Leo XIV. besucht Notre-Dame – Klare und versöhnliche Worte zu Liturgie

Papst Leo XIV. hat die wiederaufgebaute Kathedrale Notre-Dame als einen Ort gewürdigt, an dem sich Himmel und Erde begegnen. "Es war mir eine Freude, als ich vorhin die Schwelle überschritten habe", sagte der Papst am Freitagabend bei einem Abendgebet mit katholischen Kirchenvertretern aus ganz Frankreich. Mehr als sieben Jahre nach dem Brand von 2019 und rund zwei Jahre nach der Wiedereröffnung im Dezember 2024 ist Leo XIV. der erste Papst, der die Kathedrale seither besucht.
Bei seiner Ankunft auf dem Platz vor der Kathedrale wurde der Papst von Tausenden gefeiert. Ähnlich groß war die Begeisterung bei seinem Einzug durch den Mittelgang der strahlend weißen Kathedrale, wo ihn etwa 2.500 Menschen erwarteten. Die gigantische Orgel, die ebenfalls nach dem Brand restauriert worden war, sorgte mit ihren 115 Registern und fast 8.000 Pfeifen musikalisch für Andacht und Ehrfurcht. Sieben Jahre seien vergangen, seit die ganze Welt mit angehaltenem Atem miterlebte, wie die Kathedrale in Flammen stand, sagte Leo XIV. "Auch damals hatten wir den Blick erhoben, bestürzt und im Bewusstsein der menschlichen Ohnmacht angesichts dieses unfassbaren Ereignisses." Diesen Schmerz hätten nicht nur gläubige Menschen empfunden: "In dieser dramatischen Stunde wurde uns bewusst, dass Notre-Dame mehr ist als nur ein Denkmal."
In dieser Kirche schlage das Herz eines Volkes, umarmten sich Vergangenheit und Zukunft, so Leo XIV., der sich bereits am Vormittag bei den Beteiligten des Aufbauprojekts bedankt hatte. Der Wiederaufbau sei Anlass für eine Begegnung gewesen, die die Räume der Gastfreundschaft und Teilhabe über die Grenzen der kirchlichen Zugehörigkeit hinaus erweitert habe.
Vertrauen in Laien
Die französischen Kirchenleute forderte Leo XIV. auf, sich davon inspirieren zu lassen. Die christliche Gemeinschaft sei nämlich kein abgeschlossener Bereich, sondern ein Ort, an dem allen Annahme, Respekt, Offenbarung und Sinn zuteil würden. "Seid eine lebendige, facettenreiche und nahbare Kirche", ermutigte der Papst. An die Bischöfe, Priester, Diakone und Ordensleute appellierte er: "Setzt dabei voll Vertrauen auf die Sendung der Laien, die der lebendige Vorposten der Kirche an den Schnittstellen des Alltags sind."
Seine Ansprache vor dem französischen Klerus nutzte Leo XIV. auch für klare und zugleich versöhnliche Worte zum Thema Liturgie. Frankreich hat eine besonders aktive traditionalistische Szene, die eine Messfeier nach den Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962–1965) ablehnt. Leo XIV. bat um liturgische Feiern in Würde und gebührender Weise, "auch dort, wo sich kleinere Gemeinschaften versammeln".
Die Liturgie bleibe ein Spiegelbild des Lebens, und die eucharistische Freude breite sich dort aus, "wo man wieder zur Eintracht findet, wo die Würde wiederhergestellt wird, wo Autorität zum Dienst wird, wo die Freiheit wieder in Gang kommt". Bereits im März hatte das katholische Kirchenoberhaupt die französischen Bischöfe in einem Brief aufgefordert, den Anhängern der "Alten Messe" entgegenzukommen und "konkrete Lösungen" für sie zu finden. In der Kathedrale sagte er: "Stellt also die Gemeinschaft mit dem Nachfolger Petri und mit der Kirche über eure persönlichen Befindlichkeiten, um die Einheit des Volkes Gottes zu pflegen. Gemeinsam werden wir ein prophetisches Zeichen dafür sein, dass eine versöhnte Welt möglich ist."
Papst Leo XIV. bei seiner Ankunft am Stade de France im Pariser Vorort Saint-Denis. Dort fand am Freitagabend eine Vigil mit Jugendlichen statt.
Am Abend feierte und betete der Papst gemeinsam mit knapp 80.000 jungen Franzosen. Musik, ein Schauspiel über die Heiligen des Landes und ein Feuerwerk stimmten auf das Abendgebet im französischen Nationalstadion ein. "Merci", bedankte sich der Papst spontan bei der jubelnden Menge in Paris. "Danke an Gott. Danke an euch. Danke für euren Mut. Danke für eure Anwesenheit. Danke für euren Glauben. Ihr seid die Heiligen Frankreichs!"
In seiner Ansprache ermutigte der Papst die Teilnehmenden, stets nach dem Guten zu streben. Dabei reiche es nicht aus, das Böse zu meiden: "Man muss sich für das Gute entscheiden", erklärte er. "Das Gute zu wählen ist der eigentliche Akt der Freiheit, durch den diese sich verwirklicht, verbessert und reift." Das Kirchenoberhaupt riet den jungen Menschen: "Um die richtigen Entscheidungen zu treffen, denkt an dieses Kriterium: Das Gute schenkt Leben und nimmt es niemals weg. Das Gute sorgt für andere, es nimmt nichts für sich selbst. Das Gute ist nicht nur ein schönes Wort, sondern das strahlende Antlitz der Liebe: Es ist Gott in Person!"
Allein trotz "Likes"
Leo XIV. warnte die Teilnehmenden zwischen 17 und 35 Jahren vor Stolz, Eitelkeit, Gewalt und Habsucht. Der Egoismus, der diese Gefühle kennzeichne, verdecke eine furchtbare Einsamkeit. "Um die Nähe zu Gott und die menschliche Geschwisterlichkeit verspüren zu können, muss man also diese Gier zurückweisen, die dazu führt, dass man Beziehungen konsumiert, ohne etwas zurückzugeben, und sich mit Dingen vollstopft, die einen nicht nähren."
Diese Lebensweise, in der man alles haben wolle, führe dazu, dass man am Ende niemand sei. Man erhalte eine Menge Likes, aber bleibe mit sich selbst allein. "Wenn wir uns entschließen, solch einem Lebensstil nicht zu folgen, beginnen wir, nach Gerechtigkeit, Frömmigkeit, Glauben, Liebe, Standhaftigkeit und Sanftmut zu streben", erklärte der Papst. "Entscheiden wir uns also an diesem Abend gemeinsam für die Tugenden, die wir entwickeln müssen, um dem Herrn zu folgen."
Das Abendgebet im Pariser Stadtteil Saint-Denis war der letzte Programmpunkt des ersten Reisetages von Papst Leo XIV. in Frankreich. Anschließend zog er sich in seine Unterkunft in der französischen Vatikanbotschaft zurück. Auch den zweiten Tag wird er hauptsächlich in Paris verbringen; am Nachmittag ist eine riesige Freiluftmesse mit Hunderttausenden Teilnehmern auf der Place de la Concorde geplant. Am Samstagabend reist Leo XIV. weiter in den Marienwallfahrtsort Lourdes. (mal/KNA)