Junge Münchnerin trägt ihren Glauben ins Netz – Tausende folgen ihr

Eigentlich ging Celine Edinger nur wieder regelmäßig in den Gottesdienst, weil sie über eine kirchliche Hochzeit nachdachte. "Ich wusste: Wenn ich kirchlich heirate, dann will ich das ernst meinen", sagt die 28-jährige Münchnerin heute. "Das war der Anreiz, sich damit zu beschäftigen." Bald darauf die Erkenntnis: "Der Glaube gibt mir ganz viel. Das habe ich so nicht kommen sehen." Denn sie war zwar getauft und konfirmiert, ansonsten aber eher kirchenfern aufgewachsen.
Rund vier Jahre ist das her. Vieles hat sich seitdem verändert, doch der Glaube blieb. Um ihren Weg zu dokumentieren, startete Edinger später einen Instagram-Account. "Und weil ich wenig Inhalte dazu gefunden habe, wie man eigentlich mit dem Glauben anfängt." Das wollte sie ändern. Mittlerweile folgen ihr nach nur anderthalb Jahren fast 9.000 Menschen. "Jetzt kann ich nicht mehr zurück", sagt sie – und lacht. Aber auch ihre Motivation habe sich verschoben: "Ich kann einen Raum für Leute schaffen, die sich sonst in Kirchen oder anderen Glaubensräumen nicht gesehen fühlen."
Schwerpunkte: Feminismus und Queerness
Ihre Videos drehen sich um ganz unterschiedliche Themen: Wie kann Glaube im Alltag aussehen? Was liebt sie am Christentum? Manchmal spricht sie auch über konkrete Bibelstellen. Ein wichtiger Schwerpunkt auf ihrem Profil ist dabei immer Feminismus. "Leider denken immer noch viele Leute, dass Feminismus Männerhass bedeutet", kritisiert Edinger. "Dabei geht es einfach nur um gleiche Rechte und gleiche Wertschätzung." Für sie ist Glaube deswegen immer schon feministisch: "Wenn wir zum Beispiel davon ausgehen, dass wir alle wunderbar geschaffen und vor Gott gleich sind."
Auch über Queerness postet Edinger viel. "Viele Menschen fragen, wie ich das mit meinem Glauben vereinbare, weil ich selbst queer bin" – also jenseits der klassischen Vorstellungen von Geschlecht und sexueller Orientierung. In Privatnachrichten erzählten viele ihre persönlichen Geschichten und auch von ihrem Hadern. Hasskommentare lasse sie bewusst stehen. "Es gibt einige quatschige Kommentare und auch Leute, die dann mit dem Sündenbegriff um sich werfen. Aber meine Community gibt da viel Kontra." Nur möglicherweise strafbare Inhalte gebe sie an die Polizei weiter.
„Es gibt einige quatschige Kommentare und auch Leute, die dann mit dem Sündenbegriff um sich werfen. Aber meine Community gibt da viel Kontra.“
Dass andere Menschen aus ihren Posts etwas für sich und ihren Glauben mitnehmen, fühlt sich für Edinger manchmal hochstaplerisch an. "Ich bin nicht theologisch ausgebildet und dann schreiben mir auf einmal Leute, die viel kirchennäher aufgewachsen sind, die Bibel viel besser kennen und seit 20 Jahren eine Gebetspraxis haben", sagt die studierte Soziologin, die heute als Autorin und Texterin arbeitet. Dann frage sie sich, ob sie diesen Leuten noch etwas sagen könne, was sie noch nicht wissen. "Aber anscheinend ja doch. Und dann denke ich, dass es ja nicht darauf ankommt, wer 'besser' oder 'schlechter' glaubt."
Eines ist ihr dabei ganz wichtig: "Ich teile, was ich denke, und wenn Menschen sagen, dass sie das inspiriert, freue ich mich. Aber ich habe nicht den Anspruch, Leuten zu erklären, wie sie glauben sollen." Für sie selbst ist ihr Glaube wie ein Schirm, der alles umspannt. "Trotzdem gibt es auch Bereiche und Momente in meinem Leben, in denen er keine Rolle spielt. Ich denke auch nicht jeden Tag über Gott nach. Manchmal muss man Abstand gewinnen, um neue Energie zu bekommen. So ist es auch mit anderen Sachen, die mir wichtig sind."
Fromm sein ja, Druck ausüben nein
Die Accounts manch anderer – vor allem eher fundamentalistisch geprägter – "Christfluencer" findet sie problematisch. "Fromm sein an sich ist überhaupt kein Problem", betont sie. "Jeder darf auch alte Rollenbilder ausleben, man kann sehr gern bei den Kindern zu Hause bleiben, während der Mann arbeiten geht und all diese Dinge. Ich sehe da nur oft die unterschwellige Botschaft: "Wenn du nicht so glaubst, dann glaubst du nicht richtig, hast nicht zu Jesus oder Gott gefunden."
Die Botschaften von Accounts mancher eher fundamentalistisch geprägter Influencer findet Celine Edinger problematisch.
Das könne unglaublich viel Druck erzeugen. "Denn dann müsste ich ja etwas leisten, damit ich überhaupt gläubig sein darf. Und ich denke, Glaube heißt zuerst einmal, dass ich angenommen bin und als Mensch da sein darf." Auf manchen dieser Accounts fänden sich zudem demokratiefeindliche Aussagen. "Die sind dann sowieso problematisch."
Das Label "Christfluencerin" reklamiert Edinger trotzdem für sich: "Personen auf der eher liberalen Seite nennen sich meistens nicht so. Aber ich bin Fan davon, mir Begriffe anzueignen, die sonst verloren gehen würden."
Mehr Offline-Begegnungen
Ihren Schwerpunkt legt die junge Frau eher auf den Glauben und nicht so sehr auf die Kirchen. Privat besucht sie aber die Gottesdienste beider Konfessionen. "An katholischen Gottesdiensten mag ich die Mystik, den Weihrauch und den festen Ablauf. Das hat etwas total Spirituelles an sich." An protestantischen Gottesdiensten hingegen schätzt sie die Schlichtheit. Zudem seien die Predigten dort oft lebensnäher. Mittlerweile hat sie in München eine – katholische – Gemeinde gefunden, die beide Aspekte für sie gut verbindet.
Für die Zukunft hofft Edinger, dass aus ihrem Account noch mehr Offline-Begegnungen erwachsen. Wie ein Abend zum Jahreswechsel 2025/2026, den sie in München gestaltete. Oder ein queer-feministisches Wochenende im Kloster zum Thema Glaube mit Gebet, Bibelarbeit und Meditation, das für das nächste Jahr geplant ist. "Weil ich den Eindruck habe, dass diese Menschen das Bedürfnis haben, sich zu vernetzen, weil wir da ein bisschen verstreut sind."