Am Tiefpunkt erhöht – Erlöst und befreit in Ewigkeit

Ich bin heute nicht ganz auf der Höhe: Das sagen wir manchmal, um damit auszudrücken, dass es uns nicht ganz gut geht. Wer nicht ganz fit ist, nicht gut geschlafen hat oder ein bisschen kränkelt, weiß, wie es sich anfühlt, wenn man nicht so kann, wie man gerne möchte. Dann ist man nicht besonders leistungsfähig und oftmals auch sehr froh darüber, wenn ein Tag vorbei oder eine Krankheit überstanden ist. Denn im Alltag hat man es wesentlich leichter, wenn man ganz auf der Höhe ist.
Davon kann bei Christus keine Rede sein, als er sterbend die Arme am Kreuz ausbreitet. Grausam wird er gefoltert und hingerichtet vor den Augen aller Menschen. Damit alle sehen können, was mit Verbrechern geschieht, haben die Römer damals die Kreuze hoch aufgerichtet und an exponierten Stellen aufgestellt. Jeder, der vorübergeht, soll sehen, welch grausamen Tod man sterben muss, wenn man sich gegen die Obrigkeit stellt oder für Aufruhr im Reich sorgt. Ganz von der Erde erhöht stirbt Christus am Kreuz, zwischen Himmel und Erde hängend. Jeder kann ihn sehen, jeder kann seinen Schmerz mitfühlen, jeder muss sein Leid betrachten.
Am Boden und doch hoch aufgerichtet
Jedes Jahr am 14. September feiert die Kirche das Fest der Kreuzerhöhung. Wir blicken dann auf den Gekreuzigten, der sich aus Liebe hingegeben hat, damit wir in ihm das Leben finden. In seinem Sterben war Christus körperlich alles andere als auf der Höhe, aber doch erhöht, hoch aufgerichtet. "Wenn ich von der Erde erhöht bin, werde ich alle an mich ziehen", sagt er im Johannesevangelium.
Der erhöhte Ort des Kreuzes ist für den Evangelisten Johannes von besonderer Bedeutung: Immer wieder spricht er von der Erhöhung und davon, dass Christus gerade in seinem Sterben am Kreuz verherrlicht ist. Das Kreuz wird gewissermaßen zum Thron für den Christkönig, der in seinem Tod seine ganze Herrlichkeit offenbart. Und so ist er im Augenblick des Sterbens doch voll auf der Höhe – voll dort, wo er hingehört, in der Herrlichkeit Gottes, des Vaters, der ihn in die Welt gesandt hat.
Der Blick auf das Kreuz erinnert uns an das Geheimnis unseres Glaubens.
Der Blick auf das Kreuz erinnert uns an das Geheimnis unseres Glaubens: "Deinen Tod, o Herr, verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir bis du kommst in Herrlichkeit", so sprechen wir in jeder Eucharistiefeier. Tod und Auferstehung gehören untrennbar zusammen.
Im Johannesevangelium wird das auf besondere Weise deutlich, wenn das Sterben am Kreuz nicht als Erniedrigung oder als bedrückende Schmach gedeutet wird, sondern als Erhöhung. Jetzt ist der Zugang zum ewigen Leben erschlossen, jetzt zeigt sich die ganze Herrlichkeit, die Christus in seinem irdischen Leben immer nur ansatzweise offenbart hat. Das Kreuz ist daher für Johannes auch das Zeichen des Heils: Im Kreuz ist Leben, im Kreuz ist Hoffnung, im Kreuz ist Zukunft. Denn es markiert nicht das Ende des Lebens, sondern dessen Neubeginn in der Herrlichkeit des Himmels.
Das Kreuz als Zeichen der Hoffnung
Wir müssen nicht immer auf der Höhe sein, um von Christi Liebe getragen zu sein. Es gibt Tage, an denen uns die Kraft fehlt, an denen wir enttäuscht sind, an denen wir uns selbst oder anderen nicht genügen und an denen wir nicht wissen, wie es weitergehen soll. Dann dürfen wir auf Christus schauen, der selbst den Weg in die Tiefe des Leids gegangen ist und gerade dort, am Kreuz, zum Zeichen der Hoffnung geworden ist.
Er zieht uns an sich – nicht weil unser Leben immer gelingt, sondern weil er auch unsere Schwäche, unsere Angst und unser Scheitern kennt. Wer auf den Gekreuzigten schaut, darf deshalb darauf vertrauen: Auch wenn ich selbst nicht auf der Höhe bin, hält Gott mich fest.
Und vielleicht führt gerade der Blick auf das Kreuz zu einer neuen Höhe. Nicht zu einer Höhe, in der wir über anderen stehen, sondern zu jener Höhe, in der wir erfahren, dass Gottes Liebe stärker ist als alles, was uns bedrückt und in die Tiefe zieht. In seinem Kreuz dürfen wir uns rühmen. Denn in ihm ist uns Heil geworden und Auferstehung und Leben. Durch ihn, der am Kreuz erhöht wurde, sind wir erlöst und befreit in Ewigkeit.