Schwester Elisabeth Muche über das Sonntagsevangelium

Das Himmelreich ist kein Nullsummenspiel

Veröffentlicht am 19.09.2026 um 09:30 Uhr – Von Schwester Elisabeth Muche – Lesedauer: 
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München ‐ Im Sonntagsevangelium fühlen sich die Arbeiter im Weinberg vom Gutsherrn ungerecht behandelt. Schwester Elisabeth Muche legt den psychologischen Denkfehler dahinter frei – und hat einen biblischen Trick dagegen.

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In manchen Dingen sind wir einfach schlecht: Wahrscheinlichkeiten berechnen zum Beispiel, Vorhersagen treffen, valide urteilen. Wenn ein Pullover von 200 Euro auf 100 Euro reduziert ist, werde ich es für einen guten Deal halten, unabhängig vom Wert des Pullovers (Ankereffekt). Und wenn ich auf dem Weg zum Flughafen von einem Flugzeugabsturz erfahre, werde ich mich deutlich unwohler fühlen als in dem Moment, in dem ich das Ticket kaufte (Verfügbarkeitsheuristik).

Unsere innere Statistik ist emotionsgeleitet – auch wenn wir selbst meinen rational zu urteilen. Die Psychologie spricht bei diesen Phänomenen von kognitiver Verzerrung. Es handelt sich um eine Eigenart des menschlichen Denkens. Zum Überleben hilft uns dieses automatische Urteilen, das schnell ist und unpräzise.

Das Evangelium ist jedoch nicht auf Überleben ausgelegt. Sondern auf Leben. Jesus zerlegt in seinen Gleichnissen genussvoll so manchen Denkfehler. So auch im heutigen Sonntagsevangelium.

Da haben welche mit dem Gutsherrn am Morgen ihren Tageslohn vereinbart: einen Denar. Sie hielten das für eine faire Bezahlung und – noch wichtiger – ausreichend für ihren Lebensvollzug. Dann stehen da am Ende des Tages Taugenichtse neben ihnen, die genauso viel erhalten. Unvermittelt stellt sich bei ersteren das Gefühl ein: Ich habe hier gerade etwas verloren.

Sozialpsychologen sprechen vom "Zero Sum Belief": Wenn jemand anderem etwas zugesprochen wird (Ressourcen, Aufmerksamkeit, Rederecht, Gendersternchen), entsteht bei mir automatisch der Eindruck, etwas zu verlieren. Wenn andere Menschen Sozialleistungen erhalten, bleibt logischerweise weniger für mich übrig. Wenn Gruppen, die neu hinzukommen oder sich neu definieren, ein Platz in unserer Gesellschaft zugesprochen wird, bleibt weniger Platz für mich.

Sowohl bei Ressourcen als auch bei Identitätskonflikten, lassen sich diese Schlussfolgerung nur schwer durch Realität belegen. Ein Denkfehler bleibt ein Denkfehler. Ein Denar bleibt ein Denar.

"Mit dem Himmelreich ist es wie …" – wie mit einem, der gibt, so dass alle genug haben: "Ich will dem Letzten ebenso viel geben wie dir." Punkt. Gott ist souverän, die einzig absolut-gebend-souveräne Instanz. Eigentlich wäre es ganz einfach: Wir denkverzerrten Menschen könnten uns über die Gaben des Gebenden freuen – aneinander und füreinander. Und Ringen doch darum. Ein Trick legt die ganze Bibel, das ganze Evangelium nahe. Das "Sich-Erinnern" – gar nicht weit, gar nicht bis in ewige Vorzeiten, nur ein paar Zeilen vor dem Skandal. Denn: Diejenigen, die sich gerade betrogen fühlen, die hat der Gutbesitzer zuerst gesehen. Und geliebt.

Von Schwester Elisabeth Muche

Evangelium nach Matthäus (Mt 20, 1–16)

In jener Zeit erzählte Jesus seinen Jüngern das folgende Gleichnis: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Gutsbesitzer, der früh am Morgen hinausging, um Arbeiter für seinen Weinberg anzuwerben. Er einigte sich mit den Arbeitern auf einen Denár für den Tag und schickte sie in seinen Weinberg. Um die dritte Stunde ging er wieder hinaus und sah andere auf dem Markt stehen, die keine Arbeit hatten. Er sagte zu ihnen: Geht auch ihr in meinen Weinberg! Ich werde euch geben, was recht ist. Und sie gingen.

Um die sechste und um die neunte Stunde ging der Gutsherr wieder hinaus und machte es ebenso. Als er um die elfte Stunde noch einmal hinausging, traf er wieder einige, die dort standen. Er sagte zu ihnen: Was steht ihr hier den ganzen Tag untätig? Sie antworteten: Niemand hat uns angeworben. Da sagte er zu ihnen: Geht auch ihr in meinen Weinberg! Als es nun Abend geworden war, sagte der Besitzer des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und zahl ihnen den Lohn aus, angefangen bei den Letzten,
bis hin zu den Ersten! 

Da kamen die Männer, die er um die elfte Stunde angeworben hatte, und jeder erhielt einen Denár. Als dann die Ersten kamen, glaubten sie, mehr zu bekommen. Aber auch sie erhielten einen Denár. Als sie ihn erhielten, murrten sie über den Gutsherrn und sagten: Diese Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet und du hast sie uns gleichgestellt. Wir aber haben die Last des Tages und die Hitze ertragen. Da erwiderte er einem von ihnen: Freund, dir geschieht kein Unrecht. Hast du nicht einen Denár mit mir vereinbart? Nimm dein Geld und geh! Ich will dem Letzten ebenso viel geben wie dir. Darf ich mit dem, was mir gehört, nicht tun, was ich will? Oder ist dein Auge böse, weil ich gut bin? So werden die Letzten Erste sein und die Ersten Letzte.

Die Autorin

Schwester Elisabeth Muche gehört zur Kongregation der Helferinnen, ist in der Geistlichen Begleitung tätig und arbeitet als Psychotherapeutin in Berlin.

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