgewählt habe? Vielleicht, so scherzte Delpini, habe Franziskus gedacht, der Erzbischof von Mailand habe ohnehin schon genug zu tun. Zudem spielte er darauf an, dass niemand so genau wisse, was Jesuiten dächten; Franziskus selbst gehörte dem Jesuitenorden an.
Ironie oder Kritik?
Eine Kritik an Franziskus' Entscheidung? Zumindest wurde sie teilweise so verstanden. In den italienischen Medien entwickelte sich aus den Bemerkungen eine nicht unbedeutende Kontroverse. Während Vertraute Delpinis auf seinen bekannten trockenen Humor verwiesen, wurden die Äußerungen andernorts als unangebrachte Kritik gegen den Papst oder sogar als Ausdruck einer gewissen Kränkung interpretiert. Delpini sah sich schließlich zu einer Klarstellung veranlasst. Vor den Seelsorgern seines Mega-Bistums erklärte er: "Ich wollte ein wenig witzig sein bei meinen Grußworten für einen lieben Freund, doch diese Absicht ist nicht verstanden worden." Zugleich betonte er, selbst gar nicht Kardinal werden zu wollen und mit den Entscheidungen und Kriterien des Papstes vollkommen einverstanden zu sein.
Damit war die Geschichte allerdings noch nicht ganz vorbei. Wenige Tage später griff auch der Vorsitzende der Italienischen Bischofskonferenz, Bolognas Kardinal Matteo Zuppi, die Debatte auf. Bei einer Veranstaltung an der Katholischen Universität in Mailand leitete er eine Bemerkung scherzhaft mit den Worten "Wie Kardinal Delpini sagte…" ein – und sorgte damit für Gelächter und Applaus. Delpini selbst hatte den Saal zu diesem Zeitpunkt bereits verlassen. In italienischen Medien wurde Zuppis Bemerkung schließlich als Versuch verstanden, die aufgeheizte Debatte mit Humor zu entschärfen.
Doch zurück zu den Besonderheiten. Die dritte: Delpini hatte zu seinem 75. Geburtstag vorschriftsgemäß seinen Rücktritt eingereicht – aber Papst Leo XIV. antwortete zunächst nicht darauf. Nun erklärte die Erzdiözese, das Kirchenoberhaupt habe den Rücktritt mit der Formel"nunc pro tunc" (jetzt für dann) angenommen. Konkret heißt das: Delpini wird noch etwa ein Jahr lang das größte Erzbistum Europas leiten. Gemäß der Entscheidung von Papst Leo XIV. soll er nun bis zur Einführung seines Nachfolgers im Amt bleiben. Auch der bereits erwähnte Bischof von Como, Kardinal Cantoni, der Anfang September 76 wurde, bleibt übrigens mindestens bis Ende des Jahres an der Spitze seiner Diözese.
Fünf Millionen Menschen
Wie aber leitet sich ein solches Mega-Bistum wie das in Mailand? Zu den Zahlen: Dem Erzbistum gehören mehr als 2.000 Diözesanpriester, etwa 1.000 Ordensmänner und mehr als 8.000 Ordensfrauen an. Laut eigenen Angaben auf der Bistums-Webseite erstreckt es sich über ein Gebiet von 4.234 km² und umfasst die italienischen Provinzen Mailand, Varese, Lecco und Monza-Brianza, einen Teil der Provinz Como sowie einige Gemeinden der Provinzen Bergamo und Pavia. In diesem gesamten Gebiet, das zur Mailändischen Erzdiözese gehört, leben mehr als fünf Millionen Katholiken. Sie besteht damit aus mehr als 1.100 Pfarreien, die auf 73 Dekanate verteilt und in sieben Pastoralzonen organisiert sind.
Gemäß der Entscheidung von Papst Leo XIV. soll Delpini nun bis zur Einführung seines Nachfolgers im Amt des Erzbischofs von Mailand bleiben.
Wie das funktioniert? Ein Erzbistum wie Mailand lässt sich nicht vom Schreibtisch des Erzbischofs aus regieren. Delpini stützt sich deshalb auf eine ausgeprägte mittlere Führungsebene: Das Erzbistum ist in sieben Pastoralzonen gegliedert, die jeweils von einem bischöflichen Vikar koordiniert werden. Auf der Ebene darunter folgen Dekanate und zunehmend größere Pastoralgemeinschaften. Die Vikare halten den Kontakt zur Basis, bereiten Visitationen vor und tragen Probleme nach oben.
Delpini selbst setzt mit Pastoralvisitationen persönliche Akzente – weniger als Kontrolleur, sondern als Erzbischof, der zuhört und Präsenz zeigt. Das wird auch in seinen eigenen Texten deutlich, die sich in seinen Reden und Predigten auf der Internetseite des Erzbistums finden: Wiederholt beschreibt er die Pastoralvisitation als Gelegenheit, den Gemeinden persönlich zu sagen, "voi mi siete cari" und "voi mi state a cuore" – "ihr seid mir wichtig, ihr liegt mir am Herzen". Zugleich versteht er die Visitation als Gelegenheit, gemeinsam darauf zu hören, was der jeweiligen Gemeinde für Gegenwart und Zukunft aufgegeben ist. Dass er diesen riesigen Apparat kennt, dürfte ihm helfen: Bevor er 2017 Erzbischof wurde, war er selbst Vikar in einer solchen Pastoralzone, Weihbischof und schließlich Generalvikar von Mailand.
"Laboratorium gelebter Synodalität"
Allein das Organisationshandbuch des Erzbistums vermittelt einen Eindruck von der Dimension: Die 2025 neu aufgelegte "Guida della Diocesi" hat 1.232 Seiten – sicherlich kein Schmöker für zwischendurch. Regiert wird dieser Apparat allerdings nicht nur von oben. Delpini bezieht Priester und Laien über Beratungsorgane wie den Diözesanpastoralrat ein, den er selbst als "Laboratorium gelebter Synodalität" bezeichnet. Kirchlich synodal eingestellt, fällt Delpini in der Öffentlichkeit durch eine Mischung aus Zurückhaltung, Selbstironie, literarischer Bildung und teilweise trockenem Humor auf. Also kein gewöhnlicher Geistlicher. Gegenüber der Politik pflegt der Kirchenmann eine institutionelle, aber inhaltlich distanzierte und oft kritische Haltung. Zwar gilt seine Kritik nicht einzelnen Parteien, dafür aber rhetorischen Mustern und Inhalten, die häufig mit dem rechten politischen Lager assoziiert werden.
Ein Beispiel hierfür waren die Europawahlen im Jahr 2019, als Delpini sagte, dass das Thema Migration von Politikern zu einem "Sammelsurium von Slogans zu Wahlzwecken" gemacht und zur Mobilisierung von Ängsten genutzt werde. Damals führte der Kirchenmann in der vielgelesenen katholischen Zeitschrift "Famiglia Cristiana" aus: "Wenn die Aufnahme von Migranten von einigen politischen Vertretern als Gefahr für die Gesellschaft gezeichnet wird, unterstellen diese schnell, dass der Papst nicht das Wohl Italiens und Europas im Sinne habe."
Bei mehreren Kardinalserhebungen unter Papst Franziskus (2013–2025) stand der Name des seit 2017 als Erzbischof amtierenden Delpini jedoch nicht auf der Liste.
Im Jahr 2022 etwa, nach dem Wahlsieg der rechten Koalition in Italien, bezeichnete der Erzbischof den Sieg zwar als demokratische "Wende", mahnte allerdings die damals neue Regierung um Giorgia Meloni an, die Verantwortung für das Gemeinwohl zu übernehmen. Schärfere Kritik gab es damals an der "hohen Politikverdrossenheit" und der "niedrigen Wahlbeteiligung". Beim Thema Rechtspopulismus außerhalb Italiens erhob der Kirchenmann ebenso seine Stimme. Im Frühjahr dieses Jahres etwa kritisierte er laut der Nachrichtenagentur Ansa US-Präsident Donald Trump nach dessen Verbalattacken gegen die katholische Kirche und den Papst. "Es ist traurig für das amerikanische Volk, dass es sich für seinen Präsidenten schämen muss", so Delpini.
Nun soll nach neun Jahren an der Spitze eines solchen Mega-Bistums Ende sein? Scheinbar noch nicht. Denn für die Leitung eines solchen Gebildes braucht es Erfahrung – und die hatte Delpini schon, bevor er selbst Erzbischof wurde. Papst Leo jedenfalls scheint darauf vorerst nicht verzichten zu wollen. Er lässt Delpini noch mindestens ein Jahr im Amt, bis ein Nachfolger gefunden und eingeführt ist. Der Suchprozess soll laut dem Vatikan nach seinem 76. Geburtstag beginnen. Bis dahin bleibt an der Spitze des größten Erzbistums Europas also ein Mann, der dessen Strukturen schon lange kannte, bevor er sie selbst leitete.
