Künftiger Hamburger Weihbischof im Interview

Zehe: Möchte ein Weihbischof sein, der zuhört und seelsorglich wirkt

Veröffentlicht am 09.10.2026 um 00:01 Uhr – Von Steffen Zimmermann – Lesedauer: 

Hamburg ‐ Am Samstag wird Johannes Zehe in Hamburg zum Bischof geweiht. Im Interview spricht der künftige Weihbischof über seine neue Aufgabe, seine Rolle an der Seite von Erzbischof Heße und die Herausforderungen des Erzbistums.

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Johannes Zehe wird am Samstag im Hamburger St.-Marien-Dom von Erzbischof Stefan Heße zum Bischof geweiht. Im Interview mit katholisch.de spricht Zehe vorab über seine neue Verantwortung als Weihbischof im flächengrößten deutschen Bistum, seine musikalische Vergangenheit und seinen Blick auf die Zukunft des Erzbistums Hamburg.

Frage: Herr Zehe, am 24. Juni hat Papst Leo XIV. Sie zum Weihbischof ernannt. Wie blicken Sie heute – gut drei Monate später – auf diese Ernennung zurück?

Zehe: Ich bin immer noch erfreut und überrascht, denn damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet. Aber es geht mir gut, ich kann mit der Ernennung zum Weihbischof gut leben und stelle mich auf diese neue Aufgabe ein.

Frage: Sie haben Ihre Ernennung Ende Juni als "großes Geschenk" bezeichnet, das Sie erst einmal "auspacken" müssten. Was haben Sie dabei inzwischen entdeckt?

Zehe: Noch bin ich ja nicht als Weihbischof tätig. Das konkrete "Auspacken" wird sich sicherlich erst nach der Weihe entfalten. Aber ich nehme schon wahr, was auf mich zukommt, und bespreche mit dem Erzbischof, welche Aufgaben ich übernehmen soll. Auch mein Verhältnis zu den Gemeinden wird sich sicher verändern. Bisher war ich als Pastor und Pfarrer über längere Zeit unmittelbar mit den Menschen verbunden. Künftig werde ich eher als Besucher in die Gemeinden kommen. Damit muss ich mich auseinandersetzen und fragen: Wie geht das? Aber ich denke, dass ich dafür einen guten Weg finden werde.

Frage: An diesem Samstag werden Sie im Hamburger St.-Marien-Dom zum Bischof geweiht. Was bedeutet diese Weihe Ihnen persönlich und geistlich?

Zehe: Für mich bedeutet sie vor allem, noch mehr in den Dienst genommen zu werden – als Priester und nun auch in der neuen Aufgabe als Bischof. Als Pfarrer war ich bisher für einzelne Gemeinden zuständig. Künftig richtet sich der Blick stärker auf das Ganze, und ich komme in eine Leitungsverantwortung hinein. Das ist eine andere Herausforderung. Man kann nicht mehr so schnell entscheiden, sondern muss mehr zuhören und stärker bedenken, weil vieles eine größere Ausstrahlung hat. Vor allem aber ist mir wichtig, noch mehr für die Kirche und den Glauben in Dienst genommen zu werden. Damit stellt sich für mich auch die Frage nach meiner eigenen Spiritualität: Wie kann ich sie vertiefen? Wie werde ich selbst im Glauben gestärkt?

„Am meisten freue ich mich auf die Begegnungen mit den Menschen in den Gemeinden und Pfarreien. Ich möchte ein Weihbischof sein, der zuhört und seelsorglich wirkt, wo immer ich bin.“

—  Zitat: Johannes Zehe

Frage: Worauf freuen Sie sich mit Blick auf Ihre neue Aufgabe besonders? Und gibt es auch etwas, das Ihnen Respekt einflößt?

Zehe: Am meisten freue ich mich auf die Begegnungen mit den Menschen in den Gemeinden und Pfarreien. Ich möchte ein Weihbischof sein, der zuhört und seelsorglich wirkt, wo immer ich bin. Ein Bischof soll ja gerade auch Hirte und Seelsorger sein. Respekt habe ich vor der unmittelbaren Verantwortung in der Bistumsleitung. Das ist eine neue Rolle.

Frage: Sie haben Musik studiert, als Geigenlehrer und Orchestermusiker gearbeitet und sich erst später für den Priesterberuf entschieden. Was aus Ihrem bisherigen Lebensweg könnte Ihnen in Ihrem neuen Amt helfen?

Zehe: Ich glaube, dass ich aufgrund meines Lebensweges ganz gut zuhören kann. Das gibt mir eine gewisse Gelassenheit: erst einmal zuzuhören und nicht gleich reagieren zu müssen. Durch die Musik habe ich zudem über die Jahre mit vielen Jugendlichen und Erwachsenen musiziert und so im ganzen Bistum Verbindungen geknüpft. Diesen Menschen wieder einmal zu begegnen – auch darauf freue ich mich.

Frage: Wird man Sie als Weihbischof auch einmal mit Ihrer Geige im Gottesdienst erleben?

Zehe: Das habe ich nicht unbedingt vor. Als Pfarrer und Priester habe ich die Geige eher bei Anlässen wie dem Seniorencafé eingesetzt, um den Menschen eine Freude zu machen. Im Gottesdienst muss man dagegen aufpassen, die unterschiedlichen Rollen nicht zu vermischen. Wenn plötzlich der Geige spielende Pfarrer am Altar im Mittelpunkt stünde und nicht mehr Jesus Christus, dann fände ich das problematisch.

Frage: Sie waren zuletzt als Regens für die Priesterausbildung im Erzbistum zuständig. Was nehmen Sie aus dieser Aufgabe mit?

Zehe: Ich bin sehr froh, dass ich diese Aufgabe auch als Weihbischof weiter ausüben darf. Es ist spannend zu sehen: Wer macht sich heute auf den Weg zum Priesteramt? Und warum? In der Priesterausbildung haben wir ja die Problematik, dass es nicht mehr so viele Kandidaten gibt wie früher. Für mich geht es vor allem darum, mögliche Interessenten auf den Priesterberuf aufmerksam zu machen und diejenigen zu ermutigen, die sich berufen fühlen.

Bild: ©picture alliance/dpa/Maja Hitij (Archivbild)

An diesem Samstag wird Johannes Zehe im Hamburger St.-Marien-Dom von Erzbischof Stefan Heße zum Bischof geweiht.

Frage: Wie möchten Sie Ihren bischöflichen Dienst persönlich gestalten? Was soll Ihren Stil prägen?

Zehe: Ich bin, wie ich bin. Und die Menschen kennen mich auch so. Wie schon gesagt: Ich höre lieber erstmal zu, als dass ich gleich etwas sage. Als Pfarrer war ich immer wieder überrascht, wenn Menschen mir erzählt haben, wie sehr ich ihnen durch ein Gespräch geholfen hätte – auch wenn ich selbst gar nicht den Eindruck hatte, besonders viel gesagt oder getan zu haben. Manchmal kann es eben auch hilfreich sein, erstmal nichts oder nur wenig zu sagen. Ich bin also eher der Zuhörende, der Begleitende, der Beratende. In diese Richtung könnte ich mir auch meinen künftigen Dienst vorstellen. Wie es dann wirklich wird, werden wir sehen.

Frage: Das Erzbistum Hamburg umfasst die Millionenstadt Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg – drei unterschiedliche Regionen mit sehr unterschiedlichen kirchlichen Situationen. Wo sehen Sie die größten Herausforderungen für die kommenden Jahre?

Zehe: Wir befinden uns in verschiedenen Strukturprozessen, allen voran das Projekt "SeSam – Sendung und Sammlung". Es geht darum, wie wir mit geringer werdenden Ressourcen weiterhin lebendige Kirche sein können. Diesen Prozess voranzubringen, den Menschen Sicherheit zu geben und die Gemeinden vor Ort zu stärken, ist eine wichtige Aufgabe. Und dabei muss man sicher auch die regionalen Unterschiede im Blick behalten: In einer Großstadt wie Hamburg ist die kirchliche Situation in der Tat eine andere als in den ländlichen Regionen unseres Bistums. Während die nächste Gemeinde in Hamburg meist nur ein paar Bus- oder U-Bahn-Stationen entfernt ist, sind die Wege auf dem Land deutlich weiter. Wir müssen gemeinsam mit den Menschen vor Ort jeweils die richtigen Wege finden und die Gemeindemitglieder bestärken, sich selbst noch aktiver einzubringen. Wichtig ist zudem, mehr Gelegenheiten zu schaffen, bei denen Gläubige zusammenkommen und sich gegenseitig stärken können – etwa bei gemeinsamen Wallfahrten. Die Menschen zusammenzubringen und zusammenzuhalten, das ist eine wesentliche Herausforderung.

Frage: Was darf bei allen strukturellen Veränderungen nicht verloren gehen?

Zehe: Die wichtigste Frage lautet für mich: Warum bin ich Christ? Wozu bin ich berufen, als Christ in dieser Welt zu leben und zu handeln? Über strukturelle Fragen kann man wunderbar diskutieren, ja auch streiten. Aber dahinter steht die Frage: Warum? Was möchte ich bewirken? Es geht darum, den eigenen Glauben zu leben, zu stärken und aus dem Glauben heraus zu handeln. Der Glaube hängt nicht automatisch an bestimmten Strukturen. Wenn jemand sagt: "Weil meine Kirche vor Ort geschlossen wird, kann ich meinen Glauben nicht mehr leben", dann ist das aus meiner Sicht ein falscher Schluss. Den Glauben hat man ja trotzdem. Vielleicht aber muss man nach neuen Wegen suchen, ihn zu leben.

„Ich bin sicher niemand, der einem anderen gleich emotional um den Hals fällt. Aber offen und freundlich gehe ich schon auf meine Mitmenschen zu.“

—  Zitat: Johannes Zehe

Frage: Sie haben kürzlich am Ausbildungskurs für neu ernannte Bischöfe im Vatikan teilgenommen. Wie haben Sie diese Tage erlebt?

Zehe: Es war sehr ermutigend und bereichernd, 147 Bischöfe aus der ganzen Welt und ihre Verschiedenheit zu erleben. Wir saßen beim Essen immer an unterschiedlichen Tischen, so dass man miteinander in Kontakt kam und sich austauschen konnte. Das war eine wichtige Erfahrung. Inhaltlich gab es Vorträge zu verschiedenen Themen, die für Bischöfe relevant sind, sowie Gesprächsgruppen, bei denen jeder erzählen konnte, wie eine bestimmte Frage oder ein bestimmtes Thema im eigenen Bistum behandelt wird. Außerdem waren wir auch in Assisi und haben das Grab des heiligen Franziskus besucht. Und zum Abschluss hatten wir eine Papstaudienz, bei der wir Papst Leo XIV. persönlich begegnen konnten.

Frage: War das Ihre erste persönliche Begegnung mit Papst Leo XIV.?

Zehe: Im direkten Kontakt schon. Es war schön und beeindruckend. Natürlich ist er der Papst, aber er ist eben auch ein Mensch. Ich habe die Atmosphäre als entspannt erlebt. Dem Papst die Hand zu geben, war aber schon etwas Besonderes.

Frage: Leo XIV. hat bei der Begegnung die Bedeutung von Nähe, Zuhören und pastoraler Liebe betont. Was bedeutet Nähe für Sie ganz konkret im bischöflichen Amt?

Zehe: Nähe bedeutet für mich, ansprechbar zu sein. Der Zugang zum Bischof ist bei uns im Erzbistum recht unkompliziert. Man muss natürlich auch auf die Menschen zugehen wollen und bereit sein, sich ihnen zu stellen. Da sehe ich bei mir aber keine großen Schwierigkeiten. Im Gegenteil: Ich freue mich auf die Begegnungen, auf das Zuhören und darauf, miteinander zu beten.

Frage: Sie sagen "Ich freue mich auf die Begegnungen" – und das als Mecklenburger, denen, wie allen Norddeutschen, ja eher eine gewisse Distanziertheit nachgesagt wird ...

Zehe: Ich bin sicher niemand, der einem anderen gleich emotional um den Hals fällt. Aber offen und freundlich gehe ich schon auf meine Mitmenschen zu – und ich sehe darin auch keinen Widerspruch zu meiner Herkunft und meinem Mecklenburger Naturell. Wie bei allen Menschen gibt es auch in meiner Heimat solche, die schnell einen Draht zu anderen finden, und solche, die von ihrem Wesen her distanzierter sind. Das würde ich aber nicht allein an der Herkunft einer Person festmachen, sondern an ihrer Persönlichkeit.

Von Steffen Zimmermann