Kardinal Schönborn: Von allen Päpsten war Benedikt mir am nächsten
Von allen Päpsten, die der emeritierte Wiener Erzbischof Christoph Schönborn seit der Aufnahme ins Kardinalskollegium erlebt hat, war Papst Benedikt XVI. (2005–2013) ihm am nächsten. "Er war Theologieprofessor und ich habe bei ihm studiert", sagte Schönborn in einem Interview mit der österreichischen Tageszeitung "Heute" (Freitag). Von 1972 bis zu dessen Emeritierung habe er "sehr eng mit ihm zusammenarbeiten dürfen", erklärte der Kardinal. "Ich habe also keinen der Päpste so gut gekannt wie ihn und habe nach wie vor eine ganz große Wertschätzung für ihn." Auch Franziskus (2013–2025) habe er "sehr gemocht". "Und ich glaube, er hatte auch Vertrauen zu mir. Das hat er immer wieder gezeigt."
Auf die Frage, ob er bei den beiden Papstwahlen 2005 und 2013 selbst gerne zum Papst gewählt worden wäre, sagte Schönborn: "Meine Mutter hat das wunderbar mit einem Spruch, der um die Welt gegangen ist, beantwortet: 'Das wär nix für meinen Buben!'" Bei beiden Konklaven habe es einen großen Unterschied zwischen den Voraussagen der Medien und den tatsächlichen Kandidaten gegeben. "Das war auch jetzt bei Papst Leo wieder so, auch wenn intern doch einige mit ihm gerechnet haben."
"Das ist nicht der richtige Umgang"
Darüber hinaus verteidigte Schönborn seine Kritik am Kinderkopftuchverbot an Schulen. "Weder ich noch die Lehrerinnen und Lehrer können entscheiden, was Zwang oder Freiheit ist." Er verglich das mit der Erstkommunion oder jüdischen Jungen, die eine Kippa tragen. "Meine persönliche Überzeugung ist: Da sollte sich der Staat möglichst wenig einmischen", sagte Schönborn. "Wenn man – wie in Frankreich – alle religiösen Symbole verbietet, dürfte ich als Religionsvertreter nicht einmal mit einem kleinen Brustkreuz in die Schule gehen. Das ist nicht der richtige Umgang."
Es könne durchaus sein, dass von muslimischer Seite in manchen Kreisen mehr Toleranz zu wünschen wäre. "Wir dürfen aber nicht so tun, als wären Christen immer Weltmeister der Toleranz gewesen", mahnte der Kardinal. Zu den im "Heute"-Interview genannten 42 Prozent muslimischer Kinder an Wiener Pflichtschulen sagte Schönborn: "Wer die Kinder hat, hat die Zukunft." Dies sei auch eine Folge der unterschiedlichen demografischen Entwicklung. Der emeritierte Wiener Erzbischof verwies dabei auf eine Äußerung des Wiener Bürgermeisters Michael Ludwig, der demnach gesagt haben soll: "Tretet wieder in die Kirche ein, dann haben wir mehr Katholiken!" Dazu Schönborn: "Man darf sich nicht wundern, dass Muslime die Mehrheit werden, wenn jeder anständige Österreicher aus der Kirche austritt – 'weil sich das so gehört'."
Zu seinem eigenen Leben im Ruhestand in einem kleinen Wiener Kloster sagte Schönborn: "Die Messe feiere ich nach wie vor täglich, entweder hier im Kloster oder auch in den Pfarren." Nun habe er aber weniger Verantwortung für die Institution Kirche. "Das Schöne ist, dass ich mich jetzt den Menschen hier im Viertel widmen kann – etwa beim Hin- und Rückweg zum Billa. Das ist auch eine neue Freiheit für mich: dass ich mir selbst einkaufen gehe. Andere Leute sind das von jung an gewöhnt." (cbr)
