Akkordeon-spielender Geistlicher

Priester Stefan Dybowski und seine Freundin Moni

Veröffentlicht am 12.10.2026 um 00:01 Uhr – Von Steffen Zimmermann – Lesedauer: 

Berlin ‐ Seit seinem zehnten Lebensjahr spielt Priester Stefan Dybowski Akkordeon. Seine Moni, wie er das Instrument liebevoll nennt, ist fast immer dabei: bei Feiern, in persönlichen Momenten – und sogar in Gottesdiensten.

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Wenn Prälat Stefan Dybowski Lust auf einen kleinen Schabernack hat, kündigt er vor Veranstaltungen manchmal an: "Ich bringe nachher meine Freundin mit." Und wenn Menschen, die ihn noch nicht kennen, dann irritiert schauen und fragen "Wie, ein Priester hat eine Freundin?", dann antwortet er mit einem Lächeln: "Ja, und sie gibt sogar schöne Töne von sich, wenn man sie drückt."

Die Freundin, von der der 72-Jährige in solchen Momenten spricht, heißt Moni und ist – sein Akkordeon. Den Namen für das Instrument haben einst Zuhörer von Dybowski geprägt, als Kurzform von Ziehharmonika. Und er hat ihn gerne übernommen. Denn der liebevolle Spitzname beschreibt gut Dybowskis innige Beziehung zu seinem Instrument. Für den Priester, der im Erzbischöflichen Ordinariat in Berlin den Bereich Orden & Geistliche Gemeinschaften leitet, ist das Akkordeon nicht einfach nur ein Musikinstrument, das irgendwo im Schrank steht und gelegentlich hervorgeholt wird. Im Gegenteil: Es begleitet ihn seit mehr als sechs Jahrzehnten und wird bis heute intensiv von ihm gespielt.

"Instrument des Jahres"

2026 steht das Instrument besonders im Rampenlicht: Die deutschen Landesmusikräte haben das Akkordeon zum "Instrument des Jahres" gekürt. Die 2008 – damals mit der Klarinette – ins Leben gerufene Aktion soll jeweils ein Kalenderjahr lang ein Instrument und die Vielfalt seiner Ausdrucksformen in den Mittelpunkt rücken und den Blick der Öffentlichkeit auf das musikalische Leben lenken.

Das Akkordeon ist dafür ein besonders geeignetes Instrument. Die Landesmusikräte beschreiben es als musikalischen "Weltenbummler": Ob im argentinischen Tango, in der französischen Musette, in osteuropäischen Volksweisen oder der deutschen Volksmusik – das Akkordeon prägt den Klang ganzer Kulturen. Seit seiner Patentierung durch den Wiener Instrumentenbauer Cyrill Demian im Jahr 1829 hat es sich von einem kleinen Handzuginstrument zu einem international verbreiteten und äußerst vielseitigen Instrument entwickelt, das allein in Deutschland von rund 100.000 Menschen gespielt wird.

„Ich liebe das Akkordeon und empfinde die Auszeichnung allein deshalb als absolut verdient.“

—  Zitat: Stefan Dybowski

Stefan Dybowski ist einer von ihnen – und er braucht keine hochtrabenden kulturpolitischen Argumente, um die Auszeichnung als "Instrument des Jahres" zu rechtfertigen. Seine Begründung ist viel einfacher und persönlicher: "Ich liebe das Akkordeon und empfinde die Auszeichnung allein deshalb als absolut verdient", sagt der Geistliche beim Besuch von katholisch.de in seinem Büro im Ordinariat.

Angefangen hat diese Liebe an Dybowskis zehntem Geburtstag. In der Grundschule hatte eine Lehrerin kurz zuvor bei einem Elternabend mit seinen Eltern über Musik gesprochen. Sie hielt den kleinen Stefan für musikalisch und schlug vor, er solle am besten ein Instrument lernen. Die Lehrerin dachte zunächst an die Flöte. "Da hat mein Vater allerdings das Gesicht verzogen. Flöte, das war nicht so seins", erzählt Dybowski. Die Lehrerin reagierte pragmatisch: "Dann schlagen Sie doch ein anderes Instrument vor", sagte sie zu Dybowskis Vater. Und der antwortete wie aus der Pistole geschossen: "Akkordeon."

"Von Anfang an war das mein Instrument"

Doch warum? Das wusste Dybowski lange Zeit selbst nicht. Erst später habe sein Vater von seinen Erfahrungen als Soldat im Zweiten Weltkrieg erzählt. "Vor allem in Russland hat er schwere Zeiten durchgemacht", erzählt Dybowski. In schwierigen Situationen habe es an der Front manchmal jemanden gegeben, der ein Instrument gespielt habe. "Und da gab es wohl auch Kameraden, die Akkordeon spielten. Mein Vater hat später gesagt, diese Musik sei wie Balsam für die Seele gewesen." Wahrscheinlich, vermutet Dybowski, hat sich diese Erfahrung seinem Vater tief in die Seele eingebrannt. Jedenfalls bekam sein Sohn zu seinem zehnten Geburtstag tatsächlich ein Akkordeon geschenkt. Und es dauerte nicht lange, bis klar war, dass das die richtige Entscheidung gewesen war.

Dybowski hat im Dezember Geburtstag und schon an Weihnachten konnte er mehrere Weihnachtslieder spielen. "Von Anfang an war das mein Instrument", sagt er. "Ich habe es gleich geliebt." Heute, mehr als 60 Jahre später, erzählt er von seinem Akkordeon nicht mit der Distanz eines Musikers, der ein Instrument beherrscht. Vielmehr klingt es so, als habe er mit seiner Moni tatsächlich eine treue Freundin fürs Leben gefunden.

Bild: ©IMAGO / Funke Foto Services

Das Akkordeon kann etwas, das Dybowski als Seelsorger wichtig ist: Es schafft unmittelbar Kontakt zu den Menschen.

Das hat laut Dybowski auch einen ganz praktischen Grund. "Ich kann sie überall hin mitnehmen", erzählt der Geistliche. Natürlich sei ein Akkordeon schwer. Aber es passt – anders als ein Klavier oder eine Orgel – ins Auto. Und dann ist da die Vielseitigkeit. Auf dem Akkordeon könne man "alles Mögliche" spielen: Wanderlieder und Volkslieder, Schlager und Filmmusik. Genau diese Bandbreite macht für Dybowski einen Teil des Reizes aus.

Das Akkordeon kann zudem etwas, das Dybowski als Seelsorger wichtig ist: Es schafft unmittelbar Kontakt zu den Menschen. Welche Musik gerade passt, hängt für ihn von der jeweiligen Situation ab, nicht so sehr vom Ort. Er spielt das Instrument bei Fortbildungen und Exerzitien, bei geselligen Abenden, auf Reisen – und sogar im Gottesdienst. Als er damit begann, sorgte das zunächst jedoch für Irritationen.

"Der Dybo kommt mit seiner Moni"

Besonders ältere Menschen und einige Mitbrüder seien skeptisch gewesen. "Wir hatten damals im Erzbistum einen Weihbischof, der ein großer Liturgiker war und mit dem ich mich gut verstanden habe", erzählt Dybowski. Als er eines Tages jedoch in einem Gottesdienst in Anwesenheit des Weihbischofs das Akkordeon rausgeholt habe, habe dieser wenig begeistert geguckt. "Für ihn passte das nicht. Priester und Akkordeonspieler – das waren zwei Rollen, die für ihn nicht kompatibel waren." Erschwerend kam wohl hinzu, dass Dybowski zuvor am Altar das Messgewand abgelegt hatte. "Das war nötig, weil ich sonst das Akkordeon nicht richtig hätte halten können. Das Messgewand war zu dick, und ich wäre sonst nicht so gut in die Haltegriffe des Akkordeons gekommen."

Irgendwann aber wurde das Akkordeon als Dybowskis Begleiterin zur Selbstverständlichkeit. Aus der anfänglichen Verwunderung wurde beinahe schon Erwartung. "Der Dybo kommt mit seiner Moni", hieß es. Und wenn er ausnahmsweise doch mal ohne sein Instrument bei einem Gottesdienst oder einer anderen Veranstaltung erschien, wurde nachgefragt: "Wie, haben Sie Ihre Freundin nicht mitgebracht?"

„Für mich ist das Akkordeon auch ein Medium, mit dem ich meine Gefühle ausdrücken kann.“

—  Zitat: Stefan Dybowski

Aber passt ein Akkordeon überhaupt in die Liturgie? Für den leidenschaftlichen Priester Dybowski ist die Antwort klar: Er wolle den Menschen im Gottesdienst etwas mitgeben, ihnen eine "frohmachende Botschaft" verkünden. Das geschehe durch Worte – aber eben nicht ausschließlich. "Es gibt auch viele andere Dinge, die dazugehören, um Menschen froh zu machen", sagt er. "Und eines ist für mich eben die Musik."

Eines seiner schönsten Erlebnisse mit dem Akkordeon in einem Gottesdienst sei eine Taufe gewesen, erzählt Dybowski. Der Täufling, ein kleines Mädchen, habe schon bald nach Beginn der Feier laut zu weinen begonnen. "Ich habe die Eltern fragend angeschaut. Die aber kannten ihre Tochter offenbar gut und sagten sinngemäß: 'Machen Sie ruhig weiter. Wenn sie brüllt, kann das lange dauern'." Zum Abschluss der Taufe hatten sich die Eltern dann ein Segenslied mit Akkordeon gewünscht. "Ich habe nur drei oder vier Noten gespielt – dann wurde das Kind still", erinnert er sich. Das Mädchen habe nach der Quelle der Musik gesucht und schließlich seinen Kopf friedlich an die Schulter seiner Mutter gelegt. "Ich glaube, ich hätte noch 20 Strophen spielen können, das Kind war ganz selig", sagt Dybowski lachend.

Wie eine gute Freundin, die zuhört

Doch auch in dunklen Momenten kann das manchmal spöttisch als "Schifferklavier" oder "Quetschkommode" bezeichnete Instrument laut Dybowski ein Kraftspender sein. Beispielhaft nennt er den Moment, als er das erste Mal auf einer Beerdigung spielte. "Das hatte ich bis dahin noch nie getan. Doch dann bat mich eine Mitarbeiterin des Caritasverbandes, bei der Beerdigung ihres Mannes zu musizieren, der auf tragische Weise ums Leben gekommen war." Dybowski entschied sich für ein Lied, das ihm selbst viel bedeutet: "Ich möchte, dass einer mit mir geht, der's Leben kennt, der mich versteht, der mich zu allen Zeiten kann geleiten." Er sang und spielte es, "mehr oder weniger fast anstelle einer Predigt" – ein Moment, der ihm nachdrücklich in Erinnerung geblieben ist.

Manchmal spielt Dybowski auch ganz für sich allein. "Für mich ist das Akkordeon auch ein Medium, mit dem ich meine Gefühle ausdrücken kann", sagt er. Ob an guten oder schlechten Tagen – mitunter nimmt er am Abend das Instrument nochmal zur Hand und spielt etwas, das seine Seele widerspiegelt. In diesen Momenten drückt er seine Moni besonders liebevoll und freut sich über die schönen Töne, die sie von sich gibt. Sie ist dann tatsächlich wie eine gute Freundin, die ihm zuhört.

Von Steffen Zimmermann