Deutsche Franziskanerinnen in Assisi bieten Klosterleben auf Zeit

Heute heißt es Äpfelschälen in der "Casa della Pace" in Assisi. "Die haben wir gestern gepflückt, jetzt müssen sie dringend verarbeitet werden." Schwester Andrea Maria Ossowski zeigt auf die Porzellanschale voll knackig-grünroter Früchte. Auf dem Gasherd köchelt Apfelkompott, daneben warten leere Weckgläser auf Befüllung durch fleißige Hände.
Die gehören in der "Casa della Pace" im mittelitalienischen Assisi nicht nur den Ordensfrauen, sondern auch den Gästen. Seit fast 40 Jahren bietet der Orden der Franziskanerinnen von Sießen (Baden-Württemberg) Menschen aus dem deutschsprachigen Raum die Möglichkeit, für einige Zeit mit ihnen zu leben – besonders attraktiv in der Stadt des heiligen Franziskus (um 1182–1226) und der heiligen Klara von Assisi (1194–1253).
"Kloster auf Zeit" bedeutet hier nicht nur gemeinsame Mahl- und Gebetszeiten sowie Mitarbeit in Haus und Garten, erklärt Schwester Marie-Catherine Müller, die das "Haus des Friedens" seit 2021 leitet. Es ist auch die Einladung zu einem Leben aus dem Evangelium im Charisma der beiden Ordensgründer Franz und Klara, so die Theologin, die an der päpstlichen Universität Gregoriana in Rom studiert hat.
Auf den Spuren des heiligen Franziskus
"Wir bieten auch Führungen zu den Stätten von Franziskus und Klara." Deren Botschaft von einem menschenfreundlichen Gott, der jeden zu einem Leben in Fülle führen will, wollen sie gemeinsam mit den Gästen in dem idyllisch gelegenen Haus erfahrbar machen, unterstreicht die Ordensfrau.
Das schmucke zweistöckige Gebäude liegt mitten in üppigem Grün: An den Bäumen reifen Oliven und Kumquat-Früchte, Rosmarin, Basilikum und Minze sprießen im Kräuterbeet, bei den Rosen hat sich eine Kartoffelpflanze eingenistet, und der Strauch mit Passionsfrüchten ist bereit zur Ernte.
Schwester Marie-Catherine Müller leitet die Casa della Pace. Manchmal steht sie in der Küche und bereitet das Essen zu.
Im Haus gibt es Platz für bis zu 14 Übernachtungsgäste in vier Zimmern mit Waschbecken und Gartenblick, Toiletten und Duschen auf dem Flur. Die Räume mit Etagenbetten aus hellem Holz sind einfach, aber blitzsauber und einladend. Auf dem Schreibtisch heißen den Gast ein Olivenzweig, ein Andachtsbild und eine Tüte Gummibärchen willkommen.
Ebenso gibt es ein geräumiges Wohn-Esszimmer mit Sofaecke sowie eine vollausgestattete Küche, in der problemlos Mahlzeiten für 20 Leute gekocht werden können. Der Klausurbereich im ersten Stock ist den bis zu vier Schwestern vorbehalten, bis auf die kleine moderne Kapelle.
"Wir duzen uns hier alle"
"Wir duzen uns hier alle, ist das in Ordnung?", will Schwester Andrea Maria in leicht Berliner Zungenschlag wissen. Gerade hat sich die kleine Frau mit den wachen dunklen Augen mit den Mitschwestern um die Äpfel gekümmert. Zum Arbeiten tragen die Schwestern zwischen Mitte 30 und Mitte 50 karierte Schürzen über dem grauen Ordensgewand, an den Füßen Trekkingsandalen oder Flip-Flops.
Wichtig ist den Frauen, nach dem Vorbild ihres Ordenspatrons "arm" zu leben und so viel wie möglich selbst zu erwirtschaften. Für Vollpension mit spirituellem Programm bitten sie um eine Spende, von der sie den größten Teil ihres Lebens bestreiten. Leider verstehen das manche falsch und lassen den Schwestern fünf Euro oder eine Flasche Wein als Obolus da.
Vollpension mit spirituellem Programm
Vor dem gemeinsamen Abendessen wird gemeinsam gebetet. Dabei greifen Schwester Andrea Maria oder Schwester Marie-Catherine gern zur Gitarre, um den Gesang aus dem Liederheft zu begleiten. Nach einem Bibeltext ist jede eingeladen, kurz zu erzählen, was sie tagsüber bewegt hat. Danach wird gemeinsam der Tisch gedeckt.
Seit fast 40 Jahren bietet der Orden der Franziskanerinnen von Sießen Menschen aus dem deutschsprachigen Raum die Möglichkeit, für einige Zeit mit ihnen zu leben.
Heute brutzeln auf der selbstgebauten Feuerstelle vor dem Haus italienische Salsicce (Würstchen), außerdem Gemüsespieße und Grillkäse. Schwester Sophia hat einen Salat zubereitet: gewürfelte Wassermelone und Schafskäse in delikater Marinade.
Berufungsgeschichten im Schutz der Dunkelheit
Es ist schon dunkel, als es bei den Gesprächen ans Eingemachte geht. Untermalt vom ausdauernden Zirpen der Zikaden spricht man auch über sehr Persönliches. Auf Nachfrage erzählen die Schwestern über ihre Berufung zu den ursprünglich als Schulorden gegründeten Franziskanerinnen von Sießen, die heute rund 160 Mitglieder in Deutschland sowie 80 in Brasilien und Afrika haben.
Schwester Maria Andrea, gelernte Industrienäherin aus Ost-Berlin, verlor nach Ende der DDR ihren Job. "Danach habe ich zwei Jahre ehrenamtlich in einem Altenheim und einer Suppenküche in Berlin-Pankow gearbeitet und dort Ordensleute kennengelernt." So fand sie über viele Umwege zu ihrem Orden und zur "Casa della Pace", wo sie seit 2024 lebt.
Suche nach geistlicher Heimat
Schwester Anjella, Gemeindereferentin aus Thüringen, hatte vor dem Theologiestudium die Hoffnung, dass das Pfarrhaus nicht nur ein Ort für Dienstgespräche, sondern auch eine geistliche Heimat mit gemeinsamem Gebet werden könnte – vergebens. Nach langer Überlegung trat sie 2025 dem Orden bei. Ihr endgültiges Ja zum Leben als Ordensfrau, also die "Ewige Profess", steht für die Novizin noch aus.
Schwester Sophia hat vor kurzem das bindende Ordensgelübde abgelegt. Lange arbeitete die Frau mit der markanten Brille als Projekt- und Accountmanagerin in Kommunikations- und Designagenturen, zuletzt in Berlin. Ihr Ordensgewand habe die meisten Klienten nicht weiter interessiert. "In Berlin war ich einfach eine Verrückte unter anderen Verrückten."
In der Kapelle des Hauses wird gebetet.
Inzwischen ist die Badenerin vom Orden ins süddeutsche Mutterhaus berufen worden, um alte und kranke Mitschwestern zu pflegen. "In der Familie ist es doch auch völlig normal, dass man sich um Angehörige kümmert, die einen brauchen", sagt sie mit Nachdruck. Aber sie hätte auch "nein" sagen können zur Entscheidung ihres Ordens, betont sie.
Warum haben sich die Frauen ausgerechnet dem heiligen Franziskus verschrieben, der sein Leben als reicher Kaufmannssohn für Jesus über Bord warf, um bettelarm und predigend durch die Lande zu ziehen? "Mich beeindruckt besonders, dass er lebenslang auf der Suche nach Gott war. Und dass er an seinen vielen Krisen sogar gewachsen ist", so Schwester Anjella.
"Unsere Tür ist offen für jeden"
Schwester Sophia schätzt die große Aktualität des Heiligen, der in seinem berühmten "Sonnengesang" ein durchaus modernes Naturverständnis vertrat. "Das würde man heute als Nachhaltigkeit bezeichnen. Oder auch sein Begriff von Geschwisterlichkeit, oder sein Blick für das Schöne im Nichtperfekten."
Schwester Andrea Maria ist begeistert von Franziskus' Einsatz für – modern ausgedrückt – interreligiösen Dialog: "Er hat anderen Glaubensrichtungen Wertschätzung entgegengebracht – und überhaupt jedem Menschen", betont die Franziskanerin. "Das machen wir hier in der Casa della Pace auch. Unsere Tür ist offen, jeder darf zu uns kommen."