Neue BDKJ-Vorsitzende: Durch Verband habe ich zur Kirche gefunden

Der Vorstand des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) ist wieder komplett: Der Dachverband von 17 katholischen Verbänden mit insgesamt 660.000 Mitgliedern hat Isabel Rutkowski zur neuen Vorsitzenden gewählt. Die 27-Jährige ist bislang Bundesvorsitzende der Katholischen Landjugendbewegung (KLJB). Im Interview spricht sie über ihr Wirken zwischen Glaube, Gemeinschaft und Politik.
Frage: Frau Rutkowski, was haben Sie als neue BDKJ-Bundesvorsitzende vor?
Rutkowski: Ich wünsche mir zunächst einmal, dass das eine tolle Zeit mit vielen Begegnungen wird. Aber natürlich habe ich viele Ideen, die jetzt auf die Realität treffen werden – und alles schafft man ja nie. Ich möchte den BDKJ politisch stark, sichtbar und wirksam machen. Wir haben ganz viel Fachexpertise aus verschiedenen Lebensrealitäten und Jugendverbänden. Die wollen wir in die Öffentlichkeit bringen. Gleichzeitig nehme ich wahr, dass junge Menschen gerade angesichts der vielen Krisen die Hoffnung verlieren. Das macht die ehrenamtliche Arbeit nicht einfacher. Dazu kommen bürokratische Strukturen oder die Verantwortung, die mit einem ehrenamtlichen Leitungsamt einhergeht. Ich will auf die Bedürfnisse der jungen Menschen schauen und den Blick für ihre mentale Gesundheit schärfen.
Frage: Aus Teilen des BDKJ hörte man zuletzt, man sei an einem Kipppunkt angekommen: weil junge Menschen als Nachwuchs fehlen. Was wollen Sie angesichts dessen tun?
Rutkowski: Da werden wir im Bundesverband keine Individuallösungen für jede einzelne Ortsgruppe finden. Doch die großen Linien sind klar: Ich habe meine Masterarbeit über die Arbeitsbelastung ehrenamtlicher Vorstände im BDKJ geschrieben. Die Ergebnisse sind zum Teil erschreckend: Die Befragten berichten vom Gefühl ständiger Erreichbarkeit, aber auch der Unsicherheit, was ihr Amt genau bedeutet und welche Aufgaben sie haben. Dagegen sagen aber 98 Prozent, dass das Gemeinschaftsgefühl sie anspornt, Teil des Verbandes zu bleiben. Dieses Gemeinschaftsgefühl ist der springende Punkt in unserer Jugendverbandsarbeit. Deshalb müssen wir mit den Ortsgruppen im Gespräch bleiben und ihre Bedürfnisse im Blick haben. Das heißt aber dann auch, ehrenamtliche Strukturen anzupassen. Ehrenamt ist kein statisches Konstrukt, sondern es verändert sich mit der Gesellschaft. Da müssen wir auch unsere Satzungen hinterfragen: Muss jede Arbeitsgruppe gewählt werden oder können wir auch Ad-hoc-Arbeitsgruppen zu bestimmten Themen machen? Wie können wir verschiedene Lebensrealitäten in die Verbandsarbeit integrieren? Hauptamtliche sind in der Regel zwischen 9 und 17.30 Uhr erreichbar, Ehrenamtliche abends und am Wochenende. Da brauchen wir Begleitung und Schulungsformate.
Frage: Die jungen Menschen streben mehr und mehr auseinander. Während junge Frauen linker werden, werden Männer konservativer. Muss das Angebot des BDKJ dementsprechend angepasst werden?
Rutkowski: Das glaube ich nicht. Die Vielfalt innerhalb des Verbandes ist wertvoll und wir brauchen Räume, um miteinander ins Gespräch zu kommen. Das stärkt auch unsere Demokratie. Man muss nicht immer der gleichen politischen Meinung sein, gerade aus dieser Vielfalt entstehen neue Ideen. Aber es gibt rote Linien. Das sind die Menschenwürde und die Menschenrechte. Als BDKJ haben wir ein christliches Werteverständnis als gemeinsame Basis, über alles andere können wir ins Gespräch kommen.
Dem BDKJ gehören von 17 katholische Verbänden mit insgesamt 660.000 Mitgliedern an.
Frage: Aber sind denn diese Räume überhaupt für alle offen? Manchen Konservativen ist der BDKJ viel zu links.
Rutkowski: Der BDKJ ist von unten nach oben strukturiert. Im besten Fall bringen also die Ortsgruppen Themen auf Diözesanebene ein, von dort geht es dann weiter nach oben. Wir auf der obersten Ebene machen uns unsere Welt also nicht, wie sie uns gefällt, sondern hören auf die Basis. Jede Person hat bei uns die Chance, sich einzubringen – und es bringen sich sehr vielfältige Menschen mit sehr verschiedenen Hintergründen ein. Es kann natürlich immer sein, dass sich Menschen nicht gesehen fühlen, aber gerade sie müssen sich ins Gespräch einbringen. Das ist ja gerade der Vorteil unserer demokratischen Strukturen. Wir sind also nicht zu links, wir sprechen uns für christliche Werte aus.
Frage: Nach Ihrer Wahl haben Sie erklärt, Sie wünschten sich einen BDKJ, der "politisch laut und strategisch stark ist. Einen BDKJ, der seine Mitgliedsverbände zusammenbringt und seine Vielfalt als Stärke versteht. Und einen BDKJ, der jungen Menschen zeigt, dass ihre Stimme zählt und diese auch vertritt". Von der Stärkung des Glaubens war da – ebenso wie in Ihrer Bewerbung für das Amt – nicht die Rede. Ist das eine bewusste Entscheidung?
Rutkowski: Ich würde es nicht als bewusste Entscheidung sehen, weil für mich christliche Werte eine Grundhaltung sind, die wir mitbringen und die die Basis für unsere politischen Haltungen sind. Diese Haltungen sind die Basis für unsere Beschlüsse, mit denen wir in die Politik reingehen. Wir haben eine Haltung der Menschenwürde und Nächstenliebe, die auch die Basis meines politischen Handelns ist. Das war für mich keine bewusste Entscheidung, sondern ein so klares Wertefundament, dass es für mich selbstverständlich im Vordergrund steht.
Frage: Sehen Sie auch die Neuevangelisierung als Teil Ihrer Aufgabe?
Rutkowski: Eine spannende Frage. Da habe ich noch gar nicht drüber nachgedacht.
„Ich habe eine andere Glaubensbiografie als alle anderen, das verschweige ich auch gar nicht.“
Frage: Es gab im Vorfeld Ihrer Wahl Berichte, laut denen Sie ungetauft sind. Stimmt das?
Rutkowski: Ich finde es sehr schade, dass es Versuche gibt, mich als Person zu diffamieren. Der BDKJ hat im Vorfeld der Wahl ein Gutachten erstellen lassen, ob die Wahl einer Ungetauften möglich wäre, was nicht der Fall ist. Es ist sehr wichtig, dass wir uns als BDKJ mit solchen rechtlichen Fragen auseinandersetzen. Gleichzeitig habe ich alle Wahlvoraussetzungen erfüllt und finde es wahnsinnig schade, dass ich da als Person so in den Fokus geraten bin. Ich habe eine andere Glaubensbiografie als alle anderen, das verschweige ich auch gar nicht. Es ist aber doch gerade gut, wenn wir als junge Verbände in der Amtskirche auch ein Raum sein können, wo junge Menschen zu ihrem Glauben finden, wo wir Räume des Fragens, manchmal des Zweifelns, aber vor allem des Glaubens zulassen und sich dadurch Menschen zu einer Kirche bekennen. Es ist die Realität, dass nicht alle im Verband direkt von Anfang an Kirchenmitglieder waren, sondern durch den Verband dazu gekommen sind. Gleichzeitig verlassen Menschen die Kirche, weil sie sich von dieser Amtskirche nicht gesehen fühlen.
Frage: Was bedeutet Ihnen persönlich der Glaube?
Rutkowski: Meine Eltern kommen aus Ostdeutschland und sind nach der Wende in den Süden gezogen. Als DDR-Bürger hatten sie keine Verbindung zum Glauben, sind aber in ein religiös geprägtes Umfeld gekommen. Also sind sie auch mit mir in die Kirchen gegangen, sowohl in evangelische wie auch in katholische. Doch taufen lassen konnten sie mich nicht. Da es keine Taufpaten gab, haben weder die katholische noch die evangelische Kirche eine Taufe ermöglicht. Damals waren beide Kirchen da noch nicht so offen wie heute. Das hat uns aber alle nicht aufgehalten: Ich war in Kindergottesdiensten, wir waren an Ostern und Weihnachten in der Kirche. Der Glaube war immer da, wenn auch anders als in anderen Haushalten. Er war immer ein Teil meines Lebens, ich war auch im Religionsunterricht. Wirklich mit Glaubensfragen auseinandergesetzt habe ich mich dann aber erst, als ich zur KLJB gekommen bin. Es gab dort wunderschöne Gottesdienste, die wir gefeiert haben, und viele Momente, in denen Zeit war, sich damit auseinanderzusetzen, was einem im Leben wichtig ist. Ich hatte viele Gespräche mit der geistlichen Leitung und mit Priestern, denen ich alle meine Fragen stellen konnte. Warum Gott so oft als männliche Person dargestellt wird beispielsweise. Ich hatte einen Raum für meine Glaubensfragen. Dafür bin ich der KLJB heute noch sehr dankbar. Ich durfte mitgestalten, bin auf offene Ohren gestoßen und habe tolle Menschen getroffen. In meiner Heimatgemeinde war das auch so, aber dort gab es auch Momente, wo mir klar wurde, dass ich nicht dazugehörte. Da hat es den Verband gebraucht, um einen sicheren Raum zu haben, wo ich so sein durfte, wie ich bin, und im Glauben wachsen durfte.