Pastor Christian Olding über das Sonntagsevangelium

Das Wesentliche im Leben haben wir nur gepachtet

Veröffentlicht am 03.10.2026 um 09:30 Uhr – Lesedauer: 
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Geldern ‐ Was hast du aus dem gemacht, was dir anvertraut wurde? Das ist die zentrale Frage im Sonntagsevangelium. Sie trifft mitten hinein in unseren Umgang mit dem Leben, Zeit und Beziehungen, schreibt Pastor Christian Olding.

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Der totale Besitzanspruch auf das Leben kann sich schnell zu einer tragischen Lebenslüge entwickeln. Wir behandeln unsere Gesundheit, unseren Wohlstand und unsere Zeit so, als wären wir deren Eigentümer. Damit verdrängen wir aber eine grundlegendste Realität unserer Existenz, dass wir das Wesentliche im Leben – von der Geburt bis zum letzten Atemzug – niemals herstellen oder besitzen können, sondern immer nur empfangen.

Genau daran erinnert das Evangelium. Ein Gutsherr schafft optimale Bedingungen. Er investiert Vertrauen, Kapital, Schutz und Zukunft. Dann verpachtet er diesen Weinberg an Winzer und reist in ein anderes Land. Eine Pacht ist keine Schenkung. Ein Pächter ist kein Eigentümer. Er ist ein Verwalter, ein Treuhänder. Ihm wird ein Weinberg anvertraut, damit er ihn bebaut, pflegt und zur Frucht bringt. Und am Ende der Saison steht eine ganz schlichte, vertragliche Realität: die Abgabe von Früchten.

Man muss sich die Absurdität des beschriebenen Moments vergegenwärtigen. Da sitzen Menschen auf fremdem Grund und Boden. Sie durften dort arbeiten und von den Früchten leben. Und in dem Moment, in dem die Wirklichkeit anklopft und Rechenschaft einfordert, drehen sie durch. Sie ermorden den Erben in der wahnhaften Illusion, dass ihnen alles gehört, wenn sie ihn nur aus dem Weg räumen.

Ähnlich vergessen wir, dass wir nichts von dem, was wir haben, eigentlich besitzen. Unser Leben, die Schöpfung, der gesellschaftliche Friede, die Freiheit, in der wir leben: All das ist Pachtland, nicht Besitz. Wenn dann jemand Rechenschaft fordert – die eigene Erschöpfung, das Gewissen oder der Partner, der die Gereiztheit nicht mehr erträgt –, reagieren wir wie die Winzer im heutigen Evangelium. Wir gehen zum Gegenangriff über. Wir schlagen den Boten tot, verbeißen uns in Rechthaberei und erfinden Ausreden.

Wir wollen alle Privilegien des Weinbergs, aber weigern uns, die geschuldeten Früchte abzuliefern. Das Evangelium schlägt drei ganz einfache, praktische Schritte vor:

  1. Ernüchterung: Begreife, dass dir nichts davon gehört. Alles ist dir auf Zeit anvertraut. Alles ist Gabe, und alles verlangt nach Frucht.
  2. Schuldfähigkeit: Hör auf, schlechtes Verhalten wegzudiskutieren. Sag einfach: "Ich war im Unrecht." Echte Umkehr ist etwas Befreiendes.
  3. Konkrete Früchte: Bring Geduld an den Frühstückstisch, Ehrlichkeit ins Büro und Vergebung in die Partnerschaft. Keine großen Reden – handfeste Taten.

Am Ende wird abgerechnet, und zwar ganz schlicht mit der Frage: Was hast du aus dem gemacht, was dir anvertraut war? In welchem Lebensbereich spielst du noch den Eigentümer – und wo wird es Zeit, wieder echter Verwalter zu werden?

Aus dem Evangelium nach Matthäus (Mt 21, 33–42.44.43)

In jener Zeit sprach Jesus zu den Hohepriestern und den Ältesten des Volkes: Hört noch ein anderes Gleichnis: Es war ein Gutsbesitzer, der legte einen Weinberg an, zog ringsherum einen Zaun, hob eine Kelter aus und baute einen Turm. Dann verpachtete er den Weinberg an Winzer und reiste in ein anderes Land.

Als nun die Erntezeit kam, schickte er seine Knechte zu den Winzern, um seine Früchte holen zu lassen. Die Winzer aber packten seine Knechte; den einen prügelten sie, den andern brachten sie um, wieder einen anderen steinigten sie.

Darauf schickte er andere Knechte, mehr als das erste Mal; mit ihnen machten sie es genauso. Zuletzt sandte er seinen Sohn zu ihnen; denn er dachte: Vor meinem Sohn werden sie Achtung haben.

Als die Winzer den Sohn sahen, sagten sie zueinander: Das ist der Erbe. Auf, wir wollen ihn umbringen, damit wir sein Erbe in Besitz nehmen.

Und sie packten ihn, warfen ihn aus dem Weinberg hinaus und brachten ihn um.

Wenn nun der Herr des Weinbergs kommt: Was wird er mit jenen Winzern tun?

Sie sagten zu ihm: Er wird diese bösen Menschen vernichten und den Weinberg an andere Winzer verpachten, die ihm die Früchte abliefern, wenn es Zeit dafür ist.

Und Jesus sagte zu ihnen: Habt ihr nie in der Schrift gelesen: Der Stein, den die Bauleute verworfen haben,
er ist zum Eckstein geworden; vom Herrn ist das geschehen und es ist wunderbar in unseren Augen?

Und wer auf diesen Stein fällt, wird zerschellen; auf wen der Stein aber fällt, den wird er zermalmen.

Darum sage ich euch: Das Reich Gottes wird euch weggenommen und einem Volk gegeben werden, das die Früchte des Reiches Gottes bringt.

Der Autor

Christian Olding ist Pastor in der Pfarrei St. Maria Magdalena in Geldern.

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