Beatrice von Weizsäcker: AfD-Erfolg? Aufgeben ist keine Option
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Dass sie 2020 katholisch geworden ist, war für Beatrice von Weizsäcker eine Herzens- und Seelenentscheidung. Heute fühlt sie sich in der katholischen Kirche zu Hause, liebt die Gemeinschaft speziell im Chor ihrer Gemeinde und die die Sinne ansprechende Liturgie. Dass ihr auch einiges nicht gefällt, wie etwa der Umgang mit gleichgeschlechtlichen Paaren und der Ausschluss von Frauen von Weiheämtern, ändert daran nichts. Papst Leo XIV. schätzt sie als mutige Stimme für mehr Menschlichkeit in einer von autoritären Männertypen wie Trump, Putin und Xi dominierten Welt, erklärt sie im Interview.
Frage: In Ihrem neuen Buch zitieren Sie mehrfach Papst Leo XIV. Was gefällt Ihnen an ihm?
von Weizsäcker: Mir gefällt sein Mut. Er ist ermutigend für andere und zeigt selbst Mut. Zum Beispiel in den Auseinandersetzungen mit dem US-Präsidenten. Trump hat unflätig über Papst Leo gesprochen, nachdem er ihn erst für zu vereinnahmen versucht hat nach dem Motto: "Er ist Amerikaner, also ist er unser Papst." Trump hat sich sogar erdreistet zu sagen, Leo sei ohne ihn nie Papst geworden. Dann hat er Leo für dessen humanitären und christlichen Ansichten in Grund und Boden kritisiert. Papst Leo hat sich davon aber nicht beeinflussen lassen. Er ist am 4. Juli, dem 250. Unabhängigkeitstag der Vereinigten Staaten, nicht etwa nach Washington oder in die USA gefahren, sondern nach Lampedusa. Eine Provokation für jeden Politiker und jede Politikerin, die gegen Geflüchtete sind – allen voran der amerikanische Präsident. So ein Zeichen zu setzen, finde ich sehr stark, sehr mutig, und ich bewundere es.
Frage: Gerade in einer Welt, die von autoritären Männertypen wie Trump, Putin und Xi bestimmt ist, brauchen wir jemanden, der sich unabhängig und unerschrocken äußert. Trauen Sie Papst Leo XIV. auch zu, mehr als nur Zeichen zu setzen?
von Weizsäcker: Er hat natürlich keine vollziehende Gewalt. Aber sein Weg ist das Wort, und das Wort ist wichtig. Das ist übrigens auch etwas, das ich an der katholischen Kirche mag: Wir haben einen Vertreter der Weltkirche – nicht Deutschlands –, der sich für die ganze Welt äußern kann. Wenn jemand das wie Papst Leo in dieser Klarheit tut, freue ich mich. Denn es ist eine Stimme, die man nicht überhören kann. Selbst wenn man sich die Ohren zuhält, kann man sie politisch nicht überhören. Das ist gut und wichtig.
Frage: Seit Sie das letzte Mal im Jahr 2021 im Frage-Podcast waren, ist weltpolitisch viel passiert: Putins Angriff auf die Ukraine, das Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023, der anschließende Gaza-Krieg und die Eskalation in Nahost. Was machen diese "multiplen Krisen" mit Ihnen?
von Weizsäcker: Sie bewegen mich sehr. Das lässt mich nicht los. Das berührt mich, aber es macht mich nicht passiv. Ich werde nicht ohnmächtig und gebe auf, sondern es rührt so an meinem Innersten, dass ich mich dazu auch äußere. Ich mache das viel auf Instagram. Nach der Wahl in Sachsen-Anhalt muss ich sagen: Das ist momentan für mich persönlich die stärkste Bedrohung. Das geht auch über Deutschland hinaus, wenn man z.B. die Reaktionen der internationalen Presse/Medien hört: "Die Nazis sind zurück in Deutschland!" – so oder so ähnlich lesen wir es in fast allen internationalen Zeitungen. Das macht mir Angst, aber es lähmt mich nicht. Ich sage dann eher: "Jetzt erst recht! Jetzt setze ich mich erst recht für die Menschenwürde ein, für Menschen, die das Gefühl haben, sie kommen nicht vor. Das tue ich als Juristin, aber auch als Christin, weil es meine tiefe Überzeugung ist, dass wir niemals aufgeben dürfen, uns für Werte wie die Menschenwürde, das Recht auf Freiheit, das Demokratieprinzip und das Rechtsstaatprinzip einzusetzen. Ich bekomme unglaublich viele Hasskommentare dafür, was schwer auszuhalten ist. Ich lösche vieles, ich blockiere Leute. Trotzdem ist es schwer auszuhalten, aber ich gebe niemals auf. Niemals!
„Nach der Wahl in Sachsen-Anhalt muss ich sagen: Das ist momentan für mich persönlich die stärkste Bedrohung.“
Frage: Das Ergebnis der Wahl in Sachsen-Anhalt bewegt sehr stark. Sie haben die internationale Aufmerksamkeit angesprochen. Die katholische und die evangelische Kirche in Sachsen-Anhalt haben im Vorfeld viel versucht. Sie haben christliche Werte ins Spiel gebracht und Nächstenliebe, Menschenwürde und Demokratie. Viele haben es trotzdem nicht gehört. Was kann man da noch tun?
von Weizsäcker: Aufgeben ist auf jeden Fall keine Option. Ich kenne selbst auch Pfarrerinnen und Pfarrer in Sachsen-Anhalt. Und natürlich, das müssen wir uns vor Augen führen: Die Werte, von denen wir reden, die Werte, für die sich die Kirchen einsetzen, werden schlicht nicht gehört von Leuten, die die AfD haben wollen und sagen, es müsse sich etwas ändern und Merz sei an allem schuld. Diese Leute sind gegen Migrantinnen und Geflüchtete, gegen Lesben und Schwule und nur für Deutsche. Die erreichen Sie damit nicht. Das darf aber kein Grund sein, sich von diesen Werten zu verabschieden. Viele Menschen in Sachsen-Anhalt haben viel versucht. Es gab Kundgebungen, Konzerte, große Demonstrationen. Das hat am Ergebnis nichts geändert. Das Ergebnis ist eine Katastrophe, aber das kann doch nicht heißen, dass wir sagen: "Wir haben verloren, jetzt verabschieden wir uns."
Frage: Die katholischen Bischöfe hatten schon vor einiger Zeit ihre Unvereinbarkeitserklärung von Völkischem Nationalismus und Christentum ausgesprochen. Selbst, wenn das viele Leute nicht erreicht hat, war es doch wichtig?
von Weizsäcker: Absolut, ich freue mich auch sehr – und ich hätte es extrem kritisiert, wenn es anders gewesen wäre –, dass alle Bischöfe einer Meinung waren bei diesem Beschluss der Unvereinbarkeit von AfD-Mitgliedschaft und katholischen Ämtern, und dass man als Christ nicht AfD wählen kann. Es steht sehr viel in diesem sehr klugen Papier. Dass die Bischöfe in dieser Frage einer Meinung waren, ist wichtig, denn wann sind unsere Bischöfe jemals einer Meinung?!
Frage: An diesem 8. September, zum Zeitpunkt des Podcast-Gesprächs, wissen wir noch nicht, ob es den ersten AfD-Ministerpräsidenten geben wird. Aber wo sehen Sie im Moment Spielraum? Was kann und was sollte die Kirche in so einer schwierigen Situation noch tun?
von Weizsäcker: Ich finde, dass die Kirche ihre Sache schon gut macht. Wir dürfen nicht vergessen, dass es einen Unterschied macht, ob wir hier aus unserem gemütlichen Köln oder München reden oder ob wir mitten in Sachsen-Anhalt sind. Insofern finde ich es schwer, Ratschläge zu geben. Was sicher wenig hilft, sind wohlfeile, gut gemeinte Predigten. Was dagegen helfen könnte, wäre, wenn die Kirchen in Sachsen-Anhalt versuchten, noch mehr mit den Menschen in Kontakt zu kommen. Wir haben schließlich auch noch die Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin in zwei Wochen vor uns, auch wenn das noch einmal andere Situationen sind. Es gilt, ganz viel vor Ort zu machen, denn das Papier der Deutschen Bischofskonferenz ist da. Es ist nicht neu. Es ist grandios. Was soll die Kirche eigentlich noch sagen, was das toppen kann? Sie kann doch gar nicht mehr sagen. Also sollte sie umsetzen, woran sie glaubt. Das heißt, auf Menschen zugehen und mit Menschen reden. Auch mit Leuten, die ihr politisch verständlicherweise gegen den Strich gehen. Sie sollte nicht einfach sagen: "Mit dir rede ich nicht, geh du weg von mir, du kommst in meine Kirche nicht rein", sondern versuchen, ein Angebot zu machen. Das sind alles winzige Tropfen auf einen extrem heißen Stein. Aber ich glaube, es geht nicht anders.
