Katholischer Jugendverbandler: "Wir stehen gerade am Kipppunkt"

Über die Frage, warum Jana in der katholischen Landjugend Deutschlands ist, muss die 19-Jährige aus dem niedersächsischen Westerloh nicht lange überlegen: "Das sind bei uns halt alle." Zusammen mit ihrer Ortsgruppe besucht sie das Bundestreffen der KLJB. 750 Jugendliche und junge Erwachsene sind aus dem ganzen Land im niedersächsischen Vrees zusammengekommen, um für vier Tage den Verband zu feiern und sich mit Themen rund um Jugend und Landleben zu beschäftigen.
Auf dem Festivalgelände fallen die vielen T-Shirts mit dem Logo aus Pflug und Kreuz auf. Vor den Camps der Ortsgruppe hängen große KLJB-Banner. Sich in einem kirchlichen Jugendverband zu engagieren, darauf seien die Mitglieder stolz. Viele berichten über ihre langen Ehrenamtskarrieren – egal ob im Orts-, Dekanats- oder Diözesanvorstand. Doch wenn man sich länger mit den KLJBlern unterhält, beschreiben einige eine Entwicklung, die der 26-jährige Nikolas Bentz aus dem Bistum Freiburg so zusammenfasst: "Wir stehen gerade am Kipppunkt." Er weiß nicht, ob es seine Ortsgruppe Tiergarten in der aktuellen Form noch lange weitergeben würde. Das Problem: Es fehlt der Nachwuchs. Wo also steht die katholische Jugendverbandsarbeit?
Volker Andres kennt solche Erzählungen aus verschiedenen Ortsgruppen. Er ist im Bundesvorstand des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ), der Dachorganisation der katholischen Jugendverbände. In den letzten Jahren hat der Verband zwar über alle Untergruppen hinweg einen Mitgliederzuwachs verzeichnet. Aber dabei werden keine Zahlen zur Altersstruktur der Mitglieder erfasst. Andres, der sich seit dem 16. Lebensjahr in kirchlichen Jugendverbänden engagiert, merkt an: "Es gibt zumindest in Einzelfällen Entwicklungen, die dafür sorgen, dass junge Menschen sich weniger für ein Ehrenamt interessieren."
Weniger junge Menschen, weniger Katholiken
Beim Blick auf die Nachwuchsgeneration fallen verschiedene Entwicklungen auf: Der Anteil an Menschen zwischen 15 und 24 Jahren ist im Jahr 2025 auf einem historischen Rekordtief. Während in den 1980ern noch jede sechste Person in dieser Altersgruppe war, ist heute nur noch jede zehnte Person in Deutschland zwischen 15 und 24 Jahren. Außerdem sinkt in der Gesamtbevölkerung der Anteil an Kirchenmitgliedern. Es gibt also weniger Katholiken und weniger junge Menschen in Deutschland. Die Gruppe, aus der katholische Jugendverbände Mitglieder schöpfen, wird kleiner.
Hinzu kommt, dass sich das Freizeitverhalten deutschlandweit mehr ins Digitale verschoben hat. Anstatt sich mit Freunden zu treffen, verbringen junge Menschen mehr Zeit mit Social Media oder Gaming. Der "Freizeitmonitor 2026" der BAT-Stiftung für Zukunftsfragen stellte heraus, dass etwa 37 Prozent 1986 regelmäßig mit Freunden unterwegs waren, 2003 41 Prozent und heute lediglich 19 Prozent. Die Studie beantwortet zwar nicht die Frage, ob es ein Bedürfnis nach mehr sozialen Kontakten bei Jugendlichen gibt. Aber für einen Jugendverband heißt das: Sich mit anderen zu treffen, gehört weniger zum Alltag der Zielgruppe.
Daneben haben sich auch die Anforderungen in den Jugendverbänden verändert. Andres nennt beispielsweise die steigenden Anforderungen und den zunehmend hohen bürokratischen Aufwand in der Jugendarbeit und den Jugendverbänden. Es gebe mehr Präventionsschulungen und das Thema Datenschutz tauche immer wieder auf. Er könne verstehen, dass Gruppenleitende manchmal das Gefühl haben, sie stünden immer mit einem Bein im Gefängnis. Gleichzeitig betont er aber, den Wert von Fortbildungen für die Verbände – zum Beispiel, wenn man sich mit dem Thema Kindeswohl beschäftigt.
"Es ist in der DNA eines Jugendverbands, sich immer weiter zu verändern", sagt der BDKJ-Bundesvorsitzende Volker Andres.
Auf dem KLJB-Bundestreffen beschreiben einige Mitglieder ein weiteres Problem: Auch wenn das Osterfeuer oder die jährliche KLJB-Zeltfete gut besucht seien, reichten die Anwesenden bei der Generalversammlung nicht für eine Beschlussfähigkeit. "Das sehen viele einfach nicht als Pflichtveranstaltung", sagt der 20-jährige Pablo Alonso aus der KLJB Westrum. Andres glaubt, das habe auch mit der Corona-Pandemie zu tun. Die jetzige Nachwuchsgeneration hat in entscheidenden Jahren ihrer Kindheit bzw. frühen Jugend stark zurückstecken müssen. Der BDKJ-Vorsitzende kann verstehen, dass für diese Jahrgänge Gremienarbeit, bei der man einfach nur eine Tagesordnung abarbeitet, unattraktiv erscheint. Einige Ortsgruppen würden darauf bereits reagieren und die Vorstandswahl mit anderen Aktionen oder Studientagen verbinden, sagt Andres.
Und eben dieses Reagieren auf die verschiedenen gesellschaftlichen Entwicklungen sei entscheidend für die Verbände, so der BDKJ‑Vorsitzende. "Es ist in der DNA eines Jugendverbands, sich immer weiter zu verändern." Nur so bleibe er für junge Menschen attraktiv. Nikolas Bentz und seine KLJB-Ortsgruppe wollen genau das. Sie setzen vermehrt auf gemeinsame Veranstaltungen mit anderen Landjugenden, organisieren Gruppenstunden und Ausflüge. "Wir wollen auch die einladen, die nicht zu unseren regulären Aktionen kommen", sagt der 26-Jährige.
Was brauchen die Jugendverbände für ihre Zukunft?
Doch nicht nur auf der Ortsebene arbeiten Ehren- und Hauptamtliche für das Fortbestehen der Jugendverbände. Andres und der Rest des BDKJ setzten sich auch politisch dafür ein. Dabei geht es ihm um eine verlässliche Finanzierung und eine bessere Förderung für Ehrenamtliche. Für Vorstände in Jugendverbänden fordert er beispielsweise zusätzliche Bafög-Laufzeiten und eine Anerkennung für die Wartezeiten bei Studienplätzen. Auch die Kirchen sieht er in der Verantwortung, in die Jugend zu investieren. Im Zuge der Zusammenlegungsprozesse in der katholischen Landschaft würden physische Räume geschlossen und Personal gekürzt, so Andres. Jugendreferenten, Gruppenräume und Materiallager seien aber für die Infrastruktur der Verbände entscheidend. "Wir müssen in die Jugend investieren, wenn wir als Kirche eine Zukunft haben wollen", betont er.
Wenn Andres auf die Gesamtheit der Jugendverbände unter seinem Dach schaut, dann ist er zufrieden. Die Mitgliederzahlen seien stabil. Aber jede Ortsgruppe ticke eben anders. Einige würden wachsen, andere sich auflösen, wiederum andere sich neugründen, erklärt er. Es gebe eben keine pauschale Antwort auf die Frage, wie es um den Nachwuchs in den kirchlichen Jugendverbänden stehe. Es ist aber deutlich zu erkennen, dass Jugendverbände vor großen Herausforderungen stehen, die zumindest für einige Ortsgruppen zur Überforderung führen. Wenn sich weniger Jugendliche für KLJB, Kolping Jugend oder KJG interessieren, greift das Argument "Ich komme, weil das alle machen" nicht mehr. Dann müssen schnell neue Anreize her, um auch junge Mitglieder für einen katholischen Verband und ein Ehrenamt zu begeistern. Dafür braucht es nicht nur engagierte Ehrenamtliche mit kreativen Ideen, sondern auch Unterstützung aus Politik und Kirche.