Papst Leo XIV. und das Systemische am Missbrauch
Wenn man eine menschenverachtende Realität nicht mit klaren Worten beim Namen nennen will – sogar, wenn man genau danach gefragt wird –, dann verliert diese Realität leider nichts von ihrer Menschenverachtung. Im Gegenteil: Es besteht die Gefahr, dass das Nicht-beim-Namen-nennen-Wollen vertuschend wirkt und damit dem Menschenverachtenden auch zukünftig Vorschub leistet. Papst Leo XIV. wollte bei seiner "fliegenden Pressekonferenz" auf dem Rückflug aus Frankreich der Aussage von Betroffenen nicht zustimmen, er habe das Systemische des Missbrauchs in der katholischen Kirche anerkannt. Er sagte, er "bevorzuge eine andere Formulierung". Er habe sich im Gespräch mit Betroffenen in Lourdes auf "bestimmte Organisationen innerhalb der Kirche" bezogen, die "zuweilen – wenn man so will" als System missbräuchlich gehandelt hätten. "Sexueller Missbrauch ist in erster Linie ein menschliches Problem."
Diese Nachricht erreichte am 29. September in Würzburg eine interdisziplinäre Fachtagung zum Thema "Vulnerabilität und Vulneranz. Die Ambiguität von Ritualen in Missbrauch und Vertuschung, Bewältigung und Aufarbeitung". In einer Pause beugten sich Betroffene, Forschende und Betroffen-Forschende über ihre Handys und reagierten mit einer Mischung aus Enttäuschung, Empörung, Verletzung, Wut, Nicht-Glauben-Können. Wie kann der Papst so etwas sagen? Ist das nicht erneut Vertuschungsvulneranz, die die Ritualmacht des päpstlichen Pressestatements nutzt, um das Ausmaß von Missbrauch und Vertuschung zu verschleiern?
Spätestens seit den 1960er Jahren war Ausmaß bekannt
Die Emotionen waren auch deshalb so stark, weil sich bei der Tagung das Abgründige der Verbrechen erneut gezeigt hatte. Auch den meisten Forschenden waren jene Erkenntnisse zuvor unbekannt, die die französische Kirchenhistorikerin Agnès Desmazières 2024 in ihrem Buch "Sans Loi ni Foi" ("Ohne Gesetz und ohne Glauben") publiziert hatte. Desmazières stieß während eines Forschungsaufenthalts an der US-amerikanischen Universität Berkeley in den lateinischen Akten des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962–1965) auf einen kurzen Text, der eine Verschärfung der Strafen für sexuellen Missbrauch an Minderjährigen vorschlug. Hellsichtig erkannte sie dessen Bedeutung: "Spätestens seit den 1960er Jahren war das Ausmaß der Pädokriminalität unter Priestern den kirchlichen Behörden bekannt!", schreibt sie in ihrem Buch.
Hildegund Keul ist Theologin, Religionswissenschaftlerin und Germanistin an der Universität in Würzburg. Schwerpunkte ihrer Forschung sind die aus der Armutsbewegung entstandene Mystik des 13. Jahrhunderts in ihrer Bedeutung für die Gegenwart sowie seit 2010 der Vulnerabilitätsdiskurs in seinen vielfältigen Kontexten.
Daraufhin begab sie sich – ganz Kirchenhistorikerin – in die Archive des Vatikans. Dort entdeckte sie viel mehr, als sie selbst befürchtet hatte. Zu den Taten, die eventuell mit schärferen Strafen zu belegen wären, gehörte nicht nur ein unfassbares Ausmaß sexueller Verbrechen an Kindern, sondern auch an Frauen, das heißt an Ordensfrauen, Witwen, Hausangestellten, Katechetinnen, Beichtenden. Ich stelle mir vor, wie Desmazières nach und nach das voluminöse Ausmaß erkannte. Sehr häufig geschahen die Verbrechen im Kontext der Sakramente, allen voran der Beichte. Die Taten geschahen weltweit. Desmazières greift unter anderem Beispiele aus Europa, Kolumbien, der Mongolei und den Philippinen heraus. Die Taten gehen zurück bis ins 19. Jahrhundert. Aber die Anzeigen wurden strikt geheim gehalten, so dass das "Volk Gottes" nichts davon erfuhr. Meist wurde die Tat auch nicht direkt benannt, sondern als "Verstoß gegen das sechste Gebot" oder "Missbrauch des Beichtsakraments" bezeichnet. Die Verletzung der Sakramente war häufig wichtiger als die Verletzung von Menschen.
Schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sah sich das Heilige Offizium – das heutige Glaubensdikasterium – mit einer "ununterbrochenen Flut" von Anzeigen konfrontiert. Dies führte sogar zu Bearbeitungsstaus. Der italienische Priester Guiseppe Latini vom Heiligen Offizium, der die Verbrechen im Kontext der Beichte konsequent ahnden wollte, sprach sogar von einer "Sintflut", um das Ausmaß des Problems zu verdeutlichen. Bei all dem ist zu bedenken, dass nur ein kleiner Teil der Verbrechen überhaupt nach Rom gemeldet wurde. Die archivierten Anzeigen machen nur die Spitze eines Eisbergs sichtbar, der zum allergrößten Teil unsichtbar bleibt.
Ein besonderer Schock ging auf unserer Fachtagung von dem aus, was das neunte Kapitel des Buchs als "Das Schweigen des Zweiten Vatikanischen Konzils – die Angst vor einem Medienskandal" beschreibt. Im Mai 1962 fand in Rom die letzte Sitzung der Zentralen Vorbereitungskommission vor Beginn des Konzils mit etwa einhundert Bischöfen und Kardinälen aus aller Welt statt. Sie mussten entscheiden, welche der vorbereiteten Texte – und damit welche Themen – den rund dreitausend Konzilsvätern zur Beratung vorgelegt werden sollten. Wichtig waren mehrere Eingaben von Bischöfen und besonders eine Eingabe des Päpstliches Athenaeum Salesianum, der römischen Hochschule der Salesianer, die weltweit pädagogische Einrichtungen betrieben. Diese Eingabe ging aus guten Gründen davon aus, dass Missbrauch häufig vertuscht und nur selten bestraft werde. Um den sexuellen Missbrauch wirksamer zu bekämpfen, schlug sie vor, dass Täter "latae sententiae", also automatisch durch Begehung der Straftat, exkommuniziert werden sollten.
"Als das Zweite Vatikanum seine Beschlüsse fasste, war das Ausmaß der von Priestern begangenen Sexualdelikte den kirchlichen Behörden bekannt", schreibt Hildegund Keul.
Die "Vorbereitungskommission für die Disziplin des Klerus" schloss sich dieser Position im Dezember 1961 zunächst mit der Begründung an, dass dadurch öffentliche Skandale und weiteres Unrecht gegenüber Kindern und Jugendlichen verhindert würden. Allerdings setzte sie sich mit dieser Position nicht bei der Zentralen Vorbereitungskommission durch, obwohl die Verschärfung des Strafrechts dort intensiv diskutiert wurde. Ein Hauptargument für die Ablehnung war die Befürchtung, dass eine solche neue Gesetzgebung das Ausmaß sexueller Übergriffe durch Priester offenlegen und in der Öffentlichkeit einen Skandal hervorrufen würde. Zudem wurde durch die Konzentration auf die Bestrafung das Problem vom Konzil weg ins Strafrecht verschoben, das erst nach dem Konzil diskutiert wurde. Die Tatsache, dass die sexuellen Übergriffe gegen Kinder und gegen Frauen (Männer waren noch nicht als Opfer im Blick) nicht nur ein juristisches, sondern ein pastorales Problem ersten Ranges darstellt, das von einem "Konzil im Aggiornamento" unbedingt offen zu diskutieren wäre, wurde damit gezielt verdrängt. Die Debatte während der Vorbereitung war "sub secreto", und tatsächlich erfuhr die Presse nichts von dieser Debatte und nichts von den Verbrechen. Desmazières wirft dem Konzil vor, dass es die Chance verpasste, sexuellen Missbrauch insbesondere an Kindern als eigenständigen Straftatbestand zu definieren und strenger zu ahnden.
Viele wussten, dass Beichtstühle Tatorte sein können
Als das Zweite Vatikanum seine Beschlüsse fasste, war das Ausmaß der von Priestern begangenen Sexualdelikte den kirchlichen Behörden bekannt. Wahrscheinlich hatten viele oder sogar die meisten "Konzilsväter" in ihren Bistümern und anderen Verantwortungsbereichen mit Anzeigen solcher Verbrechen zu tun. Doch die Konzilstexte deuten dies nicht einmal an. Viele wussten, dass Beichtstühle Tatorte und Eucharistiefeiern gefährlich sein konnten. Trotzdem schwärmten sie, dass die Teilnahme am eucharistischen Opfer "Quelle und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens" (Kirchenkonstitution "Lumen Gentium" 11) sei. Sie taten nichts, um die Situation Überlebender zu verbessern und weitere Straftaten zu verhindern. Hat das Zweite Vatikanum einen doppelten Boden, der nach seiner Bedeutung für Theologie und Kirche befragt werden muss? Bis heute werden juristische Verfahren im Vatikan mit Geheimhaltung belegt, eine Nebenklage der Überlebenden, die deren Sicht der Dinge in den Mittelpunkt rückt und sie umfassend über den Fortgang des Verfahrens informiert, ist nicht möglich.
Als ab 2002 nach und nach das Ausmaß der Verbrechen öffentlich bekannt wurde, zerbrach die Glaubwürdigkeit der Kirche. Die Institution geriet ins Rutschen. Dies zeigt: Vertuschung verstärkt den Schaden, denn irgendwann kommen die Verbrechen ans Licht. Auch wenn es schmerzlich ist, hilft einzig und allein, der schrecklichen Wahrheit ins Auge zu sehen und die Dinge beim Namen zu nennen. Nicht nur bestimmte, vereinzelte Organisationen innerhalb der Kirche haben Missbrauch durch Vertuschung ermöglicht, geschützt, gefördert. Vertuschung geschieht "im Herzen des katholischen Systems", wie der Untertitel von "Sans Loi ni Foi" besagt. Spiritueller Missbrauch, sexuelle Vulneranz und deren Vertuschung sind zweifellos ein menschliches Problem; aber genauso zweifellos ein systemisches.
