Marx: Religiöse Abgrenzungsfantasien dürfen nicht geduldet werden

Kirchen und Religionsgemeinschaften müssen zur Förderung der demokratischen Gesellschaft ihre "Hausaufgaben machen" – das verlangt der Münchner Kardinal Reinhard Marx. Es gebe in allen Religionen Ausgrenzungs- und Abgrenzungsfantasien. Diese dürften auf keinen Fall geduldet werden, sagte Marx nach Angaben seiner Pressestelle am Dienstagabend in München. Der Erzbischof von München und Freising äußerte sich demnach bei einer Veranstaltung mit Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU). Der Abend bildete den Auftakt einer Gesprächsreihe des Ministers mit Vertretern von Glaubensgemeinschaften zur Bedeutung von Religion für Demokratie, Integration und Zusammenhalt, wie es hieß.
Marx bezeichnete den christlichen Glauben laut Mitteilung als "Schwungrad" für die Entwicklung einer demokratischen Gesellschaft. "Ich kann mir keine Kirche vorstellen, die nicht ihre Prinzipien wie Nächstenliebe, Toleranz, Solidarität in die Gesellschaft einbringt. Nächstenliebe ist politisch!" Solche christlichen Maximen gehörten zur Basis der Demokratie. "Ohne diese Grundlage können wir die Demokratie beerdigen." Aus dem christlichen Menschenbild leite sich ab, "dass in unserem Gemeinwesen alle Individuen die gleichen Rechte haben", so der Kardinal weiter. Offenheit und Dialogbereitschaft seien unerlässlich für eine freie Gesellschaft. Dies gelte besonders auch in Fragen von Migration und Integration, fügte Marx hinzu.
Die Zukunft einer Gesellschaft hänge davon ab, "dass wir Vielfalt als Bereicherung sehen, Migration nicht als Bedrohung, sondern als Chance begreifen", sagte der Erzbischof. Menschen mit Migrationshintergrund stützten zahlreiche gesellschaftliche Bereiche wie die Pflege und den öffentlichen Nahverkehr. Darüber müsse man mit den Menschen in den Dialog kommen, sie "auch aus ihren Blasen herausziehen". Zu diesem Dialog leistet die Kirche Marx zufolge einen konkreten Beitrag, etwa indem sie mit der katholischen Soziallehre eine Grundlage für einen solidarischen Sozialstaat liefert. In diesem Zusammenhang warnte der Erzbischof vor einem Verschwinden der Kirche und des Glaubens aus der Gesellschaft: "Es hat Folgen, wenn hier Leerstellen entstehen. Eine Gesellschaft lebt davon, dass Menschen sich dazu entscheiden, das Gute zu tun." (KNA)