Deutschlands bekanntester Sozialpfarrer: Franz Meurer hört auf

587 Menschen haben einen Schlüssel für seine Kirche. "Keiner, der sich bei uns engagiert, soll den erst beim Küster holen müssen, damit er in der Kleiderkammer oder Fahrradwerkstatt unter der Kirche helfen kann", sagt Franz Meurer. Er ist Pfarrer in Höhenberg und Vingst, zwei der ärmsten Stadtviertel Kölns. "Vertrauen ist die Voraussetzung, dann entwickelt sich was. Und dann, wenn nicht nur der Pastor entscheidet."
An diesem Donnerstag, seinem 75. Geburtstag, gibt Franz Meurer sein Amt als Seelsorger von Sankt Elisabeth und Sankt Theodor ab. Vor 34 Jahren hat er begonnen, mit seiner Gemeinde Kirche als Ort der tätigen Hilfe, der Demokratie, Vielfalt und Ökumene zu gestalten. Heute kennen den Sozialpfarrer Menschen aus ganz Deutschland.
Spritzenautomaten und ein Gabelstapler
Er wirbt in Büchern wie "Glaube, Gott und Currywurst" und in Talkshows für eine Kirche, "die für die Menschen da ist und nicht umgekehrt". Und er handelt. In seinen Vierteln ließ er Automaten mit Spritzen und Kondomen für suchtkranke Menschen aufstellen; wer Arbeit sucht, kann in der Gemeinde den Gabelstaplerführerschein machen. "Das ist Hilfe zur Selbsthilfe. Den braucht man für viele Jobs", sagt Meurer.
Als die katholische Familienbildungsstelle im Viertel geschlossen wurde, entschied er: "Dann machen wir es eben selbst!" Mit der evangelischen Nachbargemeinde stellte er die "Ökumenische Familienwerkstatt HöVi" auf die Beine, die wesentlich durch Spenden getragen wird. Sein Herzensprojekt ist das HöVi-Land. In der Zeltstadt am grünen Rand der Veedel verbringen mehr als 500 Kinder, deren Familien sich keinen Urlaub leisten können, drei Wochen ihrer Sommerferien – seit 33 Jahren.
Aufgewachsen in Arme-Leute-Siedlung
Aufgewachsen ist Franz Meurer mit drei Geschwistern in Köln-Mülheim, in einer "Arme-Leute-Siedlung, in der alle Kinder aufs Gymnasium gingen". Hier wurde zeitgleich auch der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki groß. "Religion war für mich Freiheitserfahrung", erinnert sich Meurer. "Unser Kaplan konnte spannende Geschichten erzählen. Wir Pfadfinder fuhren jedes Wochenende mit dem Rad ins Bergische, haben Feuer gemacht, gezeltet."
Bis heute fährt Meurer fast überall mit dem Fahrrad hin, "durch Vingst und Höhenberg sowieso". Viertel mit hohen Arbeitslosenquoten, in denen jedes zweite Kind ein Recht auf staatliche Hilfen hat. Deshalb bestand Meurer bei der Planung von Sankt Theodor auf einem rund 900 Quadratmeter großen Untergeschoss. Hier ist Platz etwa für die Lebensmittelausgabe, zu der jede Woche 400 Menschen kommen.
Meurer setzt Zeichen
Die Katholische Soziallehre, Barmherzigkeit und Gemeinschaft sind Leitmotive seiner Seelsorge. "Bei uns helfen auch Menschen mit, die selbst Hilfe bekommen", sagt Meurer. "Jeder Beitrag zählt. Zu merken, dass man etwas kann, dass man gesehen wird und zur Gemeinschaft gehört, macht Mut. Auch dazu, wieder Tritt zu fassen im Leben." Seine Gemeinde hat sich Leitsätze wie "Viele von uns glauben an Jesus Christus. Das ist aber kein Muss." gegeben. Hier gestalten Christen und Muslime gemeinsam Gebetsfeiern, es gab eine Kollekte für den Bau der Kölner Zentralmoschee. Hier wurden acht Wortgottesdienstleiterinnen ausgebildet, ein zweiter Kurs läuft.
EIn Blick in die Kleiderkammer im Keller der Kirche St. Theodor.
Immer wieder setzt Pfarrer Meurer Zeichen. 2023 war er bei der Segnung homosexueller Paare vor dem Kölner Dom dabei. Mehrfach ließ er seine Gemeindereferentin in der Heiligen Messe predigen, was so in der katholischen Kirche nicht vorgesehen ist.
Priesteramt für Frauen fordert er seit langem
Wenn er könnte, würde er die Kirchensteuer abschaffen, "weil Kirche kein Geld einziehen soll". Den Zölibat auch, denn zu einem Leben allein dürfe man niemanden zwingen. Ökumene ist für ihn "doppelt so gut und halb so teuer". Das Priesteramt für Frauen fordert der Pfarrer seit langem. Dass der Kölner Erzbischof Woelki die zentralen Beschlüsse des Reformprozesses Synodaler Weg ablehnt, geht Meurer nahe. Er hatte auf Veränderung gehofft.
Und doch sagt er: "Das Gefühl durch Religion eingeschränkt zu werden, hatte ich nie. Ich habe ja mein Leben eingesetzt, also kann mir doch keiner sagen, was ich damit machen soll. Ich tue es ja für den Herrgott und nicht für den Bischof." Meurer "fragt nicht so viel, macht einfach", steckt seine Kraft in das, was er bewirken kann. Unermüdlich wirbt er etwa um Spenden.
Abschiedsmesse mit tausend Menschen
Am 30. August feierte Meurer in Sankt Theodor einen Abschiedsgottesdienst mit nahezu tausend Menschen, darunter Prominenz aus Politik und Stadtgesellschaft. Er verzichtete auf eine Predigt, auch Reden von Laudatoren und Geschenke wollte er nicht.
Stattdessen kamen Gemeindemitglieder zu Wort. Eine Ausnahme gab es zudem für Publizist Martin Stankowski und Kabarettist Jürgen Becker, zwei langjährige Wegbegleiter. "Es ist schmerzlich, es ist unendlich traurig, aber es ist auch schön, dir für all das zu danken", sagte Becker.
Sein Herz arbeitet nur zu 26 Prozent
Künftig wird Meurer in einer Wohnung im Seniorenstift St. Marien im Nachbarviertel Kalk leben. Weil sein Herz nur noch zu 26 Prozent arbeitet, hat er einen Defibrillator im Körper. "Wenn es die moderne Medizin nicht gäbe, wäre ich vielleicht schon im Himmel", sagt er und wechselt in den rheinischen Dialekt: "Su wie et kütt, es et jot."
Ab Oktober wird er zum ersten Mal ein Handy haben, Vorträge halten, den Kontakt zu seinen mehr als 1.000 Spendern pflegen und neue anwerben. "Wer etwas tut, kann viel erreichen. Nicht alles, aber viel", sagt Franz Meurer. "Gott hat nur unsere Hände, unsere Augen, unseren Mund und unseren Geist, um auf der Erde etwas zu verändern. Gott braucht uns. Also tue ich alles, was mir möglich ist."