Der 19. September ist einer von drei Terminen

Das Zeichen, auf das Neapel wartet: Das Blutwunder von San Gennaro

Veröffentlicht am 19.09.2026 um 00:01 Uhr – Von Matthias Altmann – Lesedauer: 

Bonn ‐ Wenn das Blut von San Gennaro fließt, atmet Neapel auf. Seit Jahrhunderten verbindet die Stadt am Vesuv damit Hoffnung auf Schutz – auch wenn es längst fundierte wissenschaftliche Erklärungsversuche für das Phänomen gibt.

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In Neapel passieren Dinge nicht einfach so. Läuft etwas schief, wird in der süditalienischen Metropole gleich das große Ganze in Frage gestellt. Frei nach dem Motto: Kann ja nichts Gutes bedeuten. In einer Stadt, deren Existenz angesichts der Lage am Vesuv – einem aktiven Vulkan, der jederzeit ausbrechen kann – seit jeher am seidenen Faden hängt, ist man eben hellhörig geworden im Laufe der Jahrhunderte. Um mit dieser ständigen Unsicherheit umzugehen, entwickelte die Bevölkerung ihre eigenen Schutzmechanismen und gab sie an die nächsten Generationen weiter. Mögen Kritiker diese Mischung aus Katholizismus und anderen Riten auch Aberglaube nennen – für die neapolitanische Identität ist sie zentral.

Einer, der diesen Schutz garantieren soll, ist der heilige Januarius, "San Gennaro" auf Italienisch. Der um 305 gestorbene Bischof und Märtyrer ist der Schutzpatron von Neapel. Drei Tage im Jahr schauen die Bewohner besonders auf ihn: am Samstag vor dem ersten Mai-Sonntag, am 16. Dezember – und vor allem am 19. September, wenn sein Gedenktag gefeiert wird. Zu diesen Terminen wartet die Stadt gespannt darauf, ob das Blut des Heiligen wieder flüssig wird. Wenn ja, muss man sich keine Sorgen machen, weil Gennaros Segen noch auf der Stadt ruht, heißt es. Wenn nicht, meint man in Neapel, sich erneut auf schwere Zeiten einstellen zu müssen.

Großes Medieninteresse

Der Glaube an sogenannte Blutwunder entwickelte sich im Mittelalter und gilt als Ausdruck der katholischen Volksfrömmigkeit. Es handelt sich um blutungsähnliche Erscheinungen an konsekrierten Hostien, Bildern und Reliquien von Jesus Christus und Heiligen sowie Wiederverflüssigungen – wie eben bei San Gennaro. Das neapolitanische Blutwunder gehört zu den traditionsreichsten derartigen Ereignissen nicht nur Italiens, sondern Europas. Kritische Anfragen und wissenschaftliche Erklärungen für das Phänomen taten dem Kult kaum einen Abbruch. Selbst säkulare Medien berichten zu den genannten Terminen darüber.

In Kurzform erzählt, läuft das Ritual so ab: Während einer Festmesse holt der Erzbischof von Neapel aus der Schatzkapelle der Kathedrale ein Gefäß mit einer Ampulle, die eine getrocknete Substanz enthält, die als Blut des Heiligen verehrt wird. Vorsichtig wird dieses am Hochaltar hin und her bewegt und in der Luft gedreht. Nach einigen Minuten wird die dunkelrote Masse flüssig – oder eben nicht. Letzteres war im Lauf der Jahrhunderte allerdings die deutliche Ausnahme.

Reliquienschrein und Reliquiar mit der Blutampulle des Heiligen Januarius am 19. September 2016 beim Fest des Sankt Januarius (italienisch "San Gennaro") im Dom von Neapel.
Bild: ©KNA (Archivbild)

Das Reliquiar mit der Blutampulle des heiligen Gennaro. Wird das Blut flüssig, gilt das in Neapel als gutes Omen.

Über das Leben des Heiligen selbst ist nicht allzu viel bekannt. Januarius war wohl Bischof von Neapel. Wahrscheinlich starb gemeinsam mit seinen Gefährten während der Christenverfolgung unter Kaiser Diokletian. Die Legende erzählt, dass er sich um die gefangenen Christen kümmerte. Die römischen Autoritäten ließen ihn deshalb in einen Ofen werfen, um ihn zu verbrennen – doch die Flammen konnten ihm nichts anhaben. So ließ man ihn schließlich enthaupten. Kurz nach der Vollstreckung soll eine Frau das Blut des Märtyrers in einer Ampulle aufgefangen und aufbewahrt haben. Nachdem seine Gebeine im fünften Jahrhundert nach Neapel gebracht worden waren – daran erinnert der Samstag vor dem ersten Mai-Sonntag –, machten sie in den kommenden Jahren eine kleine Rundreise durch die Region, ehe sie Ende des 15. Jahrhunderts wieder in die Stadt am Fuße des Vesuvs gelangten. Damals war das Blutwunder schon mehr als 100 Jahre bekannt: Seit 1389 ist es bezeugt.

Der Kult um San Gennaro verankerte sich fest im Leben der Neapolitaner. Die Verbindung zu ihrem Schutzpatron ist bis heute ungebrochen. Die Verehrung verbindet sich mit der Vorstellung, dass der Heilige Neapel in Zeiten von Krieg, Seuchen und Naturkatastrophen beisteht. So ist es keine Überraschung, dass die Geschichte des Kultes besonders eng mit dem Vesuv verbunden ist. Der Termin am 16. Dezember erinnert an das Jahr 1631, als ein Vulkanausbruch der Überlieferung nach durch die Fürsprache des Heiligen verhindert wurde.

Straßenfeste

Jedes Mal pilgern die Neapolitaner aufs Neue zum Dom, um die Verflüssigung des Blutes zu sehen. Gerade im Vorfeld des Gedenktags am 19. September und an ihm selbst finden Prozessionen statt, bei denen Reliquien und die Silberbüste des Heiligen durch die historischen Gassen der Altstadt getragen werden. Begleitet wird dies von großen Straßenfesten. Der Dom und sein Vorplatz sind zu den Gottesdiensten brechend voll – tritt das Wunder ein, brandet großer Jubel aus; auf dem Domplatz werden Böllerschüsse abgefeuert.

Dass ein Ausbleiben des Blutwunders als schlechtes Omen gedeutet wird, lässt sich aus der Stadtgeschichte nachvollziehen: Während der Pest im 16. Jahrhundert, beim Choleraausbruch 1973, und 1980, als ein Erdbeben die Stadt erschütterte, verflüssigte sich das Blut nicht. Zuletzt blieb das Wunder während der Hochphase der Corona-Pandemie in den Jahren 2020 und 2021 aus. In früheren Zeiten konnte es für einen Erzbischof sogar gefährlich werden, wenn sich das Wunder nicht einstellte. So soll vor vielen Jahren einer von den Neapolitanern deshalb regelrecht verprügelt worden sein.

Bild: ©KNA/Adelaide Di Nunzio (Archivbild)

Gläubige und Pilger vor dem Dom von Neapel auf die Verkündigung des Blutwunders.

Manchmal hat das Wunder von San Gennaro allerdings auch "Ausreißer": In den letzten 400 Jahren wurden zusätzlich noch rund 80 weitere Verflüssigungen des Blutes in der Ampulle gezählt. Das passiert offenbar gerne dann, wenn Päpste nach Neapel kommen. Zuletzt war dies am 8. Mai dieses Jahres der Fall, als Papst Leo XIV. – am ersten Jahrestag seiner Papstwahl – die Kathedrale besuchte. Überliefert ist zudem eine Verflüssigung beim Besuch von Pius IX. im Jahr 1848. Papst Franziskus erlebte 2015 eine teilweise Verflüssigung.

Was ist nun mit den Erklärungsversuchen für dieses Phänomen? Wissenschaftler gehen davon aus, dass es sich bei dem angeblichen Märtyrerblut um einen Stoff handelt, der erst durch Bewegung zu fließen beginnt – etwa durch wiederholtes Drehen oder Schütteln während der Liturgie. In der physikalischen Fließkunde nennt man diese Eigenschaft Thixotropie.

Keine offizielle Anerkennung

Doch um das endgültig zu klären, müsste man die Substanz in der Ampulle untersuchen. Da die Kirche das auf absehbare Zeit vermutlich nicht gestattet, wird die finale Lösung des Rätsels um das Blutwunder von San Gennaro vermutlich noch lange ausbleiben. Doch ohnehin gilt: Auch wenn die Kirche den tiefen Volksglauben, der um den Heiligen entstanden ist, akzeptiert und ihn seit jeher mit großer Selbstverständlichkeit begleitet – offiziell als Wunder anerkannt wurde das Phänomen nie. Dafür könnte es bald eine andere Art der Bestätigung geben: als immaterielles Unesco-Kulturerbe. Der entsprechende Antrag wurde 2022 eingereicht.

Ob nun echtes Wunder oder nicht, scheint für die Neapolitaner sowieso nicht ganz so entscheidend zu sein. In der Ampulle mit der Substanz, die sich verflüssigen kann oder nicht, verdichten sich die Erinnerungen an Jahrhunderte einer Stadtgeschichte voller Katastrophen, Ängste und Hoffnungen – und die Sehnsucht nach einem Schutz, auf den Verlass ist. Als es am 2. Mai dieses Jahres "turnusmäßig" zu einer Verflüssigung kam, erinnerte der Erzbischof von Neapel, Kardinal Domenico Battaglia, die Gläubigen an die Botschaft, die darüber hinaus von San Gennaro ausgehen kann: "Vertraue auf das Evangelium, stelle dich in den Dienst der Menschen und gehe deinen Weg, indem du alles auf die treue Liebe Gottes setzt."

Von Matthias Altmann