Missbrauch aufklären – aber wie?
Über sexualisierte Gewalt in Kirchen, Schulen, Heimen und anderen Institutionen sind in den vergangenen Jahren zahlreiche Studien erschienen. Sie versuchen zu klären, was geschehen ist, wer Verantwortung trug und welche Strukturen die Taten ermöglichten. Beim katholischen Orden der Redemptoristen haben Forscher nun einen anderen Blick gewählt: Sie haben nach eigenen Angaben erstmals untersucht, was passiert, nachdem eine Institution mit der Aufarbeitung begonnen hat.
"Aufarbeitung der Aufarbeitung" lautete der Arbeitstitel der Studie des Münchner Instituts für Praxisforschung und Projektberatung (IPP), das bereits mehrere Studien zu sexualisierter Gewalt in der katholischen Kirche durchgeführt hat. Dahinter stehen Fragen wie: Was bewirkt ein solcher Prozess bei Betroffenen und bei den Menschen in der Institution? Was hilft? Was richtet möglicherweise neuen Schaden an? Und woran lässt sich überhaupt erkennen, ob Aufarbeitung gelingt?
Als Fallbeispiel dient die frühere Kölner Provinz der Redemptoristen. Sie war die für Nord- und Westdeutschland zuständige Verwaltungseinheit des katholischen Ordens und gehört heute zur länderübergreifenden Provinz St. Clemens. Sexualisierte Gewalt gab es vor allem zwischen den 1950er und 1980er Jahren unter anderem in den Internaten und Schulen in Bonn, Glanerbrück und Bous, aber auch in Klöstern, Heimen und Gemeinden. Im sogenannten Hellfeld sind der Studie zufolge rund 90 Betroffene und 29 Beschuldigte bekannt, darunter 27 Ordensmitglieder und 2 Lehrer.
Früher Start ohne klare Regeln
Der Fall ist für die Forscher auch deshalb interessant, weil die Redemptoristen vergleichsweise früh reagierten. Als sich 2010 zunehmend Betroffene meldeten, suchte der Orden gemeinsam mit seinem damaligen Missbrauchsbeauftragten aktiv nach weiteren Betroffenen, organisierte Gespräche und unterstützte ihre Vernetzung. Erkenntnisse wurden in Zwischenberichten veröffentlicht. Das IPP hebt ausdrücklich hervor, dass sich dieses Vorgehen von dem damals häufig zögerlichen, abwehrenden und strategischen Verhalten anderer katholischer Institutionen unterschied. Bis 2024 erschienen sechs Zwischenberichte.
Gerade darin liegt aber auch die zentrale Erkenntnis der neuen Studie: Selbst ein Prozess, der vergleichsweise offen begann, verlief keineswegs geradlinig. Die vom Orden unterstützte Vernetzung habe vielen Betroffenen geholfen, ihre Erfahrungen einzuordnen und zu erkennen, dass sie nicht allein waren, so das sozialwissenschaftliche Forschungsinstitut. Einige hätten sich im Laufe der Jahre zunehmend selbstwirksam und handlungsfähig erlebt. Gleichzeitig führten Konflikte mit Ordensmitgliedern und Beschäftigten von Einrichtungen teilweise zu neuer Erschöpfung, Resignation und Retraumatisierungen.
Studie zur Aufarbeitung
Wissenschaftliche Analyse der Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in der Region der ehemaligen Kölner Provinz des Redemptoristenordens, heute Teil der Provinz St. Clemens.
IPP-Forscher Peter Caspari beschrieb das bei der Vorstellung in Bonn mit einem anschaulichen Bild: "Man hat sich immer wieder auch im Kreis bewegt und ist trotzdem weitergekommen." Aufarbeitung sei eben kein Prozess, bei dem von Jahr zu Jahr alles automatisch besser werde, erklärte der Psychologe.
Was heißt eigentlich Aufarbeitung?
Ein Grund dafür: Lange war offenbar nicht eindeutig geklärt, was überhaupt aufgearbeitet werden sollte. Ging es um den Orden insgesamt? Um die frühere Kölner Provinz? Um einzelne Einrichtungen wie das Collegium Josephinum in Bonn, wo zahlreiche Fälle sexualisierter Gewalt bekannt wurden? Oder um sämtliche Orte, an denen Redemptoristen tätig waren? Auch darüber, was "Aufarbeitung" konkret bedeuten sollte, habe es keine gemeinsame Verständigung gegeben. Stattdessen entstanden nach und nach einzelne Verfahren: Gespräche, Zwischenberichte, Anerkennungszahlungen, Präventionsarbeit.
Nach der sehr aktiven Anfangsphase 2010 und 2011 beobachteten die Forscher bei der Ordensleitung zudem einen "vorsichtigen Rückzug". Caspari sprach bei der Pressekonferenz von einem reaktiven Modus und einer "ängstlichen Konfliktvermeidung". Statt selbst zu fragen, welche Schritte noch notwendig seien, habe man zunehmend darauf gewartet, welche Forderungen von Betroffenen kämen.
Das verweist auf eine der zentralen Lehren der Untersuchung: Aufarbeitung darf nicht davon abhängen, dass einzelne Menschen über Jahre außergewöhnlich viel Energie investieren. Sowohl Betroffene als auch Ordensmitglieder und unabhängige Ansprechpersonen seien in diesem Prozess teilweise über ihre persönlichen Grenzen gegangen. Caspari formulierte es grundsätzlich: "Kirchliche Institutionen müssen Räume schaffen, die verbindlich sind." Es dürfe nicht nur eine Fraktion geben, die aufarbeitet, und die schweigende Mehrheit ignoriere das. "Aufarbeitung muss für alle verbindlich sein."
Wissen allein verändert keine Institution
Dazu passt ein weiterer Befund: Die sechs veröffentlichten Zwischenberichte schufen zwar kontinuierlich neues Wissen über die Gewalt. Doch Wissen zu produzieren ist noch nicht dasselbe, wie es innerhalb einer Institution zu verankern. Das Forschungsteam stellte "Lücken im Transfer dieses Wissens" fest. Es blieb also teils unklar, wie intensiv sich Ordensmitglieder außerhalb des unmittelbar beteiligten Kreises überhaupt mit den Erkenntnissen auseinandersetzten. Caspari empfiehlt für künftige Fälle deshalb, möglichst früh eine wissenschaftliche Untersuchung vorzunehmen und neue Erkenntnisse anschließend in weiteren Berichten fortzuschreiben.
Für die Untersuchung führte das IPP 38 qualitative Interviews – mit 13 Betroffenen, 13 Ordensmitgliedern, 7 weltlichen Mitarbeitenden und 5 extern Beteiligten. Außerdem werteten die Forscher interne Protokolle, Korrespondenzen, Dokumente der Betroffenen und Unterlagen zu Anerkennungsleistungen aus.
Auch der Faktor Zeit erwies sich als problematisch. Aufarbeitung hat keinen natürlichen Schlusspunkt. Neue Betroffene können sich melden, neue Dokumente auftauchen, alte Konflikte wieder aufbrechen. Die fehlende Vorstellung davon, wohin ein solcher Prozess führt und wann bestimmte Ziele erreicht sein sollen, habe bei vielen Beteiligten Orientierungsprobleme und Erschöpfung ausgelöst. Deshalb empfehlen die Forscher, zu Beginn nicht nur Ziele und Zuständigkeiten, sondern auch realistische Zeit- und Zielperspektiven zu vereinbaren.
Zu den offenen Baustellen gehört weiterhin der Umgang mit Beschuldigten und Tätern im Orden. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass hierfür bis heute kein tragfähiges Gesamtkonzept entwickelt wurde. Auch seien einige Fälle noch nicht oder nicht ausreichend aufgeklärt worden. Hinweise auf sexualisierte Gewalt in Missionen der Redemptoristen seien bislang sogar völlig unbearbeitet geblieben.
Ein weiteres Problem betrifft die Frage, wer überhaupt an Aufarbeitung beteiligt wird. Besonders sichtbar waren über Jahre männliche Betroffene aus den früheren Internaten. Frauen, die etwa im Gemeinde- oder Beichtkontext Gewalt erlebt hatten, waren deutlich weniger in den gemeinsamen Strukturen vertreten. Die Forscher sprechen von einer Marginalisierung weiblicher Betroffener.
Beteiligung mit Grenzen
Eine zentrale Rolle spielte der Verein MoJoRed – "Missbrauchsopfer Josephinum Redemptoristen". Er entstand aus der Vernetzung von Betroffenen und umfasst nicht nur ehemalige Schüler des Collegium Josephinum, sondern auch Menschen aus anderen Einrichtungen und Zusammenhängen des Ordens. Die Studie bezeichnet MoJoRed als eine der am längsten bestehenden Betroffeneninitiativen in Deutschland. Zugleich zeigt sich auch hier die Kehrseite: Ein kleiner Kern von nur wenigen Menschen trug über Jahre einen großen Teil der Arbeit – mit erheblichem Risiko der Überforderung.
Für die Untersuchung führte das IPP 38 qualitative Interviews – mit 13 Betroffenen, 13 Ordensmitgliedern, 7 weltlichen Mitarbeitenden und 5 extern Beteiligten. Außerdem werteten die Forscher interne Protokolle, Korrespondenzen, Dokumente der Betroffenen und Unterlagen zu Anerkennungsleistungen aus. Der Forschungsprozess sei von der Provinzleitung nicht behindert worden, heißt es ausdrücklich im Bericht. In Auftrag gegeben wurde die Studie 2023 von der Provinz St. Clemens. Die Vergabe an das IPP erfolgte nach Angaben des Berichts in Abstimmung mit Betroffenenvertretern. Geforscht wurde von April 2024 bis Mai 2026. Das IPP bezeichnet die Studie als Pionierprojekt. Weitere Untersuchungen dieser Art seien notwendig, um die Qualität der Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in Institutionen fortlaufend zu verbessern. Heiner Keupp vom Forschungsteam brachte das auf die Formel: "Aufarbeitung der Aufarbeitung wird eine Zukunftsaufgabe werden."
