Religionsvertreter nach Wahl in Mecklenburg-Vorpommern besorgt
Mit Besorgnis haben die Vertreter der großen Religionsgemeinschaften in Mecklenburg-Vorpommern das Wahlergebnis aufgenommen. "Die Landtagswahl ist ein Appell an die Politik und alle gesellschaftlichen Institutionen, auch an uns Religionsgemeinschaften", erklärten die Vertreter von Christen, Juden und Muslimen in der Nacht von Sonntag auf Montag. "Es kommt jetzt darauf an, die erkennbaren Sorgen und Nöte der Menschen wahrzunehmen."
Am Wahlabend blieb lange Zeit offen, wie sich der künftige Landtag in Schwerin zusammensetzen würde: Unklar war vor allem, ob es CDU und BSW über die Fünfprozenthürde schaffen würden. Laut vorläufigem Wahlergebnis ist die AfD mit 38,2 Prozent Wahlsieger. Zweitstärkste Kraft wurde die SPD mit 35,5 Prozent. Dahinter folgen die Linkspartei mit 6,5 Prozent und die Grünen mit 5,7 Prozent. Die CDU mit 4,9 Prozent und die FDP mit 1,0 Prozent schieden aus dem Landtag aus; das BSW verpasste mit 4,8 Prozent den Einzug.
Eine demokratische Regierungsbildung sei möglich, betonte die Landesbischöfin der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland, Kristina Kühnbaum-Schmidt. "Das ist ein wichtiges Zeichen für Menschenwürde, Menschenrechte und gesellschaftlichen Zusammenhalt." Zugleich sei die AfD stärkste Kraft geworden, fügte die Landesbischöfin hinzu. "Es muss die Politik und uns alle als Gesellschaft dringlicher denn je beschäftigen, wenn Wählerinnen und Wähler auf diese Weise Sorgen und Protest zum Ausdruck bringen. Als Kirche stehen wir weiterhin klar und entschieden für eine demokratische Kultur, die Minderheiten schützt und Nächstenliebe lebt." Ähnlich äußerte sich der Bischof im Sprengel Mecklenburg und Pommern der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland, Tilman Jeremias. "Ich wünsche mir, dass aus dieser schwierigen Konstellation neuer Mut entsteht, miteinander zu sprechen und Zukunft zu gestalten – für ein Mecklenburg-Vorpommern, das Halt gibt und Zuversicht stärkt."
Heße: Gute Koalition bilden
Auch der Hamburger Erzbischof Stefan Heße sagte, es komme jetzt darauf an, "eine gute Koalition zu bilden und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken". Kirche habe die Aufgabe, Räume für Begegnung und Verständigung zu öffnen. "Das machen wir gerne mit Herz und Haltung für Demokratie und Nächstenliebe." Heßes Berliner Amtsbruder Heiner Koch unterstrich: "Unsere demokratische Gesellschaft lebt davon, dass wir aufeinander zugehen, füreinander Verantwortung übernehmen und miteinander Lösungen suchen."
Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) rief nach der Wahl zu Menschenliebe auf. "Jetzt müssen überall demokratische Bündnisse entstehen", sagte ZdK-Präsidentin Irme Stetter-Karp am Montag in Berlin. Angesichts des Erfolgs der AfD in mehreren Bundesländern sprach sie von einem "gesamtdeutschen Problem" und forderte ein "Stoppschild für den großen Ausgrenzungsplan der AfD". Die rechtspopulistische Partei habe sich die Sorgen und Nöte vieler Menschen erfolgreich zunutze gemacht. Ihre Antwort auf politische Herausforderungen sei allerdings inakzeptabel. Auch in Zeiten von Veränderungen müssten Demokratie und Menschlichkeit oberste Priorität haben, erklärte Stetter-Karp. "Wenn nicht, wird das Klima schnell vergiftet durch Missmut und Ausgrenzung, durch Hass und Hetze." Die Kirchen müssten jetzt alles tun, um Raum für Begegnung, Debatte und gelebte Nächstenliebe zu schaffen.
Der muslimische Vertreter Maher Fakhouri bezeichnete das Wahlergebnis als Herausforderung, "noch entschiedener für den Zusammenhalt, die Religionsfreiheit und den Schutz aller Minderheiten einzustehen". Der Landesrabbiner der Jüdischen Gemeinden in Mecklenburg-Vorpommern, Yuriy Kadnykov, erinnerte an ein Gebet am jüdischen Ruhetag Schabbat für das Vaterland: "Segne die, denen das Volk Autorität gegeben hat, mit Weisheit und Verstand, damit sie Frieden und Freiheit im Inneren und Äußeren erhalten und verfestigen." – Vor der Landtagswahl hatten die Religionsgemeinschaften erstmals in der Geschichte des Landes Mecklenburg-Vorpommern einen Aufruf veröffentlicht, in dem sie deutlich machten, dass sie trotz unterschiedlicher Glaubensbekenntnisse gemeinsam für die Würde aller Menschen und für eine friedliche Gesellschaft eintreten. (tmg/KNA)
21.9., 14:40 Uhr: Ergänzt um ZdK.
