Alt-katholischer Altbischof: Man muss das Amt mit Humor nehmen

16 Jahre lang war Matthias Ring Bischof des alt-katholischen Bistums in Deutschland. Anfang September ist er zurückgetreten. Zum Interview mit katholisch.de in der Sakristei der Namen-Jesu-Kirche, der Bonner Kathedrale des Bistums, erscheint er in Zivil: grau-blaues Sakko, blaues Hemd, kein Kollarkragen. Nur sein Bischofsring deutet auf sein Amt hin – und der Schlüsselbund, an dem immer noch der Schlüssel zur Kathedrale hängt, auch wenn die Kathedra nun leer ist und nicht mehr seine. Und natürlich die Menschen im Aufsichtsdienst, die ihren Altbischof begrüßen und ihn nicht ohne Gespräch in die Sakristei gehen lassen: Mit ihren knapp 16.000 Mitgliedern in Deutschland ist die alt-katholische Kirche eine kleine Gemeinschaft, man kennt sich. Nicht nur das führt dazu, dass das Bischofsamt dort anders ist als in der römisch-katholischen Kirche: Durchregieren kann ein alt-katholischer Bischof in seiner durch und durch synodal verfassten Kirche nicht. Im Interview erzählt Ring, wie er das Bischofsamt versteht, wann er seine Autorität als Bischof einsetzen musste – und was er seinem Nachfolger oder seiner Nachfolgerin rät.
Frage: Bischof Ring, in Ihrer Abschiedspredigt sagten Sie sinngemäß, dass Loslassen frei macht für das Evangelium. Fühlen Sie sich frei als Altbischof?
Bischof Matthias Ring: Die Frage kommt noch etwas zu früh. Ich bin noch dabei, mich in dieser Lebensphase einzurichten. Frei fühle ich mich aber schon im Hinblick auf die Verantwortung, die ich jetzt für vieles nicht mehr habe.
Frage: Was hat Ihre Bischofszeit geprägt?
Ring: Es gibt einen negativen Höhepunkt: die Corona-Pandemie. Die begann genau mit meinem zehnjährigen Weihejubiläum. Eine Woche vorher mussten wir alle Gottesdienste einstellen. Das war eine große Zäsur und brachte massive Einschnitte mit. Aber abgesehen davon haben vor allem viele schöne Ereignisse in den Gemeinden meine Amtszeit geprägt. Ich habe zum Beispiel insgesamt 13 Altäre konsekriert – nicht, dass es auf die Zahl ankommt. Aber das zeigt, dass die Gemeinden an ihre Zukunft glauben und auch auf Zukunft ausgerichtet sind.
Zur Person
Matthias Ring wurde 1963 in Oberfranken geboren. In Bamberg studierte er römisch-katholische und in Bonn alt-katholische Theologie. 1989 wurde er in der alt-katholischen Kirche zum Priester geweiht und wurde Pfarrer in Regensburg und Passau. Danach leitete er in Bonn das Bischöfliche Seminar und war wissenschaftlicher Mitarbeiter am alt-katholischen Seminar der Universität. 2006 wurde er in Bern mit einer kirchenhistorischen Arbeit über die alt-katholische Kirche Deutschlands und ihre Rolle im Nationalsozialismus promoviert. 2009 wählte ihn die Synode des Bistums zum Bischof.
Frage: In der alt-katholischen Kirche ist die mit dem Amt verbundene Vollmacht anders ausgestaltet als in der römisch-katholischen. Ein Basta-Bischof kann man da nicht sein. Hätten Sie sich manchmal mehr Jurisdiktionsgewalt gewünscht?
Ring: Nein. Wichtiger als irgendeine Linie durchzusetzen ist für mich immer gewesen, im Gespräch zu bleiben. Oder überhaupt ins Gespräch zu kommen. Die Gefahr bei unserer Struktur ist, dass die verschiedenen Gemeinden ein Eigenleben entwickeln und nicht im Gespräch bleiben. Druck und Sanktionen bringen dabei nichts: Damit verbreitet man nur Angst.
Frage: Wie würden Sie dann das alt-katholische Bischofsamt charakterisieren?
Ring: Ein weltliches Wort dafür wäre wohl Moderator: ein Moderator, der versucht, die unterschiedlichen Strömungen und Stimmen miteinander ins Gespräch zu bringen. Aber auch ein Moderator, der eine eigene Meinung hat. Das Wort des Bischofs hat Gewicht, wenn er nicht den Fehler macht, sich dauernd zu Wort zu melden. In der Kirche gibt es die Begriffe der Potestas, der Macht, und der Auctoritas, der Autorität. Macht hatte ich fast keine. Wenn man Bischof wird, bekommt man gewissermaßen ein Sparbuch, auf dem "Auctoritas" steht. Das ist ein großer Vertrauensvorschuss. Von diesem Sparbuch muss man immer wieder Abhebungen machen, wenn man Entscheidungen fällt, die andere nicht nachvollziehen können. Aber man kann auch auf das Sparbuch einzahlen. Auch bei uns ist vielen wichtig, wie sich ihr Bischof positioniert – aber wenn er sich zu jeder Kleinigkeit äußert, dann ist es mit der Autorität schnell am Ende.
Frage: In welchen Fragen haben Sie von dieser Autorität Gebrauch gemacht?
Ring: In meiner Amtszeit wurde die Frage nach dem Umgang mit Homosexualität, wie ich finde, zu einem guten Ende gebracht. Mein Vorgänger hatte bei diesem Thema gebremst und wollte auch keine Entscheidung der Synode dazu. Mittlerweile haben wir den Beschluss der Synode gefasst, dass gleichgeschlechtliche Paare rechtlich und liturgisch den verschiedengeschlechtlichen gleichgestellt werden. Ich habe Wert darauf gelegt, dass die Synode keine Entscheidung darüber fällt, ob gleichgeschlechtliche Ehen Sakrament sind oder nicht – das ist eine theologische Frage, die man im Bereich der Theologie belassen sollte. Und tatsächlich wurde kein Antrag gestellt, der dazu eine Entscheidung treffen wollte.
Die Kathedra in der Bonner Namen-Jesu-Kirche ist vorerst leer. Wer darauf ab Oktober Platz nehmen wird, entscheidet die Synode, in der Geistliche und Laien gemeinsam wählen.
Frage: Eine andere wichtige Frage haben Sie in Ihrer Amtszeit angestoßen: den Dialog mit der lutherischen Kirche in Deutschland. Gerade hat die alt-katholische Bischofskonferenz festgestellt, dass das eine Frage ist, die die Kirchengemeinschaft innerhalb der Utrechter Union der alt-katholischen Kirchen betrifft. Warum?
Ring: Die Bischofskonferenz hat mit dem Dialog ihre Probleme. Das hängt sicherlich damit zusammen, dass die Situation in jedem Land eine andere ist. In Polen ist eine Kirchengemeinschaft mit Lutheranern schwer als katholisch zu vermitteln. Ein grundsätzliches Problem ist die Frage, was man bei anderen Kirchen anerkennt – und dass eine Anerkennung nicht bedeutet, dass man es in der eigenen Kirche übernehmen muss. In unserem Dialogpapier, das wir mit der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche erarbeitet haben, versuchen wir, aus der Geschichte zu denken: Es gibt Unterschiede, die sich historisch erklären lassen, aber nicht mehr als kirchentrennend aufgefasst werden müssen. Leider gibt es auch in der alt-katholischen Kirche bei manchen das gleiche Geschichtsverständnis wie in der römisch-katholischen Kirche: dass es einen ursprünglichen Strom der Kirche gibt, von dem viele Seitenströme abzweigen und verästeln, und je weiter die vom Hauptstrom entfernt sind, desto weniger katholisch sind sie – und wir nehmen in Anspruch, ganz nah am ursprünglichen Strom zu sein. Im 19. Jahrhundert haben wir selbst noch gesagt, dass wir der eigentlich ursprüngliche Strom sind. Dabei sind wir selbst ein Kind der damaligen Zeit: Unsere synodale Ordnung greift das liberale Verständnis vom demokratischen Staat auf, wie es sich zu unserer Entstehungszeit entwickelt hat, und genauso haben auch die reformatorischen Kirchen im 16. Jahrhundert einen bestimmten Weg eingeschlagen, und auch die römisch-katholische Kirche ist nicht mehr dieselbe wie die vorreformatorische.
Frage: Was ist in solchen Dialogprozessen unverhandelbar?
Ring: Das, was die eigentliche Glaubenssubstanz ausmacht. Ein Dialog mit einer Kirche, die keine Sakramente kennt, wäre kaum möglich. Bei aller Wertschätzung sehe ich nicht, wie wir zum Beispiel mit den Quäkern, die keine Sakramente in unserem Sinn haben, zu einer Kirchengemeinschaft kommen könnten.
Frage: Aber wo es Sakramente gibt, ist der Dialog möglich? Die alt-katholische Kirche ist durch ihre Ablehnung bestimmter Entwicklungen des Tridentinischen Konzils ja flexibler in der Sakramententheologie. Was ist der Kern, auf den es ankommt?
Ring: Mit der Taufe und dem Abendmahl gibt es zumindest zwei Sakramente, die man als "sacramenta maiora" bezeichnen könnte. Das teilen wir mit evangelischen Christen.
Bis zur Wahl eines neuen Bischofs oder einer neuen Bischöfin leitet die Priesterin Anja Goller als Bistumsverweserin die Diözese. Sie war zuvor Generalvikarin.
Frage: Bei der Ehe gehen die Positionen dagegen auseinander.
Ring: Das fand ich immer bemerkenswert bei der Diskussion über die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare. Da wurde darüber diskutiert, ob es ein Sakrament ist oder nicht – aber wenn man die Leute gefragt hat: Was bedeutet das? – da kam keine Antwort. Bei der Taufe und beim Abendmahl wird sehr deutlich, was die ursprüngliche Bedeutung von Sakrament ist, nämlich die Feier des Heilsmysteriums von Christi Tod und Auferstehung. Bei den anderen Sakramenten wird das nicht so deutlich. Das ist für mich auch theologisch durchaus ein Problem. Deshalb glaube ich, dass man in ökumenischen Dialogen diese anderen Sakramente nicht als Maßstab nehmen sollte.
Frage: Und das Weihesakrament? Wie verstehen Sie als Priester und Bischof Ihr Amt als sakramental?
Ring: Wenn ich einmal Bischof bin, bleibe ich Bischof. Die Weihe prägt mich, wie ich mich zur Kirche verhalten muss. Das Zentrale meines Amtes ist für mich die Feier der Eucharistie mit der Gemeinde und die Auslegung des Schriftworts in der Eucharistie. Das Lehramt des Bischofs ist zunächst ein Predigtamt. Gerade das Predigen ist mir in den Jahren immer wichtiger geworden.
Frage: Auch das politische Predigen? Das ist in Ihrer Kirche ja historisch wie gegenwärtig eine Frage, wie man sich zur Politik verhalten soll.
Ring: Zunächst ist die christliche Botschaft eine zutiefst politische. Nicht parteipolitisch – sondern insofern ich in der Nachfolge Jesu immer auch meine Welt entsprechend dem Evangelium mitgestalte. Insofern waren meine Predigten auch politisch. Politisches Predigen darf aber nicht bedeuten, dass ich die Meinung, die ich als Bürger zu einem Thema habe, gewissermaßen nur mit dem Evangelium überzuckere.
Frage: Und außerhalb der Predigt? Wie sollte sich die Kirche politisch positionieren?
Ring: Ich bin generell sehr skeptisch gegenüber politischen Positionierungen der Kirche als Institution. Wenn man als Kirche Erklärungen und Stellungnahmen abgibt, müssen sie sehr präzise sein, je konkreter das Problem, desto präziser. Wenn etwas ganz eklatant die Menschenwürde verletzt, dann ist es einfach, zu widersprechen. Aber je kleinteiliger das wird, desto schwieriger wird es. Ist die Rente mit 63 gerecht oder nicht? Als Bürger habe ich dazu eine Meinung. Als Kirche sollten wir aber sehr zurückhaltend sein. Ich sehe nicht, dass sich dazu aus dem Evangelium eine zwingende Position ergibt.
Frage: Sie waren jetzt 16 Jahre lang Bischof. Was haben Sie gelernt, das Sie Ihrem Nachfolger oder möglicherweise Ihrer Nachfolgerin gerne mitgeben würden?
Ring: Man muss das Amt und was man darin erlebt mit Humor nehmen. Ein wesentliches Element von Humor ist eine innere Distanz zu den Dingen. Das gilt gerade bei Kritik: Die betrifft meist nicht die Person, sondern die Rolle. Am Anfang war ich irritiert, wie sehr beim Bischofsamt die Rolle die Person verdrängt. Früher hieß es, der Matthias hat sich gemeldet, wenn ich in der Pastoralkonferenz etwas sagen wollte. Unmittelbar nach der Bischofswahl hieß es: Der Bischof hat sich gemeldet. Das hat auch etwas Gutes, wenn man das bemerkt: Es geht um eine Rolle, die man zu spielen hat – und das lässt einen dann auch besser schlafen. Ich muss diese 1.800 Jahre alte Rolle "Bischof" als Matthias interpretieren, damit ich glaubwürdig bin in diesem Amt.
Frage: Beim Bischofsamt kommt dazu: Man strebt ein geistliches Amt an und landet in der Verwaltung. Wie meistert man diesen Spagat?
Ring: Wer mit Verwaltung gar nichts am Hut hat, der sollte nicht Bischof werden. Verwaltung hat auch immer etwas mit Menschen zu tun. Hinter jedem Verwaltungsvorgang stecken Menschen. Und ein geistlicher Mensch bleibt man, wenn man im Blick behält, dass all diese Dinge, mögen sie auch noch so banal sein, immer auch dem einen dienen müssen: nämlich Jesus von Nazareth und dem, seine Botschaft weiterzutragen, weil man selbst die Erfahrung gemacht hat, dass sie für das eigene Leben eine Bedeutung hat.
Die alt-katholische Kirche
Die alt-katholische Kirche in Deutschland entstand in den 1870er-Jahren in Abgrenzung zu den Beschlüssen des Ersten Vatikanischen Konzils (1869-1870) zur Unfehlbarkeit und zum Jurisdiktionsprimat des Papstes. Zum deutschen Bistum gehören knapp 16.000 Mitglieder in 60 Pfarrgemeinden. Von 2009 bis 2026 stand Matthias Ring dem Bistum als zehnter Bischof vor. Die Kirchenordnung der alt-katholischen Kirche ist bischöflich-synodal: Der von der Synode gewählte Bischof leitet gemeinsam mit einer von Geistlichen und Laien gebildeten Synodalvertretung die Kirche.
Der neue Bischof oder die neue Bischöfin wird durch eine außerordentliche Synode am 3. Oktober gewählt. Von den etwa 40 wählbaren Geistlichen haben zwei angekündigt, eine auf sie fallende Wahl anzunehmen.