Thierse von Wahlverhalten christlicher Wähler enttäuscht

Der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse hat sich enttäuscht über das Wahlverhalten christlicher Wähler bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt Anfang September gezeigt. "Ich konnte kaum glauben, dass ein Drittel der Christen AfD gewählt hat, trotz der sehr klaren Stellungnahmen der Kirchenleitungen, besonders von Bischof Feige", sagte Thierse, der selbst Katholik ist, am Donnerstag in einem Interview mit der Zeitschrift "Publik-Forum". Christen seien offensichtlich nicht deshalb politisch klüger, weil sie Christen seien. "Auch Christen sind offenbar nicht immun gegen die alles überlagernde, finstere apokalyptische Stimmung, die sich über das Land ausgebreitet hat."
Mit Blick auf die katholische Kirche zeige das Wahlverhalten, "dass es um die Autorität der Bischöfe nicht mehr so bestellt ist, wie das einmal war", so Thierse weiter. "Aber ich würde daraus nicht die Konsequenz ziehen, dass die Bischöfe künftig den Mund halten und lieber nichts Politisches sagen sollen – so wie das manche ja fordern." Er wünsche sich im Gegenteil, dass die Kirchen ihre klare Position gegenüber der AfD durchhielten und sie zur Solidarität mit gefährdeten Minderheiten und zivilgesellschaftlichen Initiativen beitrügen.
Mit Blick auf den vakanten Bischofsstuhl im Bistum Dresden-Meißen und den voraussichtlich im November – nach dem 75. Geburtstag von Bischof Gerhard Feige – freiwerdenden Bischofsstuhl im Bistum Magdeburg sprach sich Thierse für eine schnelle Nachbesetzung aus. "Auf jeden Fall sollte man bei den Bischofsberufungen nicht lange warten." Es brauche auf den Bischofsstühlen Personen, die über den eigenen kleinen Kreis hinaus Autorität entwickelten. "Es gibt eine vergiftete, aufgeheizte, hasserfüllte Stimmung. Vielleicht kann die Kirche, so schwach sie in Ostdeutschland ist, Personen und Räume bereitstellen, die Gesprächsmöglichkeiten eröffnen, Spaltung überwinden und Hass abbauen können." (stz)