An ihr scheiden sich die Geister

Einsiedelei Mariental: Spezieller Glaubensort vor ungewisser Zukunft

Veröffentlicht am 20.09.2026 um 00:01 Uhr – Von Christopher Beschnitt (KNA) – Lesedauer: 

Breitenbrunn ‐ Abgelegen im Allgäuer Wald steht die Einsiedelei Mariental. Erbaut hat sie ein inzwischen gestorbener Eremit. Der Ort hat Fans wie Gegner – und neuerdings einen anderen Besitzer. Wie geht es mit dem Areal nun weiter?

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Ist es schön hier oder schaurig? Darüber gehen die Meinungen auseinander, wenn man sich durch das Netz klickt und Bewertungen von Menschen liest, die die Einsiedelei Mariental im Allgäu besucht haben. "Schon schräg", heißt es da zum Beispiel, "spukig, aber sehenswert", "ein besonderer Ort". Zumindest auf Letzteres dürften sich alle einigen können. Denn ungewöhnlich sind sie allemal, Chronik und Charakter des Marientals.

Die Einsiedelei befindet sich tief im Wald in der Nähe des zur Gemeinde Breitenbrunn zählenden Wallfahrtsweilers Maria Baumgärtle im bayerisch-schwäbischen Unterallgäu. Das etwa ein Hektar große Gelände setzt sich aus einem Ensemble aus mehr als drei Dutzend Hütten sowie einer Kirche samt Kapellen, Mariengrotte und weiteren Gebetsstätten zusammen; alles aus Holz, verbunden durch ein Wegenetz aus Steinplatten.

Überall stehen und hängen Kreuze, Engel und Madonnen, außerdem Bibelsprüche. Die Bäume ringsherum schlucken viel Licht und praktisch allen Lärm der fernen Zivilisation. Ein herabfallender Tannenzapfen macht geradezu Krach, so still ist es hier.

Über Jahrzehnte hinweg erbaut

Erbaut hat die Siedlung ab den 1980ern über Jahrzehnte hinweg Heinrich Maucher, ein für seine Frömmigkeit bekannter Landwirt aus der Region. Er schuf die Einsiedelei als spirituellen Rückzugsort, wohnte dort ohne Strom und fließendes Wasser, von einem Bach einmal abgesehen.

In der Gegend wurde der Eremit als barfuß laufender "Waldmensch" bekannt, mit Kutte, Rauschebart und Kruzifixkette um den Hals. Er hortete in seiner Einsiedelei riesige Vorräte an Lebensmitteln, um Leuten im Fall der von ihm erwarteten Apokalypse Zuflucht bieten zu können.

An der Fassade einer Holzhütte hängen zahlreiche Devotionalien in der Einsiedelei Mariental
Bild: ©KNA/Christopher Beschnitt

Der Landwirt Heinrich Maucher baute die Siedlung selbst. Seit seinem Tod 2020 verfällt das Gelände zunehmend. Eine Baugenehmigung fehlt.

Maucher lebte von 1941 bis 2020. Seit seinem Tod verfällt das Gelände allmählich. Hinzu kommt: Der Siedlung fehlt die Baugenehmigung. Das Landratsamt Unterallgäu hat daher eine Beseitigungsanordnung herausgegeben. Gesetzte Fristen verstrichen allerdings mehrfach, ohne dass außer Einzelmaßnahmen wie der Entfernung maroder Brücken Grundlegendes geschehen wäre.

Früher gab es für die Verzögerung Umweltschutzgründe, jetzt verweist die Behörde auf einen Besitzerwechsel. Die Stiftung Mutter Maria Stieren, der Maucher die Einsiedelei einst vermacht hatte, hat das Areal jüngst an eine Privatperson abgegeben, wie das Amt erklärt. Die Stiftung mit Sitz im badischen Albbruck ist nach einer katholischen Ordensfrau aus Oberbayern benannt und karitativ in Afrika engagiert. Medienberichten zufolge bezeichnete sie Mauchers Erbe in der Vergangenheit als Last.

Neuer Besitzer will sich nicht äußern

Diese ist ihr nun genommen worden, und zwar von einer Person aus dem Umfeld einer Initiative, die sich zum Erhalt des Marientals gegründet hat. Das bestätigt Carolin Längst, die Koordinatorin dieser Gruppe. Zu den Konditionen – Kauf oder Schenkung – macht sie keine Angaben, ebenso wenig wie zur Identität des neuen Besitzers. Dieser wolle sich nicht äußern.

Man sei aber hoffnungsfroh, die Einsiedelei nun als öffentlich zugänglichen Ort der Begegnung, des Friedens und des stillen Gebets bewahren zu können, so Längst. Dazu solle es Gespräche mit dem Landratsamt geben. Das Mariental sei ein trost- und kraftspendender Pilgerraum für viele Menschen. "Solche kraftspendenden Plätze des Rückzugs braucht die Menschheit mehr denn je."

Auf einen konstruktiven Austausch mit dem neuen Besitzer setzt nach eigenem Bekunden auch die Behörde. Eine neue Frist für die Rückbauanordnung gebe es nicht.

Kleine Kapelle mit Grotte in der Einsiedelei Mariental
Bild: ©KNA/Christopher Beschnitt

Auf dem Geländer der Einsiedelei gibt es eine kleine Kapelle mit einer Mariengrotte. Diese findet der örtliche Pfarrer erhaltenswert. "Auch als Gedenkort für den Heini, wie man ihn hier nannte. Der gehört ja schon zu unsrer Gegend dazu."

Es sieht fürs Erste also so aus, als ob das Mariental von Abrissbaggern verschont bliebe. Das dürfte vor Ort gar nicht mal jeden freuen. Ältere Medienberichte zitieren Menschen aus der Umgebung, die kritisieren, dass die Anlage zu viele Schaulustige anziehe, die Müll hinterließen und ihre Autos teils verbotenerweise im Wald parkten, dadurch Wirtschaftswege versperrten und das Wild verschreckten.

Auch der örtliche katholische Pfarrer Josef Beyrer steht dem Mariental kritisch gegenüber. Heinrich Maucher sei schon "eine schräge Type" gewesen, sagt der Leiter der Pfarreiengemeinschaft Pfaffenhausen. "Sicher persönlich fromm, aber nicht auf ausgewogene Weise. Von der Frömmigkeit her war's bei ihm überzogen", meint der Geistliche.

"Pseudo-Wallfahrten" ins Mariental

Maucher habe sich vermeintliche Offenbarungen selbst eingeredet. Beyrer spricht zudem von "Pseudo-Wallfahrten" ins Mariental. "Für viele Leute ist das schlicht ein Neugierde-Ort." Wirkliche Seelsorge werde nebenan im echten Wallfahrtsort Maria Baumgärtle geleistet.

Beyrer findet dennoch einen Teil der Einsiedelei erhaltenswert. "Nicht die Hütten, die größtenteils ziemlich heruntergekommen sind. Aber die Mariengrotte doch. Auch als Gedenkort für den Heini, wie man ihn hier nannte. Der gehört ja schon zu unsrer Gegend dazu."

Der Pfarrer verweist zudem auf die unzähligen Grabkreuze, die von Hinterbliebenen im Mariental aufgestellt wurden. "Da zeigt sich gewissermaßen eine Marktlücke: Diese Kreuze werden normalerweise ja nach der Beerdigung abgeräumt." Doch viele Menschen wollten sie offenbar erhalten. Darüber, so regt Beyerer an, sollte man kirchlicherseits einmal nachdenken.

Von Christopher Beschnitt (KNA)