Tier als Heiland am Kreuz

Nach Kritik – Theologe lobt Theaterstück über Wal "Timmy"

Veröffentlicht am 21.09.2026 um 11:10 Uhr – Lesedauer: 

Hamburg ‐ Darf ein Wal am Kreuz hängen? Ein Theaterstück über den gestrandeten "Timmy" sorgte mit christlicher Bildsprache für Hasskommentare und eine Morddrohung. Ein früherer Kritiker findet es nun trotzdem großartig.

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Nach anfänglicher Kritik an der religiösen Bildsprache des Theaterstücks "Timmy – Die Hope stirbt zuletzt" hat der Theologe Joachim Valentin die Inszenierung nun gelobt. "Damit das ganz klar ist: Ich finde das Stück großartig", sagte der Frankfurter Professor für Christliche Religions- und Kulturtheorie bei einer Podiumsdiskussion nach einer Aufführung am Ernst Deutsch Theater am Sonntagabend in Hamburg. Gemeinsam mit Regisseur Alexander Klessinger und der Religionswissenschaftlerin Kerstin Radde-Antweiler diskutierte Valentin über die Inszenierung. Die öffentliche Verehrung des im Frühjahr gestrandeten Buckelwals "Timmy" bezeichnete er als "pseudoreligiös".

In dem am 11. Juli uraufgeführten Stück verarbeitet Klessinger den öffentlichen Hype um die Rettungsversuche für das Tier. Der Buckelwal war Ende März zunächst in Schleswig-Holstein und später erneut in Mecklenburg-Vorpommern gestrandet. Die Inszenierung greift Motive der christlichen Passionsgeschichte und der Messe auf. Das vielfach "Timmy" oder "Hope" genannte Tier wird unter anderem am Kreuz dargestellt und als eine Art Heiland inszeniert. Nach der Premiere hatte Valentin im Gespräch mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) kritisiert, dass die katholische Kirche und ihre Rituale in dem Stück als Bild für eine sektenartige Bewegung verwendet würden. "Bei uns wird nicht irgendein Opfer verehrt, sondern der Erlöser der Menschheit", hob er damals hervor.

Die Suche nach etwas Heiligem

Bei der Podiumsdiskussion äußerte sich Valentin differenzierter. Für den Regisseur sei es eine besondere Herausforderung gewesen, ein religiöses Ritual zu finden, das vom Publikum erkannt werde. Die öffentliche Reaktion im Frühjahr sei "ja schon parareligiös" gewesen. Sie zeige, "dass man ohne Orientierung und ohne festes Weltbild sehr schnell anderen Dingen auf den Leim geht, die ein tiefes Bedürfnis des Menschen danach erfüllen, etwas heilig zu finden, etwas wertzuschätzen, sich an etwas zu orientieren".

Die christliche Symbolik hatte nach der Premiere teils heftige Reaktionen ausgelöst. Der Regisseur berichtete von Hasskommentaren und einer Morddrohung gegen ein Mitglied des Ensembles. Unter den Absendern waren auch Social-Media-Nutzer, die sich selbst als katholisch bezeichneten. Für die weiteren Vorstellungen wurde nach Angaben Klessingers ein Sicherheitskonzept erarbeitet. Auch am Sonntagabend waren Security-Kräfte im Theater im Einsatz.

Klessinger erklärte, er habe die religiöse Bildsprache gewählt, weil sie tief in der christlich geprägten Kultur verankert sei. Radde-Antweiler zeigte sich über die öffentlichen Reaktionen dennoch überrascht: "In einer säkularisierten Gesellschaft werden solche Bildsprachen eigentlich nicht mehr verstanden", so die Bremer Professorin für Religionswissenschaft. Valentin wandte sich an katholische Kritiker: "Seid doch froh: Offenbar ist die katholische Messe noch so bekannt, dass sie in dem Stück funktioniert." (KNA)