Bischof sieht vor Papstbesuch neuen Katholizismus
Bischof Matthieu Rougé von Nanterre sieht neben einem zurückgehenden "soziologischen Katholizismus" einen neu entstehenden "Katholizismus des persönlichen Engagements". "Es ist zugleich heikel und spannend, an der Schnittstelle dieser beiden Phänomene zu leben", sagte der französische Geistliche im "Tagespost"-Interview. Die neue Form umfasse sowohl klassische, gut ausgebildete Gläubige eher traditioneller Ausrichtung als auch Getaufte, die sich engagiert für die Armen oder eine ganzheitliche Ökologie einsetzten. Wie in der insgesamt stark polarisierten Gesellschaft gebe es innerhalb des französischen Katholizismus Spannungen. "Mir scheint jedoch, dass unsere Fähigkeit zur Gemeinschaft stärker ist als die Tendenzen zur Spaltung."
Vorankommen durch Verständnis
Er glaube, dass ein differenzierteres, wohlwollendes Verständnis der Vielfalt aller Gläubigen ein gemeinsames Vorankommen ermöglichen könne. So werde die Integration vieler Gläubiger afrikanisch-karibischer Herkunft in der Kirche gut umgesetzt. "Diese gelebte Brüderlichkeit ist ein beredtes Zeichen dafür, dass Brüderlichkeit auch für unsere gesamte besorgte und gespaltene säkulare Gesellschaft möglich ist", so der Bischof.
Rougé betonte, die Kirche müsse "evangelischen Mut und Kreativität beweisen". Über alle Spaltungen hinweg brauche es einen tiefen Geist der Gemeinschaft als Voraussetzung für missionarische Fruchtbarkeit. In einer Gesellschaft, die zunehmend ihre Orientierung verliere, sei die Suche nach Sinn besonders bei jungen Erwachsenen sehr ausgeprägt: Angesichts eines harten Lebens, das von Migration, Gewalt und Einsamkeit geprägt sei, eröffne die Begegnung mit dem gestorbenen und auferstandenen Christus ihnen "Wege des Lichts, des Trostes, des Friedens und der Brüderlichkeit". Dieser Trend sei Gnade und Verantwortung zugleich.
Papstbesuch begeistert Frankreich
Im laizistischen Frankreich besteht die größte Herausforderung des am Freitag beginnenden Papstbesuchs laut Rougé nicht etwa darin, eine ausreichend große Zahl von Gläubigen zu mobilisieren. "Die Begeisterung, die der Papstbesuch auslöst, ist beträchtlich, sowohl bei den Katholiken als auch bei vielen Menschen, die der Kirche fernstehen", schildert der Bischof. Die größte Herausforderung bestehe darin, eine sehr große Zahl von Gläubigen und Neugierigen unter guten Bedingungen zu empfangen.
Wichtig sei, dass der Besuch des Papstes Früchte trage, "dass das Wort des Papstes in seinem ganzen Reichtum und seiner ganzen anspruchsvollen Tiefe wirklich aufgenommen wird – und dass viele dank dieses schönen Ereignisses auf dem Weg des Glaubens und der Nächstenliebe vorankommen", so Rougé weiter. "Der Besuch wird nicht nur dann ein Erfolg sein, wenn alles wie geplant verläuft, sondern auch und vor allem, wenn das Unvorhergesehene Gottes tief in den Herzen der Menschen wirkt." (KNA)
