Kardinal Marx: "Bin überhaupt nicht amtsmüde"
Kardinal Reinhard Marx (72), Erzbischof von München und Freising, ist nach eigenem Bekunden "überhaupt nicht amtsmüde". Dem "Münchner Merkur" (Donnerstag) sagte Marx: "Ich bin zwar jetzt ein älterer Herr und gehe gelegentlich am Stock. Aber es geht mir gut." Marx feiert am kommenden Montag seinen 73. Geburtstag und zugleich den 30. Jahrestag seiner Bischofsweihe.
2021 hatte der aus Westfalen stammende Kirchenmann Papst Franziskus unter dem Eindruck des Missbrauchsskandals seinen Amtsverzicht angeboten. Aber der damalige Papst lehnte ab.
Spätestens zu seinem 75. Geburtstag in zwei Jahren muss Marx entsprechend dem Kirchenrecht erneut seinen Rücktritt als Erzbischof einreichen. Das werde er auch tun, kündigte Marx im Interview mit dem "Münchner Merkur" an. Die Entscheidung darüber liege letztendlich aber wieder beim Papst.
Ruhestand in München
Seinen Ruhestand will der Erzbischof demnach in München verbringen. "Ihr werdet mich nicht los", sagte er. München sei der Ort, an dem er am längsten gelebt habe. "Hier bin ich gerne zuhause."
Seine Bischofsweihe 1996 verbindet Marx dem Interview zufolge im Rückblick vor allem mit einem Gefühl der Überforderung. Durch die symbolstarke Zeremonie habe er gespürt: "Das ist ein tiefer Einschnitt in deinem Leben." Rückenwind habe ihm gegeben, wie viele begeisterte Menschen damals zu dem Gottesdienst gekommen seien.
Der Kardinal berichtete auch von einer Erfahrung unlängst bei einem Gottesdienst auf der Kampenwand, einem Berg im Chiemgau. Eine Frau aus Hamburg habe ihm da gesagt: "Sie haben so schön gesprochen. Ich bin aus der katholischen Kirche ausgetreten, aber jetzt überlege ich mir das wieder." Das habe ihn angerührt. "Wenn das so ist, mache ich ein wenig weiter, solange Gott mir Kraft gibt."
Unter dem Eindruck des Missbrauchsskandals hatte Marx 2021 seinen Rücktritt angeboten.
Weiter sagte Marx, ohne das Christentum wäre die Demokratie, "wie wir sie heute verstehen", nicht entstanden. "Die biblische Botschaft hat etwas gebracht, was vorher so nicht da war: Alle Menschen haben die gleiche Würde, sind Bild Gottes, alle sind Geschwister."
Demokratie sei nicht nur ein technisches Verfahren, in dem Mehrheiten ermittelt und Macht auf Zeit zugeteilt werde, so Marx. "Sie braucht Engagement und Werte, Grundhaltungen von Respekt und Toleranz jedem Menschen gegenüber." Wenn eine Gesellschaft Gemeinwohl und Solidarität aus dem Auge verliere, sich in Eigeninteressen und Ansprüchen erschöpfe, sei sie "am Ende". Ohne die biblische Botschaft von der Nächstenliebe gelinge kein Zusammenleben, klängen Grundgesetz und freiheitlich-demokratische Grundordnung hohl.
"Respekt und Nächstenliebe bedeuten, dass ich Menschen, die krank, arm oder alt sind, nicht einfach an den Rand drängen kann nach dem Motto: Das ist jetzt nicht mein Problem. Oder dass ich Menschen nicht aufgrund ihrer Herkunft, Religion oder sexuellen Orientierung ausschließe."
Verschwörungstheorien führten in die Irre
Der Kardinal kritisierte, dass "von links und rechts" immer mehr die These aufgestellt werde, die Demokratien hätten sich in der jetzigen Form erledigt. "Manche glauben, wir bräuchten wieder mehr ideologische Ressourcen und landen dann in Verschwörungstheorien. Das führt in die Irre!" Zugleich zeigte sich Marx überzeugt: "Die Renaissance des Christentums wird kommen."
Patriotismus wolle er nicht der in Teilen rechtsextremen AfD überlassen. "Die AfD schürt das Misstrauen, indem sie etwa behauptet, sogenannte Eliten hätten das Vaterland verraten und müssten weg", führte er aus. "Ihre Protagonisten geben sich als die wahren Patrioten aus", fügte er hinzu. "Dagegen sollten wir gemeinsam das Gefühl stärken, dass man gerne hier lebt, stolz auf sein Land ist – und auch miteinander feiert und solidarisch zusammenlebt."
Am kommenden Montag ist ein Gottesdienst im Münchner Dom geplant. Danach gibt es eine Begegnung "bei Bier und Brezn" auf dem Domplatz. Zuvor richtet die Katholische Akademie in Bayern am Freitag und Samstag eine theologische Fachtagung mit Marx aus. Thema ist "Der synodale Bischof". Dabei geht es inhaltlich um eine Neubestimmung dessen, was Leitungsmacht in der katholischen Kirche bedeutet und wie Gläubige an Entscheidungen beteiligt werden können. (cph/KNA)
