Herrgottskinder – Die Elternkolumne

Warum gehen nicht alle Kinder in den Religionsunterricht?

Veröffentlicht am 21.09.2026 um 00:01 Uhr – Von Stefanie Heinrichs – Lesedauer: 

Bonn ‐ Warum dürfen manche Kinder in den Religionsunterricht – und andere nicht? Ein Kreuzchen in der Schul-App ihrer Tochter bringt Stefanie Heinrichs ins Nachdenken: über Grenzen, die Kinder noch gar nicht sehen.

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Die Nachricht im Schulmanager, die App, über die unsere Schule mit den Eltern kommuniziert, kam ein paar Tage vor der Einschulung. Betreff: "Wichtig: Religionsunterricht". Religion, hieß es darin, stelle die Schule vor Herausforderungen: Das Fach dürfe nur von entsprechend ausgebildeten Lehrkräften unterrichtet werden – und davon gebe es immer weniger. Evangelischer Religionsunterricht könne deshalb gar nicht angeboten werden. Katholische Kinder gingen in den Religionsunterricht, konfessionslose und andersgläubige Kinder ins Sozialkompetenztraining. Nur wenn Plätze frei blieben, dürften auch sie am katholischen Unterricht teilnehmen. Ich solle deshalb noch einmal bestätigen, ob mein Kind wirklich katholisch sei. 

Darunter, harmlos verpackt in einer kleinen Box: Teilnahme am katholischen Religionsunterricht – ja oder nein. Ich musste keine Sekunde überlegen. Ein Kreuzchen, fertig, absenden. Was ich in diesem Moment nicht ahnte: Diese wenigen Zeilen würden mich in den nächsten Tagen mehr beschäftigen als der gesamte Abfragebogen. 

"Warum glaubt der denn nicht an Gott?" 

Beim Abendessen erzählte ich meiner Familie beiläufig von der Abfrage. Mein Mann und ich kamen auf den Lehrermangel zu sprechen und darauf, wie erschreckend es ist, dass Schulen inzwischen selbst reguläre Fächer nicht mehr zuverlässig anbieten können. "Warum dürfen denn die anderen Kinder nicht in den Religionsunterricht?", fragte meine Tochter. Ich erklärte, so gut es eben ging, dass katholisch und evangelisch ein bisschen wie zwei Kinder im selben Schwimmverein seien: Beide gingen ins gleiche Schwimmbad mit dem Ziel eine Bahn zu schwimmen, aber die Schwimmart mache sie unterschiedlich. Das eine lernt Brustschwimmen, das andere Rücken. Das Ziel sei aber dasselbe.

Manche Familien, fügte ich hinzu, glaubten gar nicht an Gott. Meine Tochter legte die Gabel hin und schaute mich an, als hätte ich gerade etwas offensichtlich Falsches behauptet. "Glauben die dann auch nicht, dass es Menschen gibt?" Ich musste lachen: Für sie ist Gott genauso selbstverständlich da wie der Nachbar von nebenan.  

Die Arbeitsmappe eines Schülers für den katholischen Religionsunterricht
Bild: ©KNA/Elisabeth Schomaker

Die Arbeitsmappe eines Schülers liegt auf einem Pult beim katholischen Religionsunterricht. Auf dem Deckblatt sind christliche Symbole gezeichnet - ein Christusmonogramm, ein Kreuz, eine Kerze, Fischsymbole, sowie Regenbogen, Sonne und Herzen.

Der Einschulungsgottesdienst fand ein paar Tage später statt. Die ganze Klasse saß zusammen in den Bankreihen, quer durch alle Anmeldebögen: katholisch, evangelisch, ungetauft. Als der Moment für den Segen kam, traten alle Kinder gemeinsam nach vorne. Niemand fragte nach dem Kreuzchen aus der App. 

Ein Segen für alle

Ich aber musste, während ich die Kinder dort vorne stehen sah, wieder an die App-Abfrage denken. Dort waren sie voneinander getrennt worden. Hier standen sie einfach nebeneinander. Für die Kinder schien darin kein Widerspruch zu liegen. Ich frage mich seitdem, ob Kinder darin klüger sind als wir. Sie trennen nicht zwischen dem, was auf dem Papier steht. Vielleicht ist genau das die eigentliche Sozialkompetenz. 

Von Stefanie Heinrichs

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